Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 27-28 (8.4.1896)
- Date
- 1896-04-08
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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X.XXYTL Jahrgang. Erste Seil. ,u M 27 & 28 des „Israelit". Leitender Artikel. Gin MoMand! Von rHaMnner Dr. Schlesinger — Pinne. (Fortsetzung aus Nr. 2l des Israelit.) Die folgen des von der Negierung gehandhabten Grundsatzes, keinen Ausländer zu bestätigen, macht eil sich zu allererst und am drückendsteil in recht kleinen Gemeinden geltend. Solche mit 2<>— no Familien sind nicht in der Lage, mehr als einen Beamten zu besolden; ihnen ist es erwünscht, wenn es irgend angcht, solche anzustellen, welche nur für ihre eigene Person zu sorgen haben, verheirathete Cultusbeamten sind für Kleingemeinden ein Gegenstand möglicher Belästigung und mancher Herzensbeklemmung. Dieser Beamte muß aber auch ein w iw sein, er muß die Funktionen des pn und eh? versehen, aber daneben auch den Kindern jüdischen Religionsunterricht und hebräischen Unterricht ertheileu. Nicht wenige Anforderungen werden also an den Cultusbeamten solch einer flcincu Gemeinde gestellt: er soll ]in sein, auch omr, beide Aemter Irr vollen Zufriedenheit ausfülleil, auch pädagogische Befähigung besitzen, und ist ein solches Muster an Vorzügen entdeckt, so kann die Gemeinde bei ihrer kleinen Mitgliederzahl doch nur soviel Gehalt für ihn allsfetzen, als eben hinreicht, um die nothwendigsten Lebensanforderungeil zu erfüllen. Früher gab es eine ansehnliche Reihe von solchen Beamten, lvelche in Russisch-Polen nirnp und p*o;n gründlich gelernt hatten und sich begnügten, in den ersten Jahren ihres Aufenthalts in Deutschland eine bewunderungswürdig anspruchslose Lebensweise zu führet!. Diese richteten sich mit den bescheidenen Mitteln ein, so gut es eben ging, und benutzten die Zeit, um sich in die deutsche Art einzuteben, ihre profanen Kenntnisse zu erweitern, um dann nach geraumer Zeit von einigen Jahren ihr Augenmerk auf eine gleiche Stellung in etwas größerer oder einer Mittelgemeinde zu richten. Dies ist die Laufbahn, welche eine große Anzahl von Cantoren, die heute in großen Gemeinden fungiren, eingeschlagen haben. Diese Möglichkeit hörte für diese Art von Kleingemeinden mit dem Augenblick auf, als ausländischen Bcamtell die regierungsseitige Bestätigung versagt wurde. Wenn auch anrtirende ausländische Cnltusbeamte in vielen Fällen unbehelligt blieben, so war doch bei einem eintretenden Wechsel und einer Neubesetzung für einen Ausländer feine Bestätigung zu erlangen. Und es ist wahrhaft betrübend zu sehen, wie so nranche dieser sehr kleinen Gemeinden vergebliche Anstrengung machen, einen geeigneten Cultusbeamten, der für sie und für den sie passen, ausfindig zu machen. Das religiöse Gemeindeleben, welches ohnedies in diesen Gemeinwesen auf das allerbefcheidenstc Maß zurückgedrängt ist — manchmal noch unter dasselbe herabgezwungen wird — verliert dadurch noch den geringen Halt, und die allerersten und nothwendigften religiösen Bedürfnisse, wie nonir, religiöser Unterricht, und der Gottesdienst, verlieren an ihrem Werth und ihrer Bedeutung und werden mit einer Gleichgiltigkeit und Nachlässigkeit gchandhabt, die für unser Judenthum von den traurigsten Folgen ist, und dennoch nicht ausschließlich den Mitgliedern solcher Kleingemeinden als Schuld anzurechnen ist. Und derartige Gemeinden sind in den östlichen Provinzen in großer Zahl vorhanden; man braucht nur einen Blick in das statistische Jahrbuch des D. I. G. B. zu werfen, um sich davon zu überzeugen. Diese kranken an den geschilderten Schwierigkeiten schon seit mehreren Jahren, und man bedarf keines besonderen Scharfsinns, um sich zu sagen, daß in einer Reihe von Jahren — und diese Reihe ist nicht einmal lang — auch etwas größere Gemeinden, — sagen wir solche von 50—100 Mitgliedern und etwas darüber — von gleichem Geschick betroffen werden. Ja, wenn nicht binnen kurzem das Streben der Wohlhabenderen die Kleinstadt gegen die Großstadt einzutauschen, und ihren Wohnsitz in die großen Mittelpunkte des geistigen und materiellen Lebens zu verlegen, eine Umänderung erfährt, so wird sich die Cultusbeamtennoth auf einen noch größeren Kreis von Genieinden ausdehnen. Denn ansehnlich große Gemeinden stellen auch ansehnlich große Ansprüche an die Leistungsfähigkeit ihrer Beamten. Aber die Gemeinde wird rapide kleiner, die Ansprüche, die sie fortan zu stellen berechigt wäre, sind nicht mehr die früheren, sie müßten sie ermäßigen, aber die Gewohnheit der Bergangen-Heit steckt noch in ihnen, sie mögen nicht verzichten auf „prima Qualität" und daraus ergeben sich wiederum Schwierigkeiten. Und während auf der einen Seite dieser Theil der Gemeinden seine früher berechtigten Ansprüche aufrecht erhält, und dadurch die Zahl der in Betracht kommenden Cultusbeamten verkleinert, verkleinert diese sich selbst durch die natürlichen Verhältnisse: durch Avancenrent und Ableben. Wie ist nun diesem Uebel abzuhelfen? Die Wurzel des Uebels ist der Mangel an jeglichem Nachwuchs von Cultusbeamten. Die frühere Quelle