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Der Israelit · 1896-03-26 · Heft 25-26 (26.3.1896) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 25-26 (26.3.1896)
Date
1896-03-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
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511 „Der Gärntner, der meinen unbeachteten Gruß an seine Herrschaft merkte, rief aus: Ah, Sie kennen meine Herrschaft, Herr Doktor? — Nein, mein Lieber, — erwiederte ich. — Ihre Herrschaft kenne ich nicht, wohl aber den jungen Herrn in ihrer Begleitung. — So, so — sagte der Gärtner — der ist uns in's Haus so nur hineingeschneit. Er soll der letzte Graf de la Pelouse sein, ist jedoch nicht im Ehristenthume erzogen worden. Pater Pierre sagt, er werde, wenn er die Taufe empfange, sich mit dem gnädigen Fräulein vermählen. Mit wem — frug ich überrascht — mit der Comtesse. — I, bewahre! wo denken sie hin? — belehrte er mich — mit der schönen Baronesse l'Endome. Ich empfahl mich, denn ich wußte genug, welche Netze die alte Gräfin auswarf, um die Seele des armen Elchonon zu fangen und bedauerte im Stillen denselben. Ich empfand einen Ekel vor der schönen Baronesse, die sich zu solchen Zwecken hergab. Es ist wahr, die Baronesse ist von berückender Schönheit und kann sehr leicht einem Manne gefährlich werden. Wer beschreibt nun mein Erstaunen, als ich an der Restauration Weil vorüber ging und dort den gräflichen Wagen halten sah. Ich konnte meiner Neugierde nicht Herr werden; ich mußte sehen, was dort vorging. Ich trat ein, fand Elchonon bei reichbesetzter Tafel mit den Damen diniren. Die Unterhaltung wurde sehr lebhaft geführt und ich wurde abermals von Elchonon nicht wahrgenommen. Ich bestellte einen bescheidenen Imbiß und ließ mich an einen: Tisch, welcher in der 'Nähe der vornehmen Gesellschaft stand, nieder, einen Augenblick erspähend, in dem ich mich Ihres Auftrages, Fräulein Recha, entledigen könnte. Ich muß gestehen, daß mir Elchonon durch seine bewundernswertste Ruhe imponirte. Die bestrickende Schönheit der Baronesse ließ ihn keinen Augenblick seine religiösen Pflichten vergessen. Die vornehme Sippe muß nicht wenig ihre Nase gerünlpft haben, als Elchonon mit bedecktem Haupte seine Mahlzeit verzehrte, als er aber sein Tischgebet zu verrichten begann, schien die alte Comtesse sehr unbefriedigt zu sein, denn sie blickte finster und drohend, die Baronesse hiegegen maß von der Seite die Gräfin mit einem höhnischen Blick, während ein spöttischer Zug sich um ihre schönen Lippen legte. Als er sein Gebet beendigt hatte, ging ich nach seinem Tisch und sagte ihn:, daß er noch heute bei Dr. Marpua dringend erwartet werde. — Ah — rief Martha überrascht aus — Herr Dr. Longini Sie hier? Wie kommen Sie hierher. — Die Frage hätte ich mit mehr Recht an Sie zu richten, mein gnädiges Fräulein — erwiederte ich. Ich bin Jude, und eine jüdische Speiseanstalt die einzige Stätte, wo ich meinen Hunger befriedigen kann. Doch Sie? Wie passen Sie dahinein?" „Das freut mich," bemerkte Elchonon, „daß Sie schon Fräuleitt l'Endome kennen, es überhebt mich der Pflicht sie Ihnen vorzustellen. In dieser Dame stelle ich Ihnen Comtesse de la Pelouse vor. Mein Freund, Dr. Lucien Longini, der Reffe meines ehemaligen Vormundes Dr. Blum." Der alten Dame schien ich weniger als sympathisch zu sein, als sie vernahm, daß ich ein Reffe von ihrem früheren Widersacher bin, denn sie wandte mir mit einem stolzen Kopflticfcit den Rücken zu. Einige Höflichkeiten mit Fräulein l'Endome austauschend, zog ich mich zurück. Nun wissen Sie alles." Mit athemloser Spannung hatte das kleine Auditorium auf Luciens kleine Erlebnisse gelauscht. „Also, so tief haben sich gräfliche Gnaden herabgelassen!" ries Dr. Blum aus. „An einer jüdischen Tafel zu speisen? Und das Alles, um dem streng kirchlichen Stamme den Letzten Sproß zuzuführen? Donner und Doria.' gräfliche Gnaden werden sich doch etwa selber nicht zum Judenthume bekehren wollen, um dem alten zerberstenden Stamm, junges Reis zu sichern? Schlau ersonnen, Gräfin! Zuerst wollen wir den Elchonon in seinem Judenthume gar nicht stören: wir sind glücklich in seiner Nähe, selbst an der Tafel einer jüdischen Restauration. Erst wenn sein Herz für die Schönheit unserer Nichte entflammt ist, da wollen wir ihm schon unsere wahre Gestalt zeigen, und werden dann der Kirche ihren verirrten Sohn, dem gräflichen Stamme de la Pelouse junges Blut zuführeu. Schön erdacht, Gräfin! einem fernen Kopf, wie dem Ihrigen würdig! Bei aller Vorsicht haben Sie sich dennoch verrechnet und die Rechnung ohne den Wirth ausgestellt. Noch leben Freunde Elchonons, die über ihn wachen!" „Sollten Sie nicht zu weit in Ihren Voraussetzungen gehen, lieber Freund?" frug Dr. Marpua. „Ist cs nicht möglich, daß die Gräfin ihrem Verwandten, denn das ist ja doch Elchonon, Stütze sein will, ohne Angriffe aus seine Religion zu unternehmen? Sie hat sich ja auch seiner Eltern angenommen." „Nein!" sagte Blum seine Stirne in Falten legend. „Sie kennen eben diese Frau nicht. Der Letzte ihres Stammes im Nimbus der katholischen Kirche ist ihr zur fixen Idee geworden; daß sie auf die Religion seiner Eltern keine Angriffe unternommen hätte, ist ebenfalls nicht richtig. Ihr Bekehrungseifer an jenen Arnren ließ erst dann nach, als sic dieselben schwach und hinfällig sah und das Ziel ihrer Hoffnung ihr gewiß schien, wenn der Tod der Eltern sie zur unumschränkten Herrin über das Geschick des verwaisten Knaben erhob." Eine Pause trat ein. „Du hast doch nicht verrathen, daß ich zur Zeit hier anwesend bin?" wandte sich Dr. Blum an Lucien.

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