Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 19 (5.3.1896)
- Date
- 1896-03-05
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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395 „Der Verein Berliner Volksschullehrerinnen erklärt hierdurch, daß er bei seinen Mitgliedern von allen Unterschieden der Konfession und der religiösen sowie politischen Anschauungen abschen und für das Wohl und die Rechte eines jeden Mitgliedes gleichmäßig eintreten will." Der Vorstand behauptete nun, daß dieser Antrag eine Statutenänderung bedinge, da die Statuten vom dem Eintreten für die „Rechte" der Mitglieder nicht sprächen. Obwohl das offenbar nur ein Streit u ii Worte ist, wurde die Berathung des Antrages bis zur Generalversammlung vertagt. Die Slimmberechtigung in derselben ist aber von der Erneuerung der Mitgliedskarte abhängig. Die Antragsteller beantragten daher, um schneller eine Entscheidung herbeizuführen, eine zweite Lesung ihres Antrages. Der Vorstand setzte sich jedoch über die ausdrücklichen Bestimmungen der Statuten hinweg, indenr er die zweite Lesung einfach ablehnte. Ein Protest gegen die Tagesordnung in der betreffenden Sitzung und ein Appell an den Verein wurde vom Vorstande unterdrückt. Somit war die Beanstandung der Vertagung unmöglich gemacht. Angesichts dieser Vorgänge wurde es klar, daß der Verein die Simultanschule, für welche er seinerzeit in zwei Petitionen eingetreten ist, sowie überhaupt die Parität der Konfessionen fortan verwirft und daß er sich nicht urehr von großen Gesichtspunkten aus, sondern von Opportunitätsrücksichten leiten läßt. Infolge dessen trat die Minorität, welche die alten Ideale des Vereins hochhält, aus und gründete einen neuen Verein, für dessen Entwickelung und Gedeihen schon die Thatsache die beste Hoffnungen erweckt, daß die Begründerinnen und Führerinnen des alten fast ausnahmslos auf seiner Seite stehen. O e st e r r. - U n g a r. Monarchie. Wien. (4L. Jahresbericht des allgemeinen österreichischen israel. Taubstumm en-JnstituteS in Wien.) Die Anzahl der Anstaltspsteglinge betrug im Schuljahre 1894/95 83 und zwar 53 Knaben und 30 Mädchen. Mit dem Ende des Schuljahres verließen 15 Zöglinge, deren Bildungszeit abgeschlossen war, die Anstalt, während 12 Zöglinge neu ausgenommen wurden. Im Rechnungsausweise tritt die unerfreuliche Thatsache entgegen, daß die materielle Zuflüsse der Anstalt in den meisten ihrer Quellen eine Abnahme zeigen. Infolge dieser Minderung der Einnahmen sah sich die Verwaltung genöthlgt, 3000 fl. Rente aus dem Stammvermögen der Anstalt zu veräußern. Hieran knüpft die Verwaltung folgende Betrachtung: „Allenthalben steigert sich die Fürsorge für jene unglückliche Menschenktasse, welcher Gehör und Sprache versagt ist allenthalben entstehen Anstalten, um diese Bemitleivenswerthen aus ihrem Elende zu retten. Soll es unserer Anstalt, der einzigen Erziehungsstätte für jüdische Taubstumme in Oesterreich, beschieden sein, ihr vieljähriges wohlthätiges Schaffen daruin einengen zu müssen, weil ihr die Hilfsmittel spärlicher Zuströmen? Soll aus diesem Grunde der Nothschrei O vieler Hilferusender ungehört verhallen? Wahrlich, das stille, segensreiche Wirken unserer Anstalt, deren Rothwendigkeit unbestritten und über alle Zweifel erhoben ist, sollte von der Ungunst der Zeitverhältniffe unberührt bleiben. Darum geben wir uns der sichern Erwartung hin, daß unsere Bitte an alle Edelgesinnten, unserer Anstalt, dieser wahren Zufluchtsstätte für unverschuldetes Unglück, m\ kthätig, Hilfe zu bringen, keine vergebliche zu sein, daß unser Ruf vielmehr Eingang in die He zen aller wohlwollenden Menschenfreunde finden werde." Rußland. (X.) Tiflis im Kaukasus, 8. Februar. Sie haben vor etlichen Monaten ein Schreiben veröffentlicht, das der Chacham-Baschi von Tunis -nson mn ü"d in'du ‘i"*rnD ^>n:n an einige jüdische Familien aus dem südlichen Rußland, welche die Absicht hatten, sich in diesem genannten arabischen Paschalik anzusiedeln und dort eine russische Ackerbaukolonie zu gründen, gerichtet, und in dem er diesen Auswanderung?lustigen versprach, ihnen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln beistehen zu wollen, damit sie ihr Ziel erreichen und sich baldigst eine neue Heimath gründen sollen können. Dieses herzinnige Schreiben hat auf genannte jüdischen Familien einen tiefen Eindruck gemacht, und ihnen von neuem bewiesen, daß wir Israeliten, wo wir auch leben, und welche Sprache wie auch immer reden mögen, doch ein fühlendes Herz für einander haben und stets bereit sind, uns in unserem Unglücke gegenseitig zu unterstützen, ibn' my* inyi pin «PN ptn. Leider konnten unsere Glaubensbrüder von der Einladung des Chacham Baschi, dem hier nochmals und zwar öffentlich y-nmV für sein gefühlvolles Schreiben gedankt sei, keinen Gebrauch machen, da man ihnen von mehreren Seiten dringlichst ab, gerathen hatte, sich in Afrika anzusiedeln. Denn, erstens ist das Klima dort für Einen, der in Rußland geboren und erzogen wurde, nicht so leicht zu ertragen, dann ist es für einen Ackerbauer fast unmöglich zu eristiren und sich in einer Gegend anzusiedeln, wo eine ihm gänzlich unbekannte Sprache, wie cs in Tunis das Arabische ist, gesprochen wird, und schließlich ist der Boden dieses zumeist sandbedeckten afrikanischen Paschaliks keinsfalls so ergiebig, wie etwa der in Argentinien oder in Rumänien. Dagegen wurde diesen jüdischen Familien angerathen, statt nach denr entlegenen Tunis zu gehen, sich lieber im westlichen Turkestan und zwar zwischen der russischen