Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 38-39 (14.5.1896)
- Date
- 1896-05-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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747 träumerische Stille-dann ist es wieder so lautlos wie zuvor. Die Sonne sinkt immer tiefer hinter den Horizont, immer höher klimmt der zauberische Goldglanz, der sich über die Welt ergießt, bis er auf die höchsten Spitzen der Pappeln zurückgedrängt wird und dort oben wie Kerzenflammen brennt. Nach einigen Minuten erlischt es auch dort und das Dunkel des Abends ist Herr der Welt geworden. — Dunkelheit hüllt die langgestreckte Hügelkette im Westen, welche eben noch wie ein von strahlendem Goldstaub mnschwebtes Feenland erschien und nur ein verglimmender Lichthauch kennzeichnet die Stelle an» Himmel, wo das Feuerrad der Sonne hinter den Horizont hinabrollt. lieber den dunkeln Wipfeln des Parkes träumt der Vollmond und wie srischgefallener Schnee liegt sein Licht über die Marmorstufen der Freitreppe ausgegossen. In manchem der großen Schloßfenster zuckt wieder ein Schein, jetzt aber ein matt silberner, auf. Im Schlosse beginnt einiges Leben zu erwachen. Zwei Fenster des linken Flügels, der zwischen grünen Tannen hinausragt, erleuchten sich. Die Silhouette einer Frauengestalt erscheint in dem erhellten Fensterrahmen, und bald darauf fällt eine schwere Gardine vor demselben nieder. Fast zu gleicher Zeit wird unten im Erdgeschoß so sachte wie möglich eine Pforte geöffnet und durch dieselbe tritt ein Mädchen zwischen die Tannenstämme hinaus. Scheue spähende Blicke um sich werfend eilt dasselbe über den freien mondbeleuchteten Platz vor dem Schlosse und verschwindet bald im Schatten der Alleen. Die zwei erleuchteten Fenster oben, aus welchen die Gardinen nur einen zweifelhaften Schimmer hinausdringen lassen, gehören einem mit fürstlichem Prunk ausgestatteten Gemache an. Die golddurchwirkten Tapeten, welche die Wände bedecken, zeigen als Muster das von prächtigen Arabesken und Blumengewinden unlrankte Wappen der gräflich Kakai'schen Familie. Gediegene Reliefschnitzereien zieren die glanzlose Eichendecke des Gemaches; ein kostbarer Bronzelüstre hängt in der Mitte des Plafonds und übergießt durch die Glocken aus geschliffenem Krystallglas den Raum mit einer sprühenden Helle. Gottesfürchtige Menschen müssen es sein, die in diesen Räumen wohnen, denn neben den Spiegeln aus Venedig, den Möbeln aus Paris, den Porzellansachen aus Sevre und Peking, erblicken wir auch einen massiven Betstuhl, zu welchem drei Stufen hinanführen. Oder dient derselbe etwa weniger der Erbauung, als der stylvollen Ausschmückung des Zimmers; steht er weniger der praktischen Benutzung wegen hier, als vielmehr den sechs lebensgroßen Apostelfiguren zu Liebe, welche an den Stufen der beiden Seiten postirt sind und die, als die Werke eines der größten Meister der Renaiffanceperiode einen unschätzbaren kunsthistorischen Werth besitzen? Ein Blick auf das Sannntfauteuil, das in der Nähe des Camins steht, wird uns das Näheren belehren. In diesem Fauteuil nämlich ruht eine junge Dame halb zurückgelehnt; sie hat die Hände im Schooß ineinander gelegt und starrt mit düsterem Blick zu dem beweglichen Feuerschein nieder, den die munteren Flammen durch die Oeffnungen der Kaminthüre auf das flaumige Rehfell rnalen, das ihr zu Füßen liegt. Ihr wundervolles Gesicht, das aus einer Verschmelzung des Schönheitsideals des Orients mit dem des Occident gebildet scheint, ist sehr blaß und in ihrem tiefdunklen Auge liegt die stumme Sprache eines großen Leids. Von Zeit zu Zeit zuckt sie aus ihrer Gedankenvertiefung auf und neigt kaum merklich das Ohr zur Seite. Doch lange vernimmt sie nichts und kehrt immer wieder in ihre frühere Haltung zurück. Da endlich wird der gedämpfte Schall von behutsamen Schritten vernommen, die aus dem Erdgeschoß sich dem Gemache nähern. Die Dame erhebt sich lebhaft von ihrem Sitze und thut, während eilte leichte Blutwelle ihr in's Gesicht steigt, einige Schritte der Thüre zu; aber als ob ihr plötzlich die Kraft versagte, bleibt sie wieder stehen und preßt die Hände wieder auf das hochklopfende Herz. Das Blut schleicht langsam wieder aus ihren Wangen und ihre Augen, die sie weit offen in die Thüre bohrt, scheinen verkohlt. Da öffnet sich endlich sachte die Thür und- „Arthur!" klingt es bebend, halberftickt von den Lippen der Dame, die mit den offenen Armen dem schlanken jungen Manne entgegenstürzt, welcher eingetreten war. Nun liegt sie an seiner Brust und weint still, er aber hält sie innig mit seinen Armen umschlungen. Bald jedoch löst er sich mit sanfter Gewalt aus ihren Armen, erfaßt sie an beiden Händen und führt sie ungestüm mit sich, bis dicht vor den Lüftre. Hier schaut er ihr, das Haupt erschreckt zurückgeworfen, in das blasse Angesicht und wie er in demselben die Zeichen eines schweren Schicksals liest, verdunkelt sich sein Blick vor Zorn und Gram. Sie schlägt die Augen nieder, wie auf einer Schuld ertappt; sein Blick thut ihr so wehe. Nach einer Weile läßt er ihre Hände fahren und murmelt, sich halb von ihr abwendend: „O, daß es so weit kommen mußte!" „Arthur, mein theurer Bruder", bittet sie sanft und legt ihre Hand auf seinen Arm, „nicht diese Verbitterung, nicht im ersten Augenblicke des Wiedersehens nach so langer Trennung. Komm", sie zog ihn mit sich zum Ruhebett, „erzähle mir von zu Hause, befriedige meine heiße Begierde nach Nachrichten. Was machen die Theuern, Papa, Mama? Wie befinden sie sich? Arme Eltern!" „Eh — sie haben es sich eingebrockt!"