Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 16 (24.2.1896)
- Date
- 1896-02-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Der Israelit Et» Genlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthurn. Begründet v»n Dr. Lehman« in Mainz. Montag, den 24. Februar 5656 (1896). «ü. Eine Blailt aborinirt man bei allen Postanstalten für den Monat März auf den „Israelit". Dieser Preis tritt aber nur ein bei Abonnements, welche rechtzeitig am Post-Zeitungsschalter deS Wohnortes des Bestellers oder bei dem betreffenden Landbriesträger aufgegeben werden. Die Erpe-ition ües „Ksraeltt". Leitender Artikel. Inm Uurimfeste. Mainz, 28. Febr. Wenn, wie ein Spruch der Väter lautet, derjenige weise ist, der von Jedermann lernt, so dürfen wir es nicht verschmähen auch von unseren Feinden zu lernen, wenn wir weise handeln wollen. Von unseren Feinden können wir oft mehr als von unseren Freunden lernen. Der Freundschaft unserer Freunde erscheint das wenige Verdienstliche, das wir leisten meistens durch ein Mikroskop, unsere Schwächen und Fehler gelten ihr dagegen klein und unbedeutend. Bei der Feindschaft unserer Feinde ist in der Regel dvs umgekehrte der Fall. Die Anerkennung und Zustimmung unserer Freunde inacht uns leicht lässig und genügsam mit dem bereits Geleisteten, während die Feindschaft unserer Gegner uns stets auf den Posten ruft, um an unserer Besserung und Vollendung zu a beiten, wenn auch mr deßhalb, um unseren Feinden keinen Anlaß zu böswilliger Kritik zu geben. Wenn wir nach dieser Seite hin die Böswilligkeit von Feinden benützen, um unser Wffsen zu bereichern und unser Thun zu vervollkommnen, so haben wir damit die Unannehmlichkeiten und Widerwärtigkeiten jeder Feindschaft reichlich ausgewogen. Von unserem Erzfeind Haman können wir in diesem Sinne ungemein viel lernen. Was derselbe an uns auszusetzen hatte, mag gewiß nur ein Borwand gewesen sein, um seine schwarzen gegen ein ganzes Volk gerichteten Mordanschläge plausibel zu machen. Aber, daß es ihm mit seinen Verleumdungen gelingen konnte, das Herz seines königlichen Herrn zu vergiften und es gegen die Juden einzunehmen, das allein sollte uns bestimmen, alle diese Anklagen wieder und wieder zu prüfen und mit den thatsächlichen Verhältnissen in jeder Zeit zu vergleichen. Die Anklage Hamans lautet nach dem Bericht der Esther-Rolle: Cap. III, V. 8. 9.: „Haman sprach zu dem König Achaschwerosch: Es gibt ein einheitlich zusammenhängendes Volk, zerstreut und gesondert, zwischen den Völkern in allen Ländern deines Reiches, ihre Gesetze sind verschieden von jedem Volke, die Gesetze des Königs erfüllen sie nicht und dem König frommt es nichts, sie zu dulden; wenn es dem König gutdüiikt, werde ihre Vernichtung beschlossen. Zehntausend Kikar Silber werde ich durch diejenigen, welche die Arbeit vollziehen, abwägen, und sie dem Schatzkämmerer des Könige zuführen." Die erschöpfte königliche Kaffe brauchte Geld. Die Gährung in den unterjochten Ländern, welche durch Bankette niedergchalten werden sollte, erforderte einen Sündenbock. Der findige Kanzler hatte ohne neue Steuerauflage eine reiche Einnahmequelle und gleichzeitig ein probates Mittel endeckte, die despotisch niedergehaltenen, grollenden Völker dadurch zu entschädigen, daß man ihnen ein anderes Volk preisgab, das noch unglücklicher war als sie, kurz, indem man „Im Namen des Königs" eine Judenverfolgung in großem Stil inscenirte. Es handelte sich nur darum die Nothwendigkeit und Rechtsmäßigkeit dieses Gewaltaktes, durch einige wenn auch fadenscheinige Motive darzuthun, oder wie die Schlange das zu verschlingende Opfer erst zu begeifern, damit das Verschlingen glatter und scrupelloser sich vollzieht. Daher zunächst die Staatsgefährlichkeit. Sie sind ein einheitliches durch alle Länder des Reiches zerstreutes Volk. Die großen und kleinen Nachfolger Hamaas haben bis in die frischeste Gegenwart hinein die Verleumdungen ihres Vorbildes so breit