Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 40-41 (21.5.1896)
- Date
- 1896-05-21
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448646--41827-2490802- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
v'*?*'*' 790 talar, eine Zobelmütze auf dem Haupte, in der Hand einen Stab mit goldenem Griff. Da erhoben sich alle und begrüßten ihn ehrfurchtsvoll, denn sie erkannten in ihm einen weitläufigen Verwandten. „Scliolaiim alechem! Wie gehts! Setzt Euch! Trinket ein Gläschen Wein!" und dergleichen. Der Gast setzte sich zu Tische, aber alle Speisen und Getränke, die man ihm vorsetzte, schüttete er auf seinen Seidentalar, seine Zobelmütze und seinen goldbelegten Stock. Die erstaunten Tischgenossen befragten den Gast ob seines wunderlichen Benehmens und dieser antwortete: „Nicht mir, sondern meinem Seidentalar, meiner Zobelmütze und meinem goldbelegten Stock gilt ja die Ehre, die Ihr mir erweiset. Ließet Ihr mich nicht soeben zur Thür hinauswerfen, als ich in ärmlicher Kleidung unter Euch trat?" — Sprach's und verschwand. Das war Eliah der Prophet. In einer Stadt lebte einmal em steinreicher Mann, der sehr hartherzig und hochmüthig war. Wohlthaten übte er nur, wenn er sicher war, daß man in der Welt davon erfahren und ihn rühmen würde, und wenn er ein Almosen gab, kränkte er dabei den Empfangenden so sehr, daß diesem lieber gewesen wäre, nichts zu bekommen. Diesen Mann beschloß Eliah zu demüthigen. Als armer Baal-Darschan (Wanderprediger) kam er einmal in die Stadt und erbat sich beim Rabbiner die Erlaubniß, am Sabbat in der Synagoge zu predigen. Die Predigt war sehr erbauend und belehrend und alle Zuhörer waren entzückt. Vor Zeiten war es üblich, daß der Baal- Darschan am Sonntag in Begleitung einiger frommen und gelehrten Männern den angesehenen und reichen Mitgliedern der Gemeinde Besuche abstattete, und von jedem eine Geldgabe in Empfang nahm. So that auch Eliah der Prophet und unter Andern besuchte er auch den hochmüthigen, reichen Mann. „Eure Derascha, Rabbi, hat mich bezaubert, und ich will es Euch lohnen nach meiner Gewohnheit", sagte dieser und griff eine Handvoll Ducaten aus der Tasche, „es ist Gottlob in der ganzen Gegend bekannt, daß ich der reichste Mann und der freigebigste Wohlthäter bin! Nicht wahr?" — wandte er sich an die Begleiter Eliah's. „Aber, ich habe gemerkt, Rabbi, daß Ihr ein geistvoller Mann seid; nun fordere ich von Euch, mir zuerst ein Näthsel zulösen. Wie kommt es, daß Ihr gelehrten und frommen Männer immer so bettelarm seid, und stets von uns Reichen Unterstützungen annehmen müsset?" — „Das will ich Euch gleich erklären," versetzte Eliah, „zuerst müffet Ihr ein Geschichtchen anhören. Es war einmal in einem Dorfe ein Schankwirth, der war ein sehr einfacher und unwissender Mann und da er nicht reich war, genoß er, wie es leider unter den Menschen üblick ist, keine Achtung. Kam er in die Stadt, hielt es Niemand der Mühe werth, ihn zu grüßen. Kam er in die Synagoge, mußte er ganz hinten bei der Tbüre stehen, da der Schammes von ihm keinerlei Gabe zu erwarten hatte. Der Mann aber war an diese Behandlung gewöhnt und sie kränkte ihn nicht. Einmal kaufte er ein Lotterielos und machte einen Haupttreffer. Davon erfuhr man natürlich in der ganzen Umgegend gar zu bald und nun war das Betragen der Leute gegen den verachteten Schankwirth mit einenl Schlage umgewandelt. Kam er in die Stadt, grüßte ihn ein Jeder zuerst mit größter Zuvorkommenheit; in der Svnagoge erhielt er vom Schammes den ersten Platz an der Misrach-Wand angewiesen, kurz inan trug ihn auf Händen und der gute Mann konnte sich vor Staunen nicht fassen. Zu Hause berieth er mit seiner Iran über diese jähe Ilmwandlung. „Was kann das fein, daß mich die Leute in der letzten Zeit so hätscheln? Mit mir ist ja gar nichts vorgegangen, ich bin weder frömnier noch gelehrter, noch klüger geworden als wie zuvor, unb doch ehren mich die Leute unb respectiren mich so ungewöhnlich." Lange sannen er und die Frau über das Räthsel nach, bis endlich die Frau ries: „Vielleicht kommt es daher, weil Du jetzt reich bist, daß die Leute Dir so viel Achtung erweisen?" „Das kann sein," sagte der Mann; „ja Frau, Du hast Recht. Nicht anders. Wenn dem aber so ist, so muß ich doch denr Gelde Ehre erweisen, da es mir so viel Ehre einbringt." Um das Geld gebührend All ehren, ließ er aus der Hailptstadt die feinste Seide kommet!, ließ daraus Geldsäcke anfertigen, in welche er die hartell Thaler uitb die goldenen Dueaten schüttete, die bis dahin in dicken Beuteln aus grober Leinwand verwahrt wurden. Die neuen schönen Säcke hüngte er dann als Zierde an die Wand der guten Stube aus, unl denr Geld etiieu Shell der Ehre abzutreten, welche er dadurch genoß. Aber, o, kaum hingen die Seidensäcke eine Weile an der Wand, als sie sämmtlich zerplatzten und der Inhalt sickrollend auf dem Fußboden zerstreute. „Ach so," sprach der enttäuschte Schankwirth, „wie ich merke, kann sich das Geld nur in groben Säcken dauernd erhalten!" „Nun, begreift Ihr!" schloß Eliah seine Erzählung und verschwand. -1- * * Das ist ein Theil der Geschichten unb Legenden, bald heitern, bald crnstell Inhalts, die die jüdische Volksphantasie in alter und neuer Zeit um das Haupt des verklärten Propheten von Gitead gewoben hat. Während bei Arabern und Syrern der Prophet Eliah zur Schreckensgestalt verzerrt wurde, die an einen düstern Dämon erinnert, hat sein Antlitz im Gedächtnisse unseres Volkes die lieblichen Züge des Schutzengels angenommen, sein Haupt ist von der Aureole der Wunder umflossen, die ihm das gläubige,