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Der Israelit · 1896-02-10 · Heft 12 (10.2.1896) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 12 (10.2.1896)
Date
1896-02-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXYII. Jahrgang. Beilage;u M 12 des „Israelit". Leitender Artikel. KlWrahlen aus Rußland. (Aus dem „Freien B'.at.".) Petersburg, im Februar. Seit der Enthebung des Staatsrathes Durnowo von der Leitung des Ministeriums dcs Innern, die vor etwa einem halben Jahre erfolgte, fand dieses Restart Zeit und Gelegenheit, um die unter Alexander HI. ins Leben gerufenen judenfeindlichen Gesetze auf ihre Zweckmäßigkeit zu prüfen. Während man früher sogenannte Judencommissiouen einsetzte, welche Jahrzehnte hindurch bestanden, ohne einen Erfolg aufweisen zu können und nur die Lage der Juden verschlechterten, hat das russische Ministerium des Innern unter Senator Goremykin schon einen Schritt gethan, der eine Wendung zu Gunsten der Juden im Czarenreiche bedeutet. J,.tzt erst wird es begreiflich, warum der „Graschdanin" vor wenigen Wochen plötzlich erklärte, die Jndenhasser in Rußland befänden sich im Jrrthulne, wenn sie glauben, durch die Bedrückung der Juden dem Staate einen Dienst erweisen zu können. Es liegen Thatsachen vor, die durchaus zu Gunsten der Juden sprechen, ja noch mehr, es sei endlich klar geworden, daß die Juden dein Staate mehr Nutzen als Schaden bringen. Fürst Meschtfcherskij, der Herausgeber des „Graschdanin", der zu den Regierungskreisen intime Beziehungen unterhält, hat offenbar erfahren, daß im Ministerium des Jnne.n ein judenfreundlicher Wind weht, und deßhalb richtete er die eben angeführten Worte an sein Publikum. Auch ein hoher Beamter des General-Guberniums von Wilna, Namens Kruschewan, publicirte vor wenigen Tagen im „Wilenskij Wjestnik" einen längeren Artikel über die Lage der Juden im Nordweügebiete, in welchem deren Armuth in ergreifenden Worten geschildert und für die Aufhebung der Wohnrechtsbeschränkung plaidirt wird. Gleich nach seinem Amtsantritte hat Senator Goremykin, der Jurist von Beruf ist, sämmtliche Protokolle und Beschlüsse, welche auf die während der letzten Negierungszeit geschaffene Rechtsstellung der Juden Bezug haben, einem eingehenden Studium unterzogen und daraus offenbar die Ueberzeugung erlangt, daß es im Staatsintereste liege, jene Gesetze auszuheben, die gegen die angebliche Schädlichkeit der Juden gerichtet sind. Denn daß die Juden im ökonomischen Leben des Reiches eher stets ein förderndes Element waren, das bewiesen ihm die in letzter Zeit massenweise eingelaufenen Petitionen des Adels, der Bauern und der Ständeverwaltungen um Rückberusung der aus den Dörfern Ausgewiesenen. Goremykin forderte daraufhin die offiziellen und landwirthschastlichen Gesellschaften und Vereine auf, sich über die Rolle der Juden im wirthschaftlichen Leben freimüthig auszusprechen, und die Corporationen thaten dies; sie beleuchteten rücksichtslos die Schäden, welche die Judenausweisungen den Dörfern und Marktflecken in Landwirthschast, Handel und Industrie zugefügt haben. Da äußerte sich z. B. die kaiserlich russische Oekonomische Gesellschaft zu Petersburg folgendermaßen °. „Aus den der Gesellschaft vorliegenden Daten kann Jedermann ersehen, daß die Entfernung der Juden aus den Dörfern und Marktflecken des Reiches die ökonomische Wohlfahrt des Bauernstandes keineswegs gefördert hat, wie die Urheber dieser Entfernung glaubten. Im Gegentheile, unter den vielen Factoren, welche den Niedergang der Landwirthschast herbeigeführt haben, nimmt die Entfernung der Juden aus den Dörfern einen hervorragenden Platz ein. Und wenn die kaiserlich russische Oekonomische Gesellschaft freimüthig sein darf, so schließt sie sich rückhaltlos jener Meinung an, welche in der Zurückberufung der Dorsjuden ein Mittel zur Hebung der Landwirthschast erblickt." Auch ein Gutachten, das in dieser Frage der vor wenigen Wochen verstorbene Gouverneur von Volhynien, Geheimrath Baumgarten, abgegeben hat, verdient weitestgehende Beachtung. Dieser Gouveneur, welcher nach Volhynien geschickt wurde, um die jüd. Ausbeulungssucht „einzudämmen", sagt als Experte: „Meine Vorsätze hinsichtlich der Juden verließen mich, nachdem ich Gelegenheit hatte, die Beziehungen der Juden zu der orthodoxen Bevölkerung des Gebietes kennen zu lernen. Diese Beziehungen basiren durchwegs auf Brüderlichkeit und Rechtschaffenheit. Die Juden in dem mir unterstehenden Gouvernement, welche zum größten Theile ein kümmerliches Dasein fristen, sind in so mancher Hinsicht für die bäuerliche Bevölkerung sehr nützlich. Um eine ganz geringe Entlohnung vermitteln sie den Bauern den Absatz ihrer landwirthschafilichen Produkte, und für eine noch geringere Entlohnung verschaffen sie ihnen ehrlichen Erwerb. Die Reichen unter den Juden verschließen sich nicht der Theilnahme für dao Unglück ihrer orthodoxen Brüder; sie sind stets bereit, die allgemeine Roth einigermaßen zu lindern. Somit erscheinen mir die Juden des Gouvernements Volhynien als ein im Leben des Gebietes nützliches Element, das von der orthodoxen Bevölkerung auch geachtet und geschätzt wird." War Senator Goremykin von der Haltlosigkeit der gegen die Juden erhobenen Beschuldigungen schon

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