Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 40-41 (21.5.1896)
- Date
- 1896-05-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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mm- 775 die blitzenden Augen von den gekräuselten Brauen beschattet, schritt er geräuschlos aus dem weichen Gobelinteppichen aus und nieder. Plötzlich blieb er vor seiner Schwester stehen. „Ilona," stieß er aus schwer erregter Brust hervor, „dieser Zustand kann nicht länger fortdauern, er m u ß ein Ende nehmet:!" Sie ließ die Hände sinken irnd schaute mit einem leeren Blick zu ihm empor. Dann schüttelte sie stumm unb langsam den Kops. Er brauste ans. „Was — - Deitfel und Hölle! Eitt feiger Wicht, der das länger erträgt! Ein Bruder soll verstohleit bei flacht uild )lebel heranschleichen müssen, wenn er seine Schwester sehen will — Eltern soll es versagt sein die Schwelle ihres .Kindes zu betreten, ja es auch nur zu sehen — und das alles eines gräflichen Lumpen wegen, den man aus ben Klauen der Gläubiger befreit, dessen Prasserei noch immer aus fremde Kosten geschieht, der — — Laß' mich, sag' ich Dir!" rief er rauh, als sie eine besänftigende Bewegung machte, „wir verdienen es nicht besser, wenn wir jenen Schmarotzer nicht endlich abschütteln und in das Nichts zurückstoßen, aus welchem wir ihil erhoben. - Ha ... es erstickt mich . . ." Er tvar ganz roth im Gesichte geworden; er zerrte am Kragen seines Hemdes, als ob derselbe ihn würgte. Sie senkte ben Blick zur Erde und ihr Haupt setzte sich wieder zil einem leifeil Schütteln in Bewegung. Er trat einen Schritt zilrück und maß sie mit befremdenden Blickctt. „Wie," sprach er endlich gedebnt, „Du hängst — immer noch an ihm? Willst Dich rroch nicht „Ich wollte schon," versetzte sie leise mit einem tiefen Seufzer, „ich wollte schon, wenn es nur ginge. Aber es gehr nicht, geht nicht so, wie Ihr es Euch denkt. Oh, Bruder, tvas wißt Ihr von dem Leben eines Frauenherzens! Ich sehe schon," fuhr sie mit ermattender Stinltne fort, „es steht in den Sternen geschrieben, daß ich mein Schicksal schleppen muß bis —" „Ei freilich, Sterne — Schicksal," lachte er mit verhaltenem Grimm, „ihr freuten habt es gleich mit allen Geistern des Himmels und der Hölle zu thun. Die Migräne leset ihr vom Morgenstern ab, den Schnupfen vont Abendstern und wenn sich gar der Schoßhund die Schnauze verbrüht, dann muß sicherlich aitch der Polarsteril am Conlplott theilgenommen habell. Es treffen deßhalb so viele unnöthige Leiden die Frauen, weil deren Gedanken aiil'tQU von der klaren Bernunft, von Geisterglauben, Gespensterspuck und Gefüblsdllseleien gelenkt werdet!. In Gotteo Namen denn," fuhr er mit frostiger Kälte fort, „ich habe nichts mehr hier zu thun.. Der Himmel weiß, wie mir das Herz blutet, wie es mir in die Seele schneidet .... aber ich besitze kein Mittel Dich zu bewegen das zu thun, was jeder besonnene Mensch unter ähnlichen Verhältnissen thun würde. Somit — Adieu!" „Arthur," rief sie an seine Seite fliegend und umschlang seinen Hals mit ihren Armen. Sie wollte sprechen — aber ein gepreßtes Schluchzen machte es ihr unmöglich; unter krampfhaften Zuckungen sank sie an seine Brust. Er führte sie erschüttert zum Ruhebett, wo er so lange still an ihrer Seite saß, bis sie sich ausgeweint hatte, lind das dauerte ziemlich lang. — Seine Blicke, die eine große Rathlosigkeit verriethen, schweiften unstät durch das Gemach. Einigemal zuckte er, scheiilbar unbewußt, leicht mit den Schultern. Schließlich lehnte er sich wie ermüdet zurück und blieb mit den Augen gleichgiltig am Betstühle haften. Ilona war mittlerweile stille geworden und nun herrschte ein Schweigen, welches für Arthur bedrückend zu werden anfing. „Ein Prachtstück von einem Betsülhl," sagte er, um überhaupt etlvas zu sagen. „Sankt Petrus selbst darf Dich um ihn beneiden. Der praktische Werth desselben freilich, scheint nicht sonderlich groß zu sein. Bisher hat er Dir nicht viel geholfen. Doch halt,"er schlug sich lebhaft mit der flachen Hand auf's Knie, legte die Spitze des Zeigefingers an die Schläfe und fuhr, wie zu sich selbst fort: „Der alte himmlische Fahrstuhl da, hat mich ans einen Gedanken gebracht . . . Gewiß, es kann nicht fehlen. Die plausibelste Art der entgültigen Lösung — ich werde ganz heiter! Hörst Du, Du sentimentaler Trotzkopf," er zog seine Schwester zärtlich an sich, „so viel steht fest, daß Dir geholfen werden muß ulld wenn darüber auch der Himmel einstürzen sollte. Du lvillst Dich also um keinen Preis zunl Strohwittwerthum entschließen. Gut, wenn man's recht nehmen will, kann Dir das eigentlich kein vernünftiger Mensch verdenken. So müssen denn andere Mittel und Wege gefunden werden. Wie ich nun so eine Weile jenen Betstuhl betrachtete, überkömmt mich plötzlich, ich weiß selbst nicht wie, der Gedanke: Dort könnten ja noch ganz bequem Papa, Mama, Elvirc und ich selbst Unterkunft finden! Kurzum — ich glaube — wenn wir uns Alle mit Kind und Kegel beweihwaffern ließen-" „Stille," rief Helene fast bestürzt, „kein Wort weiter!" „Ich gehorche, nreine Liebe, aber Dir siehst, ich bin voll Verwunderung." „Besser meine Worte bleiben Dir ein Räthsel, als daß statt eines Menschen deren fünf die Schmach gesellschaftlicher Acht, den Fluch des Renegatenthums durch das Leben schleppen." „Gesellschaftliche Acht! — Von dieser sollst Du ja eben befreit werden."