Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 45 (4.6.1896)
- Date
- 1896-06-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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SP SWMVW 843 auch Helene endlich von dem unerträglichen Zwange der Verstellung. Nun braucht sie nicht mehr bei trauerndem Herzen Freundlichkeit zu heucheln, konnte sie, wie es ihr Gemüth heischte, innerlich und äußerlich Trauer anlegen, konnte sich in einem einsamen Gemache von dem Treiben der Welt abschließen! Was war ihr von all' der schillernden Herrlichkeit, die ihr einst gewinkt, übrig geblieben? Eine frühgewelkte Jugend, eine schrnerzbeladene Erinnerung und eine grau sich aufthuende Zukunft. Wo ist das lockende Ziel, für welches sie Volksstamm und Ahnenglauben abgeschworen?-Aber bald wurde ihr auch das einsame Zimmer, auf welches sie sich zurückgezogen, zu geräuschvoll, lag es doch im Palais ihres Vaters, in der belebtesten Straße einer Weltstadt. Der Widerwille gegen die Welt war in ihr so groß, daß er ihr auch den Lärm derselben, der von der Straße hereindrang, unerträglich machte. Dazu kam noch die frivole Einmischung der Tagespresse, welche in selbstsüchtiger Absicht die Angelegenheit auf die Gasse trug und die Angst vor dem, ihrem Bruder drohenden Prozesse, uni ihr den Aufenthalt in der Stadt zu verleiten. So reifte denn eines Tages der Entschluß in ihr, aus dem Bereiche all' der Widerwärtigkeiten zu entfliehen, und zwar an einen Ort, wo nichts sie in ihrem Drange nach Weltabgeschiedenheit stören sollte. Hierzu dünkte ihr kein Punkt in der Welt so geeignet, als jenes entlegene Schloß in der Nähe der ungarischen Pußta.- Einige Monate sind vergangen. Wieder ruht die Herrin des einsamen Schlosses in der Nähe des einsamen Kamins und schaut traumverloren zu dem spielenden Feuerschein nieder, den die Flammen auf das flaumenweiche Rehfell zu ihren Füßen warfen. Alles in dem Gemache ist unverändert bis auf den Platz, wo früher der große Betstuhl gestanden; diesen nimmt jetzt ein großer Bösendorfer Flügel ein. Den Betschemel hat sie dem Pfarrer der kleinen Dorfgemeinde in der Nähe des Dorfes geschenkt, indem sie vorgab, sie selbst wolle, einem Triebe ihres tief gebeugten Gemüthes folgend, nunmehr in allen Dingen jedem äußeren Prunke entsagen, und ihr Gebet auf dem nackten Boden kniend zum Himmel senden. Der Pfarrer konnte nicht anders, als eineni demuthvollen Entschlüsse seine seelenhirtliche Zustimmung zu verleihen, ermahnte jedoch die gnädige, hochgeborene Frau, dieselbe solle ihr Auge nicht unverwandt auf ihren Gram gerichtet halten, denn das trübt den Blick, ein trüber Blick aber könne auch den Glanz der Religion nicht mehr klar schauen. Da aber Einsamkeit die beste Hegeamme der Trübsalsucht ist, so bot er sich Ihrer Gnaden an, des öftern auf's Schloß kommen zu wollen, um in gottverwandten Gesprächen aus den Wahrheiten des Evangeliums Trost zu spenden; die Gräfin jedoch lehnte zur nicht geringen Verwunderung des Pfarrers dieses Anerbieten verbindlich, aber recht entschieden ab. So lebte sie denn in völliger Abgeschiedenheit von der Welt und nur einige männliche und weibliche Domestiken und das Fräulein Hortense von Mühlwald theilten mit ihr den Sitz auf dem Schlosse. Die Umstände, unter denen ihr Gatte umgekommen war, hatten tiefer auf sie gewirkt, als dessen Tod selbst. Sie erkannte cs erst jetzt, daß die schnöde Art, mit welcher der Graf sie behandelt hatte, längst jedes festere Band zwischen ihm und ihr gelockert, denn kaum hatte sich der düstere, trostberanbte Eindruck etwas gemildert, mit welchem der unvermuthete Tod einer Perlon unseres täglichen Umganges das Gemüth erschüttert, als auch schon das Bild des Grafen verblaßt vor ihrer Seele stand, als hätten schon Jahrzehnte an ihm ihre vernichtende Kraft geübt. So entsprang denn ihre Weltscheu nicht der Leere, welche nach einem uneinbringlichen Verlust dem Menschen überall entgegengähnt, sondern jener ©tumpfbeit, die nach einer Zeit andauernder Leiden das arme Gemüth für jeden Lebensreiz unempfänglich macht. Draußen war ein kalter, aber krystallklarer Wintertag. Eine hohe Schneedecke lag auf den Dächern unb hüllte gleichmäßig die ungarische Ebene ein so weit das Auge schaute, und auf diese Decke strahlte die Dezembersonne in blendendem Glanze herab. Die Sonne schien auch die junge Wittwe mahnen zu wollen, an der funkelnden Heiterkeit des Tages ein Beispiel zu nehmen und derselben ihr Gemüth aufzuthun. Die Sonne sandte ihren freundlichen Schein durch die hohen Fenster in breiten, goldenen Strömen in das vornehme Gemach, er erglühte auf den Bronzearmen des Luftres, verfing sich in dessen zahlreichen CrystallpriSmen, aus welchen er wieder in regenbogenfarbigen Blitzen hcrvorsprühte; er flog über die großen venetianer Spiegel, daß sie wie von innen durchleuchtet aussahen, und als das alles nichts fruchtete, schmiegte er sich gar demüthig, wie nur etwas flehend, zu Füßen der jungen Frau, das Rehfell dasselbft in ein goldenes Vließ verwandelnd. Aber alles Mühen schien vergebens; nichts vermochte Helene aus ihrem träumerischen Sinnen zu erwecken. Da drehte sich ein Flügel der hohen Thüre geräuschlos in den Angeln und der Kopf eines Mädchens, der Kammerzofe, spähte in das Zimmer. „Ew. Gnaden," sprach nach einigen Augettblicken die Zofe halblaut, „ein Brief aus Budapest." Die Gräfin wendete hastig den Kopf nach der Thüre, erhob sich dann rasch und nahm von dem Mädchen, welches ihr voll Eifer entgegcncilte, den Brief entgegen. Ein Blick auf die Ueberschrift sagte ihr, daß Arthur denselben geschrieben habe; sie trat an's Fenster, öffnete mit vor neugieriger Erregung