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Der Israelit · 1896-04-08 · Heft 27-28 (8.4.1896) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 27-28 (8.4.1896)
Date
1896-04-08
Page
– (sequence 17)
Language
German
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ft'^-J***^«.:T^r.f»*ü7* *1^ 3L3LXVH* Jahrgang. Zweite Keil. zu 27 & 28 -es „Israelit“. Leitender Artikel 3oi)üM Ueulhiln lind der Talmud. Homburg v. d. H., 6. April. Ju unserer Zeit, in der der Gistbaum des Antisemitismus fast täglich neue verderbenbringende Blüthen ilnd Schößlinge treibt, ist es mehr denn je für den Juden erhebend einmal wieder aus sprachgewandtem Munde Derjenigen gedacht zu hören, die, obwohl christlichen Glaubens, in der Epoche des finstersten Judenhasses anl Ende des sechzehnten und Beginn des siebzehnten Jahrhunderts, mannhaft und treu für die rechtliche Stellung der Juden eingetreten sind selbst mit Hintansetzung ihrer Güter, ja ihres Lebens. Ein solch' wackerer Kämpe gegen die finsteren Mächte des Antisemitismus in der damaligen Zeit war Johann Reuchlin, von dem unser verehrter Rabbiner Herr Dr. Kottek jüngst im „Club Freundschaft" in seinem Vortrage „Reuchlin und der Talmud" ein lebhaftes, scharf umrissenes Bild zeichnete. Wir geben im Folgenden das Wichtigste der hochinteressanten, fesselnden Rede wieder. „Eine eigenthümliche, merkwürdige Erscheinung gewährt uns die jüd. Geschichte ausgangs des Mittelalters: drei große, mächtige Reiche vertrieben die Juden ans ihren Landen: Spanien, England und Frankreich und auch in Deutschland war ihre Lage keineswegs eine beneidenswerthe, wenn dieser >staat auch neben Polen und der Türkei der einzige war, der ihnen Ausnahme in beschränkter Zahl gewährte. Die Kreuzzeuge mit ihrem rohen Fanatismus forderten von unzähligen Juden den Märtyrertod, der unheimlichen Pest, „dein schwarzen Tode" sielen zu Tausenden als Opfer. Es war eine schwere Zeit. Sie mußten in Deutschland in besonderen Wohnungen leben, allerlei Abzeichen tragen, das Handwerk und der Ackerbau blieben ihnen versagt und sie mußten sich dem Geldhandel und Hausirgewerbe zuwenden, überall verachtete man sie und sah in ihnen nur den Auswurf der Menschheit. Aber in dieser schon so trüben Zeit bedrohte die Inden noch ein neues Unglück. Hatte man bislang nur von ihnen Gilt und Blut gefordert, so suchte man jetzt auch ihr Schristthum, ihr heiligstes Bermächtniß, der Vernichtung anheimzugeben und das traurige Verdienst, diesen so unheilspendenden Streit angesacht zu haben, kommt einem getauften Inden zu, dem berüchtigten Johann Pfefferkorn, feines Zeichens ein Metzger, der im Jahre 1506 in Cöln zum Cristenthum übergetreten war. Er war zwar ein ganz intelligenter Mensch, indessen seine Kenntnisse dürften nicht über das Verftändniß der Bibel hinausgegangen fein. Von Eigennutz und Ehrgeiz geplagt, war es sein Hauptziel möglichst viel Geld zu erwerben; 1507 war er Spitalmeister, wandte sich dann der Schriststellerei zu, aus welchem Gebiete er sehr fruchtbar war. Sein erstes Werk betitelte sich der „Judenspiegel", in dem er dreifaches forderte: daß den Juden der Wucher verboten werde, ne christliche Predigten nicht besuchen dürften und ihnen ihre Bücher genommen werden sollten. Als viertes fügte er noch die Vertreibung der Juden aus Deutschland bei. Ferner schrieb Pfefferkorn eine „Judenbeichte", die sich gegen jüd. Gebräuche richteten und den „Judenfeind", dem ein Epigramm des Ortuin Graeius voranging, der in diesen Angelegenheiten ein Berather Pfefferkornes war und worin behauptet wurde, die Juden beschimpften die christlichen Einrichtungen. So sollten sie den Christen den Gruß bieten: „Teufel willkommen." In dem mittelalterlichen Jargon sagten nämlich die Juden: Sed willkumm (Seid willkommen): da nun Sed im Hebräischen zufällig „Teufel" bedeutet, so übersetzte Pfefferkorn in böswilliger Weise: Teufel willkonnnen. Auch sollten die Juden den Christen Schmeicheleien anthun, um dre christlichen Kinder dem Glauben abzuwenden u. s. w. Eine starke Hilfe fand Pfefferkorn bei den Dominikanern, die ihn in seinen judenseindlichen Bestrebungen unterstützten und denen damals das oberste Censurrecht zuftand. Um nun wirksam gegen die Juden Vorgehen zu können, war die Einwilligung des Kaisers erforderlich und Pf. reiste mit Empfehlungen versehen, zu Maximilian 1., der sich gerade des Krieges wegen in Italien aushielt und suchte die Erlaubniß zur Konfiskation der jüd. Bücher zu erwirken. Er wurde von dem Kaiser freundlich in Padua ausgenommen und am 15. August 1509 verfügte dieser, daß alle Bücher der Juden vorgezeigt werden und ev. zu unterdrücken seien. Pf. begab sich alsbald nach Frankfurt a. M., wo die Juden beim Rath und beim Kaiser Beschwerde einlegten, ferner nach Maiilz, Bingen, Lahnstein :c. und dann zurück nach Frankfurt a. M., wo noch in letzter Stunde ein Einspruch von Seiten des Erzbischofs von Mainz, Uriel, eines streng rechtlichen Mannes erhoben und die Konfiskation untersagt wurde. Pf. suchte dieses Verbot rückgängig zu machen und begab sich nach Aschaffenburg, wo der Erzbischof weilte, und man wurde dahin einig, daß jeder der beiden Parteien eilten namhaften Gelehrten nennen sollte, von denen man dann Gutachten einziehen wollte. Pf. nannte Johann R e u ch l i n , der Erzbischof, V i c t o r von K a rb e n.

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