Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 34 (30.4.1896)
- Date
- 1896-04-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XX XVII. Jahrgang. M 34. Der Israelit. Ein Gentrat-Hrgan für das orthodoxe ZudenLHum. Begründet von Vr. Lehmann in Mainz. Donner ft ag, den 80. April 5656 (1896). Leitender Artikel. Uor 800 O^hren. Von L. A nfänger, Willmars. Wir leben im Zeitalter der Jubiläen und Gedachtnisfeierlicheiten. Hier ist es der Geburts- oder Sterbetag eitles Geistesheroen, dort der Zeitpunkt einer nationalen Erhebung, die festlich begangen werdet! zur Ehrung großer Ahnen, zur Weckung edler Begeisterung und edlen Strebend. Auch das Judenthum, der älteste Träger der Kulturidee, ist in diesem Jahre in der Lage, einer Zeitepoche vor 8oo Jahren zu gedenken, die allerdings keine festlich freudige, vielmehr schmerzlich bittere Erinnerungen in Bezug auf ihren Verlauf wachruft, die aber anderseits auch so recht imstande ist, uns am Beispiel der Väter zu erbauen, und zu festigen in der Anhänglichkeit an Gott und seine geheiligte Lehre. Wir stehen mitten in der Omerzeit und überall, wo man noch sesthält am Altüberlieferten, wo man noch nicht „erleuchtet" ist von sogen. „Aufklärung", tverden diese Tage ernst und stille begangen, es schweigt der Klang rauschender Festesfreude, uitb wir gedenken vergangener Zeiten. Es ist eine merkwürdige Erscheinung in der Geschichte Israels, daß bestimmte Zeitabschnitte llnd Zeitpunkte von jeher immer wieder Daten des Leides und Unglücks für das jüdische Volk gebildet haben; so der nvn, so der 3N und so auch die Omerzeit. Die Wochen, die einst Israel seines schönsten Schmuckes, seiner Thorajünger beraubten, sie waren vor 8 )o Jahren wiederholt Zeiten der Trübsal, der Bedrängnis, des Elends, der Verzwciselung für die gequälten Juden; da spielten sich Vorgänge ab, von denen sich schaudernd selbst das rückblickende geistige Auge abwendet, die niederzuschreiben die Feder sich sträubt, Vorgänge, die in ihrer Entsetzlichkeit sich nie mit Menschenwürde und Menschlichkeit in Einklang bringen lassen. Von Rom aus war der Ruf ergangen, das hl. Land den Ungläubigen zu entreißen, in gläubiger Begeisterung erhob sich das Abendland zum hl. Kampfe und der Ruf: „Gott will es" durchbrauste die Lande. Im Jahre 1096, vor 800 Jahren begannen jene Kriegsfahrten zum Morgenlande, die so viel Leid für Israel im Gefolge hatten. Während die regulären Truppen planmäßig gen Osten vorrückten, fiel es einem rohen Menschen ein, den Krieg gegen die Ungläubigen zuerst mit den „Ungläubigen" im eigenen Lande zu beginnen, und nun brach das Unheil über die armen Juden herein, die nichts verbrochen hatten, als daß sie durch Mäßigkeit, Fleiß und Sparsamkeit zu Vermögen gekommen waren und deren Medermetzelung nur den Zweck hatte, unangenehme Gläubiger, nicht Ungläubige zu beseitigen. Ein christl. Geschichtsschreiber aus dem Jahre 1780 schreibt hierüber: „Wieder ein anderes Heer sammelte sich noch in demselben Jahr am Rhein, unter dem Grasen E m i c u s, welches beinahe 200,000 Mann stark war. Weilen nun der Krieg ohnedies auf die Ungläubige angesehen war, so machten diese den Anfang mit den Juden, deren sie zu Cöln, Mainz und Worms über 120 "0, ohne der Weiber und Kinder zu schonen, aufs grausamste hinrichteten. Diese armen Juden halten sonst nichts verbrochen, als daß sie Geld hatten. Eine solche Begegnung brachte die Juden in solche Wuth, daß sie das Trauerspiel von Sagunt und Capua erneuerten und die Mütter ihre säugenden Kinder, die Männer ihre Weiber, die Väter ihre Söhne und die Töchter wechselweise nmbrachten; nur damit sie nicht in die Hände dieser Unmenschen fallen möchten. Von da aus zogen sie nach Ungarn, wo sie ihre Lebensart so sorttreiben wollten; sie fanden aber daselbst meistens ihr Grab, was nicht durchs Schwert fiel, ersoff in der Donau." In dieser schweren Zeit zeigte sich aber so recht