Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 40-41 (21.5.1896)
- Date
- 1896-05-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVII. Jahrgang. Erste Keil. M M 40 & 41 des „Jamlit“. Leitender Artikel. Sprüche der Mater. Sechstes Buch. [II. Mainz, den 2<>. Mat. tvpmn ns htn O'pvn ns irr« an« jrn *opj . '121 nvnan ns ncro „E r wirb g e l teb te r Genoss e g ena n n t, er! ie bt <3 o11, liebt dieMensche n, erfreut b t e M e n s ch e n" u. s. w. Wer mit der Thora nnwb b. b. in der einzigen Absicht sich beschäftigt, ihren Inhalt kennen zu lernen und ihre Anforderungen praktisch zu verwirklichen, der ist ein Genosse Gottes. Ist ii> «in '«td i^d oityn ist das ganze Universum nur geschaffen, um einem sülchen Menschen als Mittel zu dienen den Willen des Weltschöpsers aus freiem Antrieb zu erfüllen, wie ihm jede andere Creatur instinktiv und gezwungen folgt, so ist ein solcher Mensch der treueste Mitarbeiter Gottes an den Hochzielen, für die eine ganze Welt ins Dasein gerufen wurde. Und eie Gottheit sieht nicht, wie in der alten, Heldnischen Götterlehre, neidisch und scheelsüchtig auf diele Mitarbeiterschaft. Wer sich die Thora in reiner Absicht aneignet und sie verwirklicht, der ist nicht nur ein Genosse, sondern ein geliebter Genosse Gottes. Denn er liebt Gott und dieses sichert ihm die Gegenliebe Gottes. Die Kenntniß der Thora uno die Erfüllung ihrer Mizwoth ist der einzige, eigentliche Weg, um Gott lieben zu lernen. Was man nicht kennt, liebt man nicht. Die Wege, Pläne und das Walten Gottes, so wert sie Menschen überhaupt zugänglich sein können, sind in der Thora niedergelegt. Die reine, selbstlose Beschäftigung mit ihr entflammt das Herz zu einer Liebe gegen Gott, die jede Liebe weit hinter sich zurückläßt, der Menschen sonst fähig sind. Während die Liebe, die wir sonst einem geliebten Gegenstand gegenüberbringen, uns bon jedem andern abzieht und auf einen einzigen Punkt concentrirt, macht die Liebe, in der wir für Gott erglühen, das Menschenherz weit und läßt uns alle Menschen liebenden Herzen umfangen. nvrn 'D pns -pniLv -pn „Den Weg Deiner Pflichten will ich rüstig beschreiten", singt in diesem Sinne ein Psalmlied (119, 32), „denn Du machst das Herz mir weit." Wer die Wege Gottes aus seiner Thora kennt und die Mahnung beherzigt irnrn rotoi diese Wege nun auch selber zu wandeln, wie dies uns die competentesten Erklärer des Gotteswortes, unsere großen Weisen lehren, den muß dieser Wandel in Gotteswegen zu der hingebendsten Menschenliebe führen. In Gottes Wegen wandeln heißt ihnen: «in nv ninn nns mm Wie Er erbarmungsvoll, sei auch Du erbaruiungsvoll u. s. w. Während einseitige Naturwissenschaft, die nur am Stofflichen haftet und daraus ihre Schlüffe zieht, in dem Menschen nichts als einen höher entwickelten Affen erblickt, lehrt ein Blick auf die ersten Blätter der Thora Gott als Vater aller Menschen und den Menschen im Ebenbilde Gottes geschaffen. Wer sich nviob in reiner, selbstloser Absicht nur in diesen einen Gedanken vertieft, muß in jedem Menschen den Bruder, das Ebenbild des Schöpfers lieben. Es kann nicht oft und nicht laut genug betont rverden, daß wahre Menschenliebe zu den schönsten Blüthen zählt, welche selbstlose Hingebung an die Thora zeitigt in einer Zeit, welche die Liebe zu den Menschen so ostentativ im Munde führt, um sie in der That in so brutaler Weise verleugnen, und sie vor allen Dingen den ältesten Priestern der wahren Humanität absprechen zu können, in solcher kann nicht entschieden darauf hingewiesen werden, wie die reine Hingebung an die Thora, das einzige Fundament ist, auf dem sich wirkliche Menschenliebe dauernd zu begründen vermag. Was reine, wahre Menschenliebe nicht erst seit heute und gestern zu einer so seltenen Erscheinung macht, daß sie ein altes Prophetenwort geradezu mit einer Blume auf dem Felde m»n ps« nDm vergleicht (Jesaja Cap. 4 >, V. 19), das hat in dem menschlichen Egoismus, in der rücksichtslosen Ausbeutung aller Zustände und Verhältniffe für das Selbstintereffe seinen letzten Grund. Das Feld wird aus Rücksichten der Nützlichkeit angelegt, die Blume aber dient der Befriedigung des Schönheitssinnes. Auf dem Felde erwerbt man daher keine Blume und wo sie sich dennoch findet, ist sie das treue Bild der Menschenliebe, die unter den auf Nutzen und Gewinn berechneten Bestrebungen fremdartig absticht. Was sollte man auch mit der Menschenliebe anfangen unter dem Regime von Bestrebungen, die alle mit dem Legirstempel der Nützlichkeit versehen sein müffen, um Gnade in den Augen unserer Glücksritter und Dividendenjäger zu finden! So lange man Menschen, Dinge, Zustände und Verhältniffe nach dem Gewinn und Nutzen würdigt, den sie einbringen, ist Menschenliebe, eine gutmüthige Thorheit, die Leistungen verlangt ohne jeglichen materiellen Vortheil, die daher nur im Munde lebt, in Wirklichkeit aber um so schmerzlicher vermißt wird, je salbungsvoller man sie predigt. Wenn aber der Wille Gottes, wie derselbe in der Thora niedergelegt ist, die alleinige Norm des