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Der Israelit · 1896-03-19 · Heft 23 (19.3.1896) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 23 (19.3.1896)
Date
1896-03-19
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XX3LVH Jahrgang. Zweite Leitage zu M 23 -es „laruftit“. Leitender Artikel. Dev Präsident der franj. Republik und der Rabbiner von Nizza. Nizza, 8. Nlärz 189«;. ist unzweifelhaft, daß der Antifemitismils nur durch die lose und zweideutige Haltung so festen Fuß fassen konnte, welche die Negierungen den jüdischen Bürgern gegenüber entnahmen. Daß diese zweideutige Haltung „diplomatisch" ist, will ich nicht bestreiten, — ob sie edel, gerecht menschlich, ob sie Mich christlich ist, soll hier nicht untersucht werden. Eins steht fest; wenn in manchen Ländern in so klarer, keiner Deutelung fähigen Weise stets die Versassitngsgleichheit betont und praktisch durchgeführt würde rvie z. B. bei den Franzosen, so hätte die Pestseitche des Antisemitismus nie jene entsetzliche Ausbreitung nehmen können, wie sie utls durch gewisse Erlasse der letzten Feit so recht klar geworden. Eine herrliche Manifestation dieser in Frankreich geübten absoluten Gleichheit aller Bürger ward uns gelegentlich der Festlichkeiten vor Augen geführt, welche Nizza dieser Tage dem französischen Präsidenten bereitete. Die Stadt feierte das Fest ihrer 1 «»»jährigen Zugehörigkeit zu Frankreich und Herr Faure nahm Gelegenheit, den Festlichkeiten persönlich beiznwohnen. Die Juden hatten ganz besonderen Anlast, den Tag zu begehen, ihnen hatte s. Z. der Anschluß Nizzas an Frankreich die so Heist ersehnte Gleichstellung gebracht. Herr Rabbiner Meist gab in seiner Artsprache an den Präsidenten diesem Gedanken in folgenden von der französischen Presse mit einmüthigern Beifall anfgeilommenen Worten Ausdruck: Im 'Namen eines Veteranen von 99, welcher seit mehr denn einem Jahrhundert mit lebhaftester Theilnahme die Geschicke unseres thenren Vaterlandes verfolgt, welcher den vaterländischen Erfolgen zujrrbelt und die vaterländischen 'Niederlagen beweint — im 'Namen der alten jüdischer! Gemeinde zu Niz^a, in deren düstre Ghettogassen (durch Frankreich) das Licht der moralischen und materiellen Emanzipation gelangte, kommen wir, Herr Präsident, das jüdische Eonsistorinm und ich, um Ihnen unsre ehrfurchtsvolle Huldigung und die Versicherung unserer lebendigen Anhänglichkeit an die Republik auszndrücken. Wenn wir so stolz und mit legitimer Begeisterung dem patriotischen Gefühle Ausdruck geben, welches uns erfüllt, so folgen wir damit dem Beispiel unserer (stets regierungstreuen) Ahnen, von welchen unsre Weisen in ihrer ungekünstelten und poetischen Sprache erzählen, so folgen wir damit der Tradition unserer Vorfahren, in deren Fußtapfen zu treten unser glühendster Wunsch ist. Ich, der ich die Ehre habe, hier zu sprechen, ich habe in meinem zartesten Kindesalter es gelernt, daß der französische Jude, im Einklang mit den Beschlüssen des jüdischen Pariser Sanhedrin*), Frankreich bis au seinen Tod unerschütterlich zu lieben hat. Darum sind auch wir heute zu dem schönen Feste zusammengekomrnen, das unsere berühmte Stadt heute feiert; unsere Festesfreude ist nicht aufrichtiger, aber inniger und kindlicher als die unserer andersgläubigen Brüder. Möge der Herr seine Wohlthaten über Sie, Herr Präsident, ausbreiten, der Sie so würdig den nationalen Geist Frankreichs repräsentiren, der Sie von dem hohen Posten, wohin Sie die Vorsehung berufen, bis hinab in die niedersten Kreise das Beispiel ausgezeichneter Tugend geben, wie diese dem Wesen der Religion entspricht, damit die große menschliche Gesellschaft glücklich und erfolgreich sei, und ihre Kinder stets zusammen wirken in gleicher Vaterlandsliebe, in gleicher Brüderlichkeit und in gleicher Liebe." Die Rede hatte auf das Staatsoberhaupt einen tiefen Eindruck gemacht nnv sehr bewegt erwiederte der Prästderrt folgende bedeutsamen Worte: „Herr Rabbiner! Ich danke Ihnen im 'Namen der Republik für Ihre edlen Worte. Die Möglichkeit, daß ich unter den verschieden glaubenden Kinder Frankreichs auch nur den allergeringsten Unterschied mache, must für einen Mann, wie Sie, beleidigend sein. (.)e m>irais faire mie injure ü un lioimne cormne voll*, si je vous atfirmais eneore que je ne tais aucune ditference ent re enfants de la Alande tamille fram/aise par rapport ä leurs croy alleres religieuses). Sie verstehen es, dem patriotischen Gefühle in wahrhaft erhebender Weise Ausdruck zu geben." „Als ein kostbares Andenken an meinen Aufenthalt in 'Nizza nehme ich den Segen mit, den Sie, Herr Rabbiner, mir und meiner Familie zu ertheilen die Güte gehabt haben." — Während in einem gervissen Staate ein Minister jüdische Lehrer disgualificirt, indem er wohl meint, ein jüdischer Lehrer, der nicht vom erhebenden Eindruck der Kreuzzüge spricht, verstößt wider den christlichen Charakter der Schule, ja während man in dem *) Bekanntlich durch Napoleon I. inftituirt.

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