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Der Israelit · 1896-05-28 · Heft 42-43 (28.5.1896) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 42-43 (28.5.1896)
Date
1896-05-28
Page
– (sequence 11)
Language
German
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803 Marburg, im Mai. (Religion, Ethik und Antisemitismus.) „Wenn jene falschen, tückischen, das Gemüth und den Geist des Volkes schwächenden Leidenschaften in Kirche, Staat und Gesellschaft wieder gebändigt sein werden, dann wird der Genius des deutschen Volkes, die Liebe zur Philosophie, zur echten, mit Wissenschaft und Kunst verbundenen wieder erwachen und in alle Wege die deutsche Kulturarbeit leiten." Mit diesen Worten schließt Herr Hermann (5 o h e n die Einleitung der vor Kurzem erschienenen 5. Auflage von Fr. Alb. Lange'S „Geschichte des Materialismus", jenem epochemachenden Werke, das bekanntermaßen als eine der hervorragendsten Leistungen auf dem Gebiete der Philosophie allgemein gilt. Der Herausgeber der letzten Auflagen, der Nachfolger Lange'S auf dem Marburger Lehrstuhle für Philosophie hat zu dem Werke einen kritischen Nachtrag geschrieben, auf dessen anregende Auseinandersetzung in dieser Zeitschrift näher einzugehen nicht am Ort ist. Ein Abschnitt desselben erscheint mir jedoch von so allgemeiner Bedeutung, daß die jüdischen Zeitschriften die Pflicht haben, seinen Inhalt wörtlich den weitesten Kreisen zugänglich zu machen. In dem Kapitel „Verhältniß der Ethik zur Religion" gibt Professor Cohen folgenden Exkurs über den Antisemitismus. „Während in allen Fragen der Wissenschaft und Kunst das vergleichende Interesse begünstigt wird, wird es bei der Religion, wo die Horizont-Erweiterung am meisten noth thut, vernachlässigt, und die größten Philologen machen Schulknavenschnitzer, wo es gilt, der eigenen Confession den Besitztitel eines Satzes zu retten und der fremden ihn wegzudeuten, llnd natürlich sind es immer nur sittliche Gedanken, um die die Confessionalisten sich streiten; denn um ein Dogma über die eine oder die andere der göttlichen Naturen wird heutzutage keine Bemühung mehr geschätzt. Daher denn die Bekenner der fremden Religion, denen die fragliche religiöse, das ist aber vielmehr sittliche Wahrheit abgeleugnet wird, dadurch moralisch enthauptet werden. Ein erstaunliches Beispiel solches religiösen Unrechts bietet die neuerliche Exegese am Gebot der Nächstenliebe, welches man im alten Testament auf die Volksgenossen bezieht, während an der betreffenden Stelle ein paar Verse weiter cs zum Ueberfluß ausdrücklich heißt: .Du sollst den Fremdling lieben, wie dich selbst." Hugo Grotius hatte auch die falsche Meinung, aber er hatte doch die Ehrlichkeit hinzuzufügen, daß nach der Interpretation des Talmud oer Nächste jeder Mensch sei. Unserem Zeitalter fehlt dieses Minimum historischer Wahrhaftigkeit, obzwar wir seit Herder den Sinn für Weltliteratur haben sollen, der den echten Grund menschheitlicher Gesinnung bildet. Diese der wissenschaftlichen Wahrheit widerstrebende, den Sinn für Wahrhaftigkeit erlödlende böse Einwirkung der religiösen Reaktion, welche das Ende des Jahrhunderts kennzeichnet, ist der eigentliche Herd und das giftigste Mittel der Conflicterscheinung zwischen Religion und Ethik, welche sich den für christliche Völker besonders geschmacklosen Namen des Antisemitismus gestiftet hat. Naeenaffecte und wirthschaftliche Schlagworte hätten die Verwirrung und Verbitterung nicht festhalten und verschärfen können, welche die gebildeten Klassen, und vorzugsweise natürlich Diejenigen, welche an dem Kampfe um die Aemterprivilegien betheiligt sind, dermalen beherrscht. Die Selbstgerechtigkeit hätte nicht so vorlaut werden können, bis sie mit eigenen Krach elend enden muß. Und das Racengefühl hätte niemals bei einem, gerade in Stammesfragen so edlen Volke diese blutige Natur annehmen können, bei der die Narben fast schädlicher sind als die Wunden. Der Glaubenseifer hat den Racentrieb zu eineur nationalen Impuls geheiligt, llnd in Verquickung mit der religiösen Befangenheit wird das gesunde Prinzip der Nationalüät zu einem unsittlichen, denn ihr gegenüber wird die Menschheit zum Störenfried, zu einem mittelalterlichen Universale und die Nächstenliebe wird, was sie in der Weltgeschichte von jeher war, ein literarisches Prunkstück, glänzend genug, uin als ebenso plumpes, wie durchschlagendes Losungswort bei der Predigt des Nächstenhasses brauchbar zu bleiben. Denn wenn der alte Bund keine 'Nächstenliebe hat, so fehlt der Religion des Judenthums das Grundgesetz der Sittlichkeit. Denn wenn sie es im alten Testament nicht haben, so haben sie es im Talmud gewiß erst recht nicht. Und wer kennt, wer weiß überhaupt von der religiösen Fortentwickelung, die das Judenthum in diesen neunzehnhundert Jahren vollzogen hat in seiner religionsphilosopischen Literatur? Diejenigen, welche das neue Testament wissenschaftlich erklären, kennen die zeitgenössische talmudische Literatur nicht, aus der es zum Theil hervorgegangen, und ohne die auch die hellenistischen Quellen nicht genügend verständlich werden. Die praktische Consequenz dieser religiösen Ungerechtigkeit gegen das alte Testament liegt auf der Hand. Menschen und Mitbürger, welche trotz der Theilnahme am Lichte der nationalen Cultur einem Glauben treu bleiben, dem das Grundgesetz der Nächstenliebe fehlt, können nicht als Gläubige geachtet werden, sondern nur als eigensinnige Don Quixotes, welche die Eigenliebe des Stammes pflegen, und somit der nationalen Gesarnmtheit fremd bleiben wollen. Und die Ueberläufer, die man ebenfalls auf dem Gewissen hat, bestärken in dieser Verdächtigung. Solche rudimentäre Sonderlinge verdienen keinen politischen Schutz, und

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