Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 49 (18.6.1896)
- Date
- 1896-06-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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929 „Noch immer der alte, kleine Tollkopf/' schalt sie liebevoll. „Aber um des Himmels willen", fuhr sie dann fort, die Hände in plötzlichem Erschrecken zusammenschlagcnd, „so ganz allein bist Du im starren Winter den weiten Weg dahergekommen?" „Nun und wenn?" machte Martha, schnippisch das Köpfchen zurückwerfend. „Oder halten mich Madame vielleicht auch noch für das unmündige Kind, welches von Rechtswegen noch im Stechkissen gröhlen sollte? Schönes Kind das, welches nach meiner individuellen Arrsicht mindestens zwei Jahren schon verheirathet sein müßte. Ja wirklich, Helene, ganz im Ernst — ich fange mir an, zu alt zu werden. Achtzehn Jahre.' Aber das Schlimmste dabei ist, daß mich alle Welt noch für ein Kind hält und demgemäß behandelt. Ich sage Dir, das ärgert mich manchesmal so, daß ich platzen möchte. Da hast Du z. B. meine jetzige Reise. Ich wollte mich schon vor zwei Wochen auf den Weg machen, aber Papa und noch mehr Manra konnten'S nicht über das Herz bringen, das „Kind" allein reisen zu lassen und ich muß warten, bis mein hölzerner Herr Onkel Tobias in diese Gegend kommt, um Ochsen zu kaufen. Was, in aller Teufels Namen, gehen mich die Ochsen deS Onkel Tobias an? Die Bescheerung davon ist, daß im selben Eoupce mit uns ein wunderhübscher Husarenoffizier fährt. Onkel Tobias macht ein Gesicht, wie ein Tiger, heißt mich mit impertinenter Anmaßung barsch und kurz in den entgegengesetzten Coupeewinkel setzen und knurrt, so wie ich mir Miene mache, nach der anderen Seite hinüberzublinzeln, wie ein Cerberus. Ich sage Dir" — fügte sie mit gedämpfter Stinlme hinzu — „wenn ich so meinem Aerger nachgegeben hätte, dann wär'S zwischen uns zu einer netten Seene gekommen." „Zum Glücke aber bist Du zu gescheit, llnd dann, was hätte der Husarenoffizier dazu gesagt." „Mein Gott — das ift es ja eben.' Aber eine Genugthuung habe ich mir dennoch verschafft. Denke nur — der garstige Onkel wollte sich auch noch von der Endstation bis hierher an meine Rockschöße klammern!" „Ach — warum hast Du ihn nicht mitgebracht, den treuherzigen alten Freund." „Fiel mir gar nicht ein! Ich sagte zu ihm kurz und bündig: Bis hierher habe ich mich Ihnen gefügt, jetzt ist das Gehorchen an Ihnen. Sie besorgen hier ruhig Ihre Ochsengeschäfte und lassen mich die paar Stunden allein fahren. Ich will auch einmal in nwinem Leben ein paar Stunden selbstständig sein, denn nach dem Heirathen ist's ja doch nichts mehr damit. Das ist dieselbe Geschichte mit anderer Aufschrift. Und mit der Lebensgefahr, mit welcher Sie mir bange machen, kommt's ebenfalls so ziemlich auf eins heraus, denn wenn mich ohne Sie, wie Sie behaupten, die Wölfe auffreffen, so frißt mich in Ihrer Gesellschaft eben so gewiß die Langweile aus." Helene schlug der Freundin sanft auf die Wange. „Schelm, Du! Gestatte, liebe Martha, daß ich Dich dem Fräulein v. Mühlwald vorstelle." „Gleich, gleich", hastete Martha, das Fräulein mit einem Seitenblick firirend. Dann raunte sie Helenen leise in's Ohr: „Du — kennst doch den jungen Hellkopf oder Schafskopf, oder wie er sonst heißt — wie?" „Ja — nun?" „Ein netter Junge, nicht? Aber —" sie zuckte mitleidig mit den Achseln — „naiv wie eine Com firmantin." Helene legte lachend den Arm Martha's in den ihrigen, wendete sich mit ihr jum Fräulein und sprach vorstellend: „Meine kleine, ungezogene Freundin Martha Redeky — Fräulein Hortense v. Mühlwald, Comtesse von und zu Tojüsfalusi." „Sehr angenehm," lispelte das Fräulein mit vornehmem Kopfneigen. Martha machte dem Fräulein einen Knix, flüsterte aber unmittelbar darauf Helenen in's Ohr: „Fräulein? die scheint mir so gründlich sitzen geblieben zu sein, daß sie alle Hebel der Welt nicht »lehr vom Fleck bringen." Das Fräulein erhob sich mit Romeo im Arme. „Die Damen," lispelte sie, „werden sich so viel mitzutheilen haben, daß es Ihnen nur angenehm sein kann, wenn ich sie allein lasse." „Wie'S Ihnen beliebt, liebe Mühlwald." DaS Fräulein nickte leicht mit dem steifen Nacken und schwebte mit unvergleichlicher Grandezza aus dem Zimmer. „Weg ist sie!" ries Martha, mit Daumen und Zeigefingern durch die Lust schnalzend. „Was ist denn daS für eine Vogelscheuche? Und diese Person soll Deine Gesellschafterin sein, mit dieser sollst Du Dich gesellig unterhalten?" Sie brach in ein schallendes Gelächter aus. „Na, höre mal — da hätte Dir Dein Herr Gemahl —". Sie verstummte jäh und betroffen. Ein tiefer Schatten, der bei Erwähnung des Grafen über Helenens Stirne flog, sagte Martha, daß sie in unbedachtem Muthwillen eine unvernarbte Wunde des Freundin berührt hatte. Sie schlang ihre Arme um den 'Nacken Helenetts und schaute ihr mit reuevoller Abbitte in die ernsten Augen. „Zürnst Du meiner Thorheit?" flüsterte sie, während ein feuchter Glanz ihre Augen überflog. „Nein, Schatz," versetzte Helene sanft, „aber cs ist nun einmal so, daß mein ganzes Wesen unwillkürlich überläuft wie ein Spiegel, den man anhaucht, wenn von ungefähr das Gespenst der Vergangenheit