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Der Israelit · 1896-03-16 · Heft 22 (16.3.1896) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 22 (16.3.1896)
Date
1896-03-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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WWW 455 der Fortification unserer Stadt wehte, also fast zwei Decenien, hat die Familie de la Pelouse unsere Stadt gemieden und die wundervolle Villa äe l’esperance, die eine königliche Einrichtung in sich borgen soll, stand verwaist und verlassen da. Die Familie konnte sich eben mit dem Gedanken nicht vertraut machen, daß Deutschland ein gutes Recht hatte, ein Land zurückzufordern, das früher zu seinen Staaten zählte und daß dessen geographische Lage, wie die Sprache und Sitte der Bevölkerung es dazu voll berechtigte. Die Familie scheint die Nutzlosigkeit eines solchen Grolls eingesehen zu haben, denn seit einigen Tagen sind jene Räume von der Comtesse de la Pelouse und deren Nichte Baronesse l'Endome bewohnt. Man munkelt allgemein, daß die Comtesse hier einen verschollenen Neffen suche, der der letzte männliche Sproß ihrer Familie sein soll. Was wird die Comtesse nur anfangen, wenn dieser Neffe deutsch denkt und deutsch redet? „Kennst Du einen andern hier, der den Namen Pelouse führt, lieber Papa, außer Elchono?" frug Recha, während sie voller Spannung ihre schönen Augen auf den Vater gerichtet hielt. Eine Pause trat ein, währenddessen Dr. Marpua nachdenklich an die Fensterscheibe trommelte. „Ich bewundere Deinen Scharfblick, mein Töchterchen", sagte Marpua mit tiefem Ernst. „Deine Eombinationen scheinen mir berechtigt zu sein. Solcher Zeitungsklatsch enthält zuweilen ein Kernchen Wahrheit. Es ist nicht unmöglich, daß Elchonon's Familiennamen in der Gräfin abermals den Wunsch rege gemacht, den letzten ihres Stammes zu suchen. Wenn zwischen Elchonon und jenem verschollenen Knaben irgend welche Beziehungen bestehen, wäre es nicht unwichtig ihn zu warnen, auf seiner Hut zu sein. Die Mittel, deren sich solche überspannte Frauen zuweilen zur Erreichung ihres Zieles bedienen sind unberechenbar. Doch wir werden ja Elchonon heute bei uns sehen und können mit ihm davon sprechen Der arme Junge scheint die verflossene Nacht durchgearbeitet zu haben; denn er iah blaß und überwacht aus. Wie unsinnig von ihm, so angestrengt zu arbeiten! Bei seiner vorzüglichen Begabung ist diese Ueberarbeitung geradezu eine Sünde. Es freut mich auch, daß ich Gelegenheit habe, Dr. Blum die Notiz von der Post zu zeigen; es wird ihn nicht wenig interessiren. Der Schutz des ehemaligen Vormunds ist für den armen Knaben auch nicht zu verachten, wenn unser Elchonon jener verwaiste Knabe sein sollte, doch es klopft, herein!" Ein Diener in reicher Livröe trat herein, übergab Dr. Marpua ein Billet. — „An mich?" frug Dr. Marpua erstaunt. Der Diener nickte und entfernte sich mit tiefem Gruße. Dr. Marpua erbrach den Brief und las mit zunehmendem Ei staunen Folgendes: Ich bin durch eine wichtige Angelegenheit verhindert meinem Versprechen gemäß heute mit Euch zu speisen. Mir die Erklärung für später vorbehaltend, bedauere ich sehr, daß ich verhindert bin einige vergnügte Stunden in Euerer Mitte zu verleben Mit herzlichem Gruße Euer Elchonon. „Wie unangenehm, wie sonderbar." rief Recha aus, nachdem sie ebenfalls das kurzgefaßte Billet gelesen hatte. „Ist Dir die Livree des Dieners bekannt? Wie kommt Elchonon zu solcher vornehmen Bedienung? Over soll er schon mit der Gräfin de la Pelouse ....!" Ein abermaliges Klopfen unterbrach sie. Auf das einladende Herein des Hausherrn, öffnete sich die Thüre und Dr. Longini in Begleitung eines imponirenden ältlichen Herrn, in dem wir Dr. Blum nicht schwer wieder erkennen, traten in das Zimmer. „Wir kommen früher, lieber Freund", sagte Dr. Blum, nachdem er Dr. Marpua und seine Tochter auf's Freundschaftlichste begrüßt und sie seinem Neffe vorgestellt hatte. „Sie müssen nämlich wissen, daß mein Lucien gestern hier Etwas entdeckt hatte, wonach ich vergeblich viele Jahre gesucht. Sie erinnern sich not', Herr Rabbiner, der Vorgänge auf St. And! 6? Mit meinem verschollenen Mündel, Elchonon, ist gestern mein Lucien zusammengetroffen. Sie sollten der erste sein, dem ich diese Kunde überbringen wollte und war nicht wenig erstaunt aus der Schwelle Ihres Hauses einem Diener der Gräfin de la Pelouse zu begegnen. War dieser bei Ihnen?" „Also doch!" murmelte Recha athemlos. „Ein Diener der Gräfin de la Pelouse?" rief Dr. Marpua aus. „Irren Sie nicht, lieber Freund? Nein? Dann sind alle Eombinationen meiner Tochter von a bis z richtig und rasches Handeln thut hier noth. Bitte lesen Sie zuerst diese Zeitungsnotiz und dann das Billet, welches mir der gräfliche Diener überbrachte?" „Hm! hm!" räusperte sich Dr. Blum, als er die Notiz aus der Zeitung gelesen und reichte dieselbe seinem Neffen. „Das wahnwitzige Frauenzimmer scheint den Braten schon gerochen zu haben, ehe wir Kenntniß davon erhielten. Hoffentlich wird auch dieses Mal ihr Unternehmen keinen Erfolg haben. Elchonon soll ja auf dem Boden des gesetzestreuen Judenthums stehen, wie mir Lucien, zu meiner Freude berichtete, dann, liebe Gräfin, werden Sie ein für allemal auf die wahnsinnige Idee, sich den Letzten Ihres Stammes zu sichern, schon verzichten müssen, wenn dieser absolut durch die katholische Kirche seine

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