Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1896-02-13 · Heft 13 (13.2.1896) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 13 (13.2.1896)
Date
1896-02-13
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2448608-2448622--41270-2490220
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

WWWWWWWWWMWWWSHMWWSM?W^!^d?^^^ 257 angelangt bin. Meine Seele windet sich unter trostlosem Schmerze und unsäglichem Weh, sie will mit aller Kraft die Lebenssasern zusammenhalten und den morschgewordenen, hinfälligen Körper nicht verlassen. Nicht etwa, weil ich mich vor dem Tode fürchte! — ach nein! — Das Leben brachte mir so wenig Gutes, war so wenig reich an Freuden, daß ich den Tod, der mich mit meinem geliebten Gatten in einer höheren Sphäre des Glückes wieder vereinigt, nur als Erlösung betrachten müßte, wenn nicht mein Elchonon, mein herziger Knabe, mir das Weiterleben begehrenswerth machen würde. Ach, ein eisiger Schauer ergreift mich, die Wallung des Blutes nach meinem kranken Herzen stockt in seinem Laufe bei dem Gedanken, daß gar bald mein armes Kind allein auf Gottes weiter Welt wie ein Schiff ohne Mastbaum ein Spiel der Wellen sein wird. O, da wünsche ich, größere Schmerzen zu ertragen, aber für mein Kind weiterleben zu dürfen! Doch leider sinkt eine schwache Hoffnung nach der andern nieder, bis endlich auf dem dunklen Pfade des Todes die letzte Hoffnung schwindet! Nun, Gottes Wille geschehe! Er ist ein wahrer und gerechter Richter und wer vermag seinen weisen und gerechten Rathschluß zu prüfen und zu verstehen?! Ich will alles geduldig und ohne Murren ertragen, was seine Vaterhand über mich verhängt! — Aber auch meine Pflicht als Mutter will ich nicht vergessen; ich will für mein Kind sorgen, es vor Versuchung und Gefahren schützen! Da reifte in einer schlaflosen Nacht der Entschluß in mir, uieinen Elchonon mit der treuen Susann« zu einem Verwandten von mir 31t schicken, der seinen Geist bilde, ihll im Sinne unserer heiligen Religion erziehen und sein Herz für Tugend und Sittlichkeit eröffnen wird. Sie dürfen es der sterbenden Mutter nicht übel nehmen, daß sie ohne Wissen und ohne eingeholte Erlaubniß seitens des Vormundes ihres Kindes über seine Zukunft verfügt, noch mehr, daß sie Ihnen, werther Herr Doctor, die Erziehung ihres Kindes nicht anvertraut hat. Zwei Motive ließen mich diesen rücksichtslosen Entschluß fassen. In Ihrem Hause, theurer Freund, fehlt das wohlthätige Wirken eines Weibes und bei allen Umwandlungen, die ich in letzterer Zeit in Ihrem religiöseit Denken imb Fühlen wahrgenommen und die ich mit aufrichtiger Freude begrüßt habe, dürfte Ihr Haus dennoch keine geeignete Stätte für die religiöse Erziehung meines Kindes sein. Ich milß aus triftigen Gründen, die ich Ihnen gleich mittheilen will, wünschen, daß mein Elchonon in einem Hause seine Erziehung genießt, das in vollem Einklänge mit dem gesetzestreuen Judenthuine steht, damit er gar keine Gelegenheit habe, eine andere Lebensweise, als die streng religiöse kennen 31t lernen Ganz besonders muß ich aber wünschen, daß Elchonon dem Einflüsse der Comteffe entzogen werde, was in ihrer Nähe schwer fallen dürfte. Es ist kein Spiel des Zufalls, daß unser Familiename ebenfalls Pelouse ist; der Großvater Elchonons war ein Comte de la Pelouse, welcher aus Ucberzeugung zum Judenthume übergetreten ist ... . Die Comteffe gab mir in unverblümten Worten zu verstehen, welche Absichten sie mit meinem armen Kinde vorhabe und schaudernd muß ich mir eingestehen, daß sie dieselben zur Ausführung bringen wird, wenn der Knabe nicht frühzeitig aus ihrem Bannkreis entfernt werde. Aus dem Angeführten werden Sie wohl begreiflich finden, daß ich nicht anders konnte, als selbstständig handeln, und Sie werden dem Muttcrherzen, welches das Höchste, was ihr Kind besitzt, seine Religion, vor drohenden Gefahren schützen wollte, Verzeihung gewähren. Empfangen Sie auch meinen herzlichsten Dank für Ihre Theilnahme und Freundschaft. Möge Sie der Allgütige mit der reichsten Fülle seines himmlischen Segens beglücken und mögen Sie an der Seite eines edlen Weibes glücklich werden. Das wünscht und erbetet für Sie Judith Pelouse. Doctor Blum hatte die Leetüre des Briefes vollendet und noch immer starrte sein Blick auf das Schreiben. Ach, welch' schmerzliche Gefühle zerwühlen sein Innerstes, welch' trübe Gedanken erregen sein Gemüth! — Nicht einmal die Erziehung ihres Kindes glaubte jene Frau, die er so heiß, so innig geliebt hatte, ihm anvertrauen zu dürfen! . . . Seine Augen hoben sich in einer stummen Anklage nach oben. Doch hat sie nicht recht gehandelt? Ach ja! — er muß ihr Recht geben. Die Nähe der Gräfin konnte gefährlich für den Knaben werden .... aber ein wenig mehr Vertrauen hätte sie zu ihm haben dürfen. Eine Thräne rollte langsam über seine blaffe Wange .... er erhob sich und schellte mit der Tischglocke. Sein Diener eilte herbei. „Jules," redete er ihn an, „laß anspannen. Ich muß nach Saint-Andrö." IS. Capitel. Die Ent t äuschuung. In ihrem reich ausgestatteten Boudoir saß die Comteffe de la Pelouse in tiefem Nachdenken verloren. Sie schien während der wenigen Tage um zehn Jahre gealtert zu sein und ihre sonst klaren Augen waren von einen: trüben Schatten umflort. . Noch immer ist keine sichere Kunde über den verschwundenen Knaben und die Dienerin eingelaufen. Sowohl die Bemühungen der Polizei, wie die ihres Bundesgenossen, Rebb Bloser, haben sich bisher als vergeblich und erfolglos gezeigt. Zwar hatte Rebb Bloser ihr die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.