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Der Israelit · 1896-05-14 · Heft 38-39 (14.5.1896) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 38-39 (14.5.1896)
Date
1896-05-14
Page
– (sequence 27)
Language
German
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767 Das alte Ghetto in Venedig. °—3<5®xr~° Das Bild, das wir heule unseren geehrten Lesern vorführen, bringt das alte Ghetto von Venedig, Ghetto vecchio, zur Anschauung. Die israelitische Gemeinde zu Venedig ist wahrscheinlich so alt wie die Stadt selbst, welche im fünften Jahrhundert der gewölmlichen Zeitrechnung gegründet sein soll; denn zur Römerzeit gab es wohl eine Landschaft, aber keine Stadt, die den Namen Venetia führte. Mit dem Aufblühen der Republik Venedig blühte auch die dortige Judengemeinde empor. Nach der Vertreibung der Juden aus Spanien (1492) fanden Viele der vertriebenen Glaubensgenossen daselbst eine Zufluchtstätte; unter ihnen der berühmte Don Jizchak Abarbanel, der als Staatsmann und Gelehrter gleich groß und bedeutend war. In seinem Commentare zum 5ten B. M. erwähnt er seines dortigen Aufenthaltes und weiß die Hoheit, die Macht, den Wohlstand und das Ansehen der Königin der Meere, der mächtigen Republik Venedig, deren Kaufleute Könige nnd deren Krämer Fürsten seien, nicht genug zu rühmen. In Venedig wurde auch die erste jüdische Buchdruckerei errichtet und der gesammte Talmud wurde dort zum ersten Male ge druckt. Damals gab es noch kein Ghetto. Erst im Anfänge des sechszehnten Jahrhunderts wurden die Juden gezwungen, einen besonderen Staditheil zu beziehen. Dieser Stadttheil hieß Burghetto vecchio, die alte, kleine Burg (Burghetto italienische Verkleinerung des deutschen Wortes Burg). Aus dem Burghetto machte der Volksmund Ghetto, und dieses Wort wurde nach und nach eine Collectivbezeichnung, so daß man bald von einem Ghetto in Rom, in Prag, in Frankfurt a. M. rc. sprach. Vor all den Stadttheilen, die diesen Namen führen, zeichnet sich das venetianische Ghetto durch seine gesunde Lage aus. — Die Israelitische Gemeinde zu Venedig war stets groß durch die Zahl und die Wohlhabenheit ihrer Mitglieder. Außer dem Talmudstudium wurden die Künste und Wissenschaften in ihrer Mitte gepflegt. Einer ihrer berühmtesten Rabbiner war Leon da Modena, geboren im Jahre 1571, gestorben im Jahre 1648. Derselbe bekleidete das Rabbineramt in seiner Vaterstadt von seiner frühen Jugend an bis zu seinem Tode. Schon als dreijähriges Kind war er im Stande, den Wochenabschnitt aus der unpunktirten Thorarolle vorzutragen. Seine zahlreichen Schriften bezeugen seine große Gelehrsamkeit; eines seiner hebräischen Gedichte wird auf dem ganzen, weiten Erdenrunde bei der Feier des Jom Kippur Katan recitirt. Zu seiner Zeit lebte in Venedig eine jüdische Dichterin Sara Copia Sullam. Ihr Vater Simon, ein Mann von ungewöhnlicher Bildung, verwendete alle Liebe und Sorgfalt auf die Erziehung feiner einzigen Tochter. Diese belohnte auch in reichen Maße feine väterlichen Bemühungen. Ihre raschen Fortschritte gingen über die Erwartungen hinaus, welche man von ihren trefflichen Anlagen sich versprechen durfte. Frühzeitig schon hatte sie einige Bekanntschaft mit der heiligen Schrift in der Ursprache sich erworben, sie verstand Lateinisch, Griechisch und Spanisch, und war mit der Literatur der in diesen Sprachen verfaßten Schriften wohl vertraut. Ihrer reichen Phantasie vermochte sie oen poetischen Ausoruck zu geben in Liedern und Sonnetten, und die Sprache des Herzens und des Gefühles, die Musik, verstand sie meisterhaft. Einem solchen vortrefflichen Geiste entsprach auch der Spiegel der Seele aufs vollkommenste: Sara war von ausgezeichneter Schönheit, und diese im Verein mit ihrem Geistesreichthum, erklären es hinlänglich, daß sie, zur Jungfrau herangereift, den Mittelpunkt eines Kreises geehrter und gelehrter Männer wurde, unter denen auch stolze Patrizier Venedigs, wie ein Bassadonna, nicht fehlten. Bei allen ihren glänzenden Eigenschaften aber besaß sie die lauterste Liebe und die treueste Anhänglichkeit für den väterlichen Glauben, von dem keine Verlockung sie absühren konnte. In welch' hoher Achtung die eben erblühte Jungfrau stand, geht schon daraus hervor, daß Leon da Modena, ihr das von ihm herausgegebene Drama Salomo USque's, Esther, (1619) widmete. Ein Priester und Dichter. Namens Ansaldo Ceba trat mit ihr in schriftlichen Verkehr und suchte sie für den katholischen Glauben zu gewinnen. Die Bekehrung Saras zum Christenthume war bei ihm zur Leidenschaft geworden, und diese Leidenschaft erfüllte ihn ganz und gar bis an das Ende seines Lebens. Erfolg hatte er keinen. Sara beantwortete seine Briefe und widerlegte seine Gründe. Als er ihr schrieb, daß er für ihre Bekehrung bete, antwortete sie ihm, daß auch sie ihre Gebete zum Himmel sende, damit er von den Wahrheit^ des Judenthums erleuchtet werde. Von den Werken der ihrer Zeit so berühmten Dichterin sind uns nur wenige Sonette, Briefe und eine Abhandlung über die Unsterblichkeit der Seele erhalten. Das letzterwähnte Schriftchen ist mit hinreißender Begeisterung in der italienischen Sprache geschrieben.*) Wir haben hier noch des Kaufmanns von Venedig, der eine so traurige Berühmtheit erlangt, und der, was wir gleich vorausschicken wollen, niemals existirt hat, zu erwähnen. Shylok ist ein *) Ausführliches findet man in der Monographie von Dr. M A L e v y, im Jahrbuch für die Geschichte der Juden, Band III, Leipzig 1863. (Bei Oskar Leiner; Schriften des Instituts zur Förderung der isr. Literatur.)

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