Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-02-20 · Heft 15 (20.2.1896) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 15 (20.2.1896)
Date
1896-02-20
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448624--41329-2490281
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

314 David Akum. (N a ch gleichzeitigen Berichten des Pest er Lloyd.) -'"VLE3I4S-,,.- Wer ist David Blum? Die Antwort auf diese wohl von aller Welt gestellte Frage läßt sich in wenige Worte fassen: Der Typus seines Stammes. Allein nur dann, wenn man die Tragödie dieses Helden genau kennt, wird man diese Antwort verstehen. In einem kleinen Städtchen des Elsaß lebte im Jahre 1807 Mordechai Blum mit seiner Frau Rebekka und seinem Sohne David. Wie es um jene Zeit in allen jüdischen Familien üblich war, ernährte auch Mordechai Blum sein Haus durch redlichen Handel, seine Frau führte die anspruchslose Hauswirthschaft, der Sohn lag dem Talmudstudium ob. Durch seine Rechtschaffenheit und Biederkeit erwarb sich Mordechai Blum die allgemeine Achtung und Werthschätzung. David war ein schöner junger Mann von tadelloser Lebensführung, reifem Verstände und edler Denkungsweise. Er ließ es sich nicht an seinen talmudischen Kenntniffen genügen, er las vielmehr emsig auch deutsche und französische Bücher und sah sich auch in der Weltgeschichte um. So galt er dann in der ganzen Gegend für einen Gelehrten von nicht gewöhnlicher Vielseitigkeit. Was Wunder, daß er ein sehr begehrter Mann war? Alle heirathsfähigen Mädchen des Ortes und der Umgebung beneideten darum seine Braut, mit der er sich, zwanzig Jahre alt, verlobt hatte. Der Tag der Hochzeit war schon bestimmt, als mit einem Male der idyllische Friede und das ungetrübte Glück des trauten Familienkreises durch ein Dekret Rapoleon's I. zerstört wnrde. Am 17. März 1808 wurde das kaiserliche Dekret veröffentlicht, wonach jeder Jude, ohne Ausnahme, seiner Militärpflicht nachzukommen habe und nicht mehr, wie es bis dahin üblich war, einen Rempla^anten stellen dürfe. Von dieser Verfügung wurde David Blum hart getroffen. Er wurde für tauglich befunden und mußte ungesäumt zu seinem Regimente einrücken. In der Scheideftunve kam der Vater seiner Braut, um die Miltheilung zu machen, daß seine Tochter nicht bis zur Befreiung David's vom Militärdienste warten könne, daß er darum das Ehegelöbniß lösen müsse. Gebrochenen Herzens verließ der Unglückliche den väterlichen Herd. Rach wenigen Wochen schon traf ihn ein neuer Schlag: die Schuldner seines Vaters verweigerten die Bezahlung ihrer Darlehen, mit Berufung auf das Dekret Rapoleon's, wonach jede Schuld für nichtig erklärt wurde, so der jüdische Gläubiger es nicht nachzuweisen vermochte, daß er dem Schuldner den vollen, in der Schuldurkunde namhaft gemachten Werth, ohne jedweden Abzug übergeben hatte. Mordechai Blum war ein ruinirter Mann; da er in Folge deffen seine christlichen Gläubiger nicht befriedigen konnte, wurde der Konkurs über ihn verhängt, und weil er keine Handelsbücher geführt hatte, wurde er zu zweijähriger Kerkerstrafe verurtheilt. Was dieser Mann gelitten hatte. Niemand hat es je erfahren, denn über Mordechai's Lippen kam keine Klage. Seine Melancholie, sein mattes Auge, sein früh ergrautes Haupt waren jedoch deutliche Zeichen seiner Verzweiflung, bis man ihn eines Morgens entseelt auf dem dumpfen Stroh seiner Zelle fand. Sein Weib hatte all' die Schicksalschläge mit frommer Ergebung getragen, sie suchte ihren geliebten Mann zu trösten, so lange sie mit ihm alltäglich durch die Gitterthür des Kerkers sprechen konnte; als sie jedoch ihren treuen Lebensgefährten verloren hatte, da umfing die Nacht des Wahnsinns ihren Geist; im Jrrenhause ward sie nach kurzer Zeit durch den Tod von ü,ren Leiden erlöst. Wer könnte den Schmerz David Blum's schildern, der ihn ergriff, als er fern von der Heimath, in Spanien, die einander folgenden Hiobsnachrichten empfing? Er hätte sein Leben freudig geopfert, wenn er dem Vater beistehen, die Mutter trösten hätte können, allein der Kriegsdienst kannte kein Mitleid und so konnte David nicht einmal die heiligen Gräber seiner tiefbektagten Eltern mit seinen Thränen netzen. Es schien, als ob die Außenwelt für ihn abgestorben wäre. Wohl erfüllte er seine Soldatenpfiichten auf's genaueste, allein er that es gewohnheitsmäßig, ohne Lust, ohne Liebe. Mit der gleichen Empfindung ging er ins Schlachtenfeuer und zur militärischen Schaustellung. Eines Tages bemerkte bei einer Heerschau der General Guillemiuot den verstörten Gesichtsausdruck David Blum's: er erkundigte sich nach dem Grunde bei dem unmittelbar Vorgesetzten Offizier. „Das ist ein elsässischer Jude", lautete die Antwort, „ein sehr schlechter Soldat, ohne Kraft und Muth." Bei diesen Worten stieg David das Blut in's Gesicht, die Zornesader schwoll ihm, mit Lebhaftigkeit erhob er sich und griff Nach seinem Degen, allein bald beruhigte er sich und ward theilnahmslos wie zuvor. Seit dieser Zeit konnte seine tiefe Erschlaffung nichts stören. In den größten G. fahren bewahrte er die bewundernswertheste Ruhe. Cr sah den Brand Moskaus und des Kremls mit unheimlicher Gleichgiltigkeit an, stets erfüllte er jedoch auf's gewissenhafteste seine Pflicht. Am 24. October 1812 befand er sich in der von dem russischen General Kutusoff auf der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.