Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 45 (4.6.1896)
- Date
- 1896-06-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVli Jahrgang. Erste Beilage?it M 45 des „Israelit". Leitender Artikel. Die iWQflitifdie ®r)UI)ungs-$nftntt ju Ahlm bri Arumiiier. 21h lem-Hannover, im Mai. Unserm erstmaligen, sich über einen Zeitraum von zwei Jahren erstreckenden Rechenschafts-Berichte können wir wohl keine bessere Empfehlung unserer Anstalt mit aus den Weg geben, als die Mittheilung, daß dieselbe, am 2. Juni 1893 mit nur 9 Zöglingen ei öffnet, im Winterhalbjahr 1895 von 54 Zöglingen besetzt war, während mehr als 100 Bewerbern die Aufnahme aus noch näher darzulegenden Gründen versagt werden mutzte. Tiefer Umstand ist gewiß das beste Zeugnis, wie sehr die Ziele und Zwecke unseres Instituts gewürdigt werden, daß thatsächlich der Sinn für Ackerbau und Gartenbewirthschaftung unter den Israeliten vorhanden ist und nur des Momentes harrte, sich bethätigen zu können. Hiermit aber ist gleichzeitig nicht nur die Existenzberechtigung unserer Anstalt, sondern mehr noch die zwingende Nothwendigkeit, dieselbe ins Leben zu rufen, bis zur Evidenz erwiesen Sind wir somit der Mühe überhoben, uns hier noch über die Motive des Weitern ergehen zu müssen, welche den «Ltifter bei der Schöpfung der Anstalt leiteten, so erachten wir es um so mehr als eine angenehme Pflicht, unfern Freunden einen kleinen Einblick in das Wesen, die Einrichtung tllld die zu erstrebenden Ziele unserer Anstalt zu gewähren. Vorab sei, wenn auch bereits bekannt, erwähnt, daß unsere Anstalt ein zweiiaches Ziel verfolgt: 1) Knaben unlrr 11 Jahren in der Anstalt zu erziehen, sie mit den nöthigen Volksschulkenntnissen auszurüsten und gleichzeitig d.ren Sinn für jegliche Art praktischer Berufsthätigkeit zu wecken und zu pflegen. 2t Zöglinge, die dem schulpflichtigen Alt r entwachsen sind, zu Landwirrhen und Gärtnern hcranzubildeu Diesen Zwecken dient ein etwa 13 da großes, an der Harenberger Chaussee in der Nähe des Limmer Brunnens belegenes Grundstück, das mittelst^Straßenbahu in curia 1/2 Stunde vom Mittelpunkte der Lckadt Hannover zu erreichen ist. Das Grundstück mußte so groß gewählt werden, weil nur eine Vielseitigkeit des gärtnerischen und landmirthschaftlichen Betriebes die Möglichkeit zu einem mustergültigen Anlernen unserer Zöglinge bietet: es ist sogar noch eine weitere Vergrößerung um etwa 41 /a ha in Aussicht g uommen; und wenn der Ankaufspreis auch im Ganzen unsere Mittel stark in Anspruch .nahm, io ist er doch ein recht mäßiger mit Rücksicht auf die gute Lage an der Straße und in der Nähe der großen Stadt. Auf dem Grundstücke sind errichtet : ein Hauptgebäude zur Unterbringung von 60 Zöglingen nebst 2 Lehrern, Aufnahme der Schule und des Burcarrs: ein kleineres Wohngebäude für sonstige Beamte: verschiedene Wirthschaftsgebäude und mehrere Gewächshäuser. Die wiederholt aufgeworfene Frage, ob es nothwendig oder auch nur rathsam, mit der Ackerbauschule für Lehrlinge eine Unterrichts- und Erziehungsanstalt für Knaben zu verbinden, mußte von jedem mit den Verhältnissen Veltrauten im bejahenden Sinne entschieden werden. Wer in der Gegenwat t der Bodenkultur sich widmen und dieselbe rationell und mit Erfolg betreiben will, muß in ihr groß geworden, muß sozusagen aus der zu bearbeitenden Scholle herausgcwachsen und theoretisch und praktisch für diesen Beruf vorgebildet sein. Der Körper muß früh abgehärtet, die Muskulatur gestählt, der kindliche Sinn zeitig auf die Bodenkultur hingelenkt, die Freude ani produktiven Schaffen geweckt und die Lust am Werden, Wachsen und Gedeihen in der Natur thunlichst früh gefördert werden. Das ist im israelitischen Privathause nach den bisher gegebenen Verhältnissen nur in den seltensten Fällen möglich, dahingegen dürfen wir hoffen, aus unserer Anstalt einen Schlag geistig und körperlich gesunder, abgehärteter, zielbewußter, schaffensfreudiger Menschen hervorgehen zu sehen. Thatsächlich konnten wir häufig zu unserer Freude feststellen, daß Knaben, welche bleich und mit schlechter Körperhaltung bei uns eintraten, sich schon nach wenigen Monaten so geändert hatten, daß die Angehörigen durch das blühende Aussehen und die feste militärisch-gerade Haltung aufs angenehmste überrascht waren. Wir dürfen daher wohl hoffen, daß diejenigen in unserer Anstalt befindlichen Kinder, die sich demnächst der Bodenkultur widmen wollen, die besten Rekruten für unsere Gärtnerei und Landwirthschast stellen weiden. Allerdings mutz vorausgesetzt werden, daß die Kinder im allgemeinen gesund an Geist und Körper eintreten. Geistig oder körperliche defekte, oder in der Erziehung bereits allzusehr vernachlässigte Knaben bilden rin Hindernis, unter Umständen eine Gefahr für die übrigen Zöglinge. Aus diesem Grunde lag uns die Pflicht ob. Vorsicht bei Aufnahme der Zöglinge walten zu lassen, manchem die Aufnahme ganz zu versagen, manchen nach kurzem Weilen in der Anstalt wieder zu entlassen. In einigen Fällen, wo wir durch ungenaue ärztliche Atteste zur Aufnahme veranlaßt waren, haben wir allerdings die bcdauernswerthen Knaben aus Mitgefühl nicht gleich wieder fortsenden mögen, wenngleich uns dadurch nickt unbedeutende Kurkosten erwuchsen. Die häufigste Zurückweisung von Anmeldungen mußte indessen — leider — aus einem andern Grunde erfolgen: Sehr oft waren die Angehörigen der Aufnahme suchenden Knaben nicht imstande, auck nur den allerbescheidensten Zuschuß zu den Erziehungskosten zu leisten, während die Anstalt, wie sich aus dem nachfolgenden Finanzberichte ergiebt, infolge ihrer beengten finanziellen Lage vorläufig auch nicht imstande ist, Zöglinge vollständig frei aufzunehmen. Eine Zurückweisung aus diesem Grunde ist um so bedauernswerther. als sie uns der Erfüllung unserer Aufgabe entfernt, für die Zukunst des zurückgewiesenen Knaben aber auch geradezu verhängnisvoll werden kann. Denn den meisten der uns zuzuführenden Knaben soll unsere Anstalt das Elternhaus oder die ihnen mangelnde Erziehung s- und Pflegestätte ersetzen; — sind ihnen unsere Pforten verschlossen, wer weiß, welchen! Schicksale sie dann verfallen! Da außerdem die jetzigen Räume nur für höchstens 60 Zöglinge ausreichen und diese Zahl beinahe erreicht ist, so ist cs ein dringendes Bedürfnis, Neubauten aufzurichten und diese auszustatten. Wir dürfen uns wohl der Hoffnung hingeben, daß unser Sireben zur Erreichung des unserer Anstalt gesetzten Zieles von ollen Großes und Edles fördernden Israeliten des Jn- und Auslandes gern getheilt werden wird. Denn die Anstalt dient nicht lokalen, nicht separatistischen, nict t religionsparteilichey Zwecken, sie ist vielmehr Gemeingut aller Israeliten; israelitische Knaben aus allen Theilen Deutschlands und anderen Ländern finden hier Aufnahme; die Ziele, welche sie erstrebt, gereichen der Gesammtheit zum Heile. Möge darum ein jeder in Israel es als eine Ehrenpflicht betrachten, von den Mitteln, die ihm Gott gegeben, das L einige beizutragen, um ein Werk krönen und vollenden zu helfen, für welches der Stifter nicht nur ein erheb-