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Der Israelit · 1896-06-01 · Heft 44 (1.6.1896) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 44 (1.6.1896)
Date
1896-06-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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XXXVU. Jahrgang. M 44. Der Israelit. et« Kenlrak-Hrgan für das orLHodoiee Iudenlhum. Begründet von Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 1. Juni 5656 (1896). Leitender Artikel. Sprüche der Wäler. Sechstes Buch. IV. Mainz, den 31. Mai. (Fortsetzung aus Nr. 42 und 43.) Allerdings ist die Möglichkeit zu fehlen und von der geraden Richtung abzuweichen auch bei höchster Vollendung niemals ausgeschlossen. Ja die Gefahr zu straucheln und zu fallen ist bei den in idealer Höhe Wandelnden so naheliegend, wie bei denen, die in räumlicher Höhe sich frei bewegen. Je reiner und glänzender die glatte Fläche, um so leichter braucht der Hauch zu sein, welcher sie trübt. Kaum kann es anders sein. Der vollendet Edle, wie der noch sittlich Ungebildete hat dieselbe göttliche Seele mit denselben Kräften und Anlagen. Diese Seelenkräfte sind alle an und für sich weder gut noch schlecht. Sie werden es erst durch die Motive, die sie erregen, die Ziele, denen sie dienen und die Absichten, welche sie begleiten. Lieben und Hasten, Zorn und Sanftmuth, Festigkeit und Nachgiebigkeit können schlecht und gm sein, je nach den Zielen und Zwecken, für welche sie sich bethätigen. Wer Edles liebt und Schlechtes haßt, der wendet die Seelenkräfte der Liebe und des Hasses zum Guten an. Wer Edles haßt und Schlechtes liebt, bethätigt diese seeligen Anlagen in schlechter Weise. Es wäre nun denkbar, daß selbst der bescheidenste, sanftmüthigste Chasid z. B. von der Seelenkraft des Zorns einen Unrechten Gebrauch in vorübergehender Aufwallung macht, ohne deßhalb aufzuhören ein Chasid zu sein. Die Möglichkeit eine der unzähligen Seelenkräfte falsch anzuwenden, bleibt auch bei dem sittlich Vollendeten niemals ausgeschlossen. Ginge dem Chassid die Fähigkeit und Möglichkeit zu zürnen ab, so wäre seine Sanftmuth kein Verdienst. Auch die Beschäftigung mit der Thora in lauterster Absicht hat nicht die Kraft diese seelischen Anlagen und die Möglichkeit ihres Mißbrauchs aufzuheben. Sie kann die sündhafte Anwendung der Seelenkräfte nicht von dem Thorabefliffenen entfernen, aber sie vermag mehr als das. Sie entfernt den, der min nüvb lernt, von der Sünde. Die Möglichkeit zu fehlen, zu irren bleibt; aber die Vertiefung in die Wahrheiten der Thora, läutern, veredlen nnd verklären das ganze Denken, Fühlen und Wollendesten, der sich ihr hingibt derart, daß kein Gedanke, kein Gefühl, keine Vorstellung aufzukommen vermag, die zu einem Abweichen von der Gott gefälligen Richtung reizen. Es heißt deßhalb hier von dem mwa pDiy no«6 nicht ucd wann rw pmoi, sondern p lnpmoi NDrr. Seine Vertrautheit mit der Thora schützt ihn vor der Möglichkeit auch des leisesten Abirrens von der gottfälligen Lebensbahn und damit kommt er der sittlichen Vollendung nahe, die hier durch nisi n'b inmpD ausgesprochen ist. Diese Vollendung äußert sich in dem beglückenden Einfluß, den ein solcher Thorakundiger aus seine Umgebung übt. Man wäre nämlich leicht zu der Annahme geneigt, daß eine solche rückhaltlose Hingebung an die Worte der Thora, ihren treuen Jünger von der Welt und der Wirklichkeit abzöge und ihn zu einem teosophischen Träumer oder doch zu einem unfruchtbaren Büchergelehrten und Kathederweisen mache. Das vollendete Gegentheil ist der Fall, mnyi nrn rrtpim nxy uöd ]\nji. Ein solcher Thoragelehrter, ein solcher Talmudjude, wie er in dem Jargon einer gewissen zeitgenössischen, judenfeindlichen Tagespreste heißt, isi der erprobteste Rathgeber in allen schwierigen Lebenslagen, er ist gerade ein lebendiges Conversationslexikon. Weil die Thora, in der er Tag und Nacht mit einer Beharrlichkeit und Emsigkeit sondergleichen sinnt, das ganze, vielgestaltige Leben umfaßt, weil er diese Thora nicht für die Theorie, sondern für die Praxis lerrt, deßhalb ist er überall zu Hause, deßhalb ist ihm nichts Mensch-

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