Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 42-43 (28.5.1896)
- Date
- 1896-05-28
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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WPWMWWW 819 bis zu Ende hören. Wie sie gingen und standen, stürzten sie die Straße und den Platz entlang in Graumann's Behausung. Die Frau empfing sie erstaunt. „Was ist vorgefallen?" fragte sie erschrocken. „Was wollt Ihr so zeitig hier?" „Ist Isidor zu Hause?" erkundigte sich Friedländer mit bebender Stimme. „Rein," sagte die Mutter mit stolzem Lächeln. „Er macht einen Ausflug. Ein Offizier und ein Amtsrichter sind noch dabei. Sie haben ihn gestern auch besucht, meinen Isidor." Hier sing Regina laut zu weinen und Friedländer zu zittern an. „Was ist los mit Euch? Was fehlt Euch? Ist bei Euch Alles gesund?" fragte Frau Graumann besorgt. In diesem Augenblick fuhr ein Wagen vor. „Er kommt schon zurück," sagte sie flüchtig hinausblickeud. „Erst mußt Du mir aber sagen, was Euch ist, Regina," sprach sie und ergriff ihre Hand. „Gar nichts mehr, ich bin ganz glücklich," versicherte Regina mit Freudenthränen in den Augen und schaute dein Eintretenden entgegen. „Boruch habo!" rief Friedländer mit lauter Stimme und breitete seine Arme nach dem Ankömmling aus. Die Mutter stand verständnißlos dieser Scene gegenüber. Der Referendar wehrte mit bleichem, aber glücklichen Gesichte die ihm zugedachte stürmische Liebkosung ab. „Vorsicht!" sagte er leise und zeigte auf den rechten Arm, der in einem Verband unter dem umgehängten Paletot sich befand. Dann wendete er sich zu Regina: „Sie haben davon erfahren und Sie haben sich wirklich ein wenig um mich geängstigt!" „Isidor!" sagte Regina, halb vorwurfsvoll, halb abwehrend und der junge Mann wunderte sich, welchen melodischen Klang der häßliche Name unter Umständen haben konnte. Es dauerte eine sehr lange Zeit, bis man Mama Graumann den Sachverhalt klar machen konnte. Und bis auf den heutigen Tag hat sie nicht vollständig begriffen, daß ihr um Haaresbreite der Sohn entrissen worden wäre. „Weil er Dich und alle Juden beschimpft und gekränkt hat, will er Dich todtschießen?" grübelte sie. „Natürlich kann das Gott boruchhu nicht zugeben. Was wundert Ihr Euch also, daß er bloß einen Schuß in den Arm bekommen hat und der Andere in die Lunge? — Ich mein' sogar, er wird für irgend etwas den zerschossenen Arm verdient haben, sonst hätt' Gott boruchhu den Andern überhaupt daneben schießen lassen." Graumann geht trotz der Freude über die geringfügige Verwundung des Sohnes und den Stolz auf denselben als Held des Tages doch etwas verstinlmt einher. „Er ist doch ein halber Goj geworden," sagte er unzufrieden zu seinem Intimus, Reb Bär. „Hat man je gehört, ein jüdischKind geht sich schießen wegen Beleidigung? Er hält' ihn doch beim Schiedsrichter verklagen können, er hat doch Zeugen gehabt."- Als nun gar am darauffolgenden Sabbat der Rabbiner von der Kanzel herab den Vorgang streifte, das Duell an sich zwar als unjüdisch und unmoralisch verwarf, aber doch seiner Genugthuung Ausdruck gab, daß sich unter Israels Jugend noch Männer fänden, die bereit wären, ihr Blut für ihre Ueberzeugung und den heiligen Glauben zu verspritzen, und als die ganze Gemeinde von dem Vorgang mit Begeisterung redete und mit Stolz und Hochachtung auf den ergriffenen alten Vater des jugendlichen Kämpfers blickte, da ging auch diesem eine Ahnung auf, daß seine bisherige nüchterne Auffaffung nicht ganz am Platze war. Mit stolz geschwellter Brust schloß der Vater den halbgenesenen Sohn mit Freudenthränen in die Arme. „Mein Isidor!" sagte er in so innigen, zärtlichen Tönen, wie sie dem etwas prosaischen Manne nicht immer zu Gebote standen. „Welche Ehren und Freuden hast Du über unser Haus gebracht. Wie selig sind die Eltern zu preisen, die einen echten Jehudi wie Dich, ihren Sohn nennen!" Da war es um Jsidor's Selbstbeherrschung geschehen. Die Reue, die seit einigen Tagen der Selbfteinkehr über ihn gekommen, das beschämende Bewußtsein unverdiente Lobsprüche zu empfangen, schmolzen die letzte Rinde von seinem Herzen, die Ehrgeiz und Streberthum drumgelegt hatten. — Mit stockender Stimme, ohne sich zu schonen, machte er dem schmerzlich aufhorchenden Vater das Bekenntniß seiner Unwürdigkeit, gestand ihm, mit welchen gottlosen Plänen er sich getragen, und wie erst der Angriff auf seine Glaubensbrüder ihm unwiderleglich zum Bewußtsein gebracht habe, daß er mit allen Fasern seines Herzens an seinem Volke hänge und die Schmach, die diesem angethan werde, aus seiner Stirne brennen fühle. „Aber es soll anders werden," schloß er leuchtenden Auges. „So wahr ich hoffe, einst ein frommes jüdisches Weib in mein Haus zu führen, so aufrichtig gelobe ich Dir, von nun an die abschüssige Bahn zu verlaffen und ein Jude in Eurem frommgläubigen Sinne zu werden."