Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1896)
- Date
- 1896-01-30
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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186 mLlig riß ihn der Strom des eigenen Gesanges fort, er vergaß alles ringsum, und aus der Kehle drangen ihm die Töne in mächtigen Wellen, bald sauft und kos nd, bald wie ein kräftiges Brausen. Der Rebbe schloß gleich die Augen, um besser hören zu können, durch die Menge lief ein Flüstern: „Ah, ah!" Nach einer jeden der Anfangsstrcphen fielen fie mit fürchterlichem Getöse ein, daß man meinen konnte, die Synagoge müsse einfallen. Stufenweise jedoch schien der Gesang sie wie durch einen Zauber zu bannen; Manche beugten stch mit gespitzten Ohren vornüber, Manche stießen einzelne verzückte Laute hervor, Andere ließen die Köpfe sinken, wie träumend, oder als hätte der Sänger sie in ferne, unbekannte Welten entführt. Da waren besonders zwei Strophen, welche die stärkste Wirkung übten. Die eine war wehmüthig, schmelzend und weich, wie die Trostworte einer Mutter; die zweite tönte kraftvoll und munter, jauchzend, wie Jubel- und Weckruf. Bis der letzte Ton verklang und Reb Sekel wie einem Zauberschlaf erwachte. Während er in halbwachem Zustand auf seinen Platz zwischen Thür und Ofen zurückkehrte, streckten fich ihm unzählige Hände entgegen, man zauste und zupfte ihn: „Oj, oj, Reb Sekele, ach!" oder: „Na, na Reb Sekele war das aber ein Lecho-Daudi!" Ein heiteres Lächeln spielte auf seinen Lippen bei diesen Erinnerungen und er überlegte eben, welche Melodie er für diesen Abend wählen sollte, ob die vom „großen Zaddtk" in tiefen, schwellenden Accorden compontrte, oder jene vom Jerucham, die leicht und hüpfend war, als Aleksei, der Knecht eintrat und eine Schüssel mit dampfendem Brei auf den Tisch hinstellte, Reb Sekel sollte frühstücken, aber sein Herz war so bewegt, daß ihm die Speise nicht über die Lippen wollte. Aleksej machte sich in der Stube zu schaffen und sagte: „Et, et, panie Sekel, Ihr wollt also just in diesem Frost heute nach Hause gehen? So füllt doch den Bauch mit etwas Warmem. Freilich, ich möchte Euch gerathen haben, schön in der Stube zu sitzen und nicht die Nase vor die Thür zu stecken. Doch in Euch, sehe ich, wohnt ein Teufel!" Reb Sekel lächelte überlegen. Alksej war ein guter Mensch, aber was verstand ein Bauer von Sabbatwonne? Und wie konnte Aleksej wiffcn, was es heißt, gerade heute Abend am Tische seiner Frau Ktddusch zu machen und dann beim ersten Sabbatmahl zur Rechten des Rabbi zu fitzen und die Semiroth zu singen! „Nein, Aleksej," „sagte er. „sei ohne Sorge. Der Frost wird mich nicht auffceffen. Du sollst sehen, Sonntag, so Gott will, bringe ich Dir aus der Stadt ein blankes Messer und einen Tabaksbeutel, wie Du ihn haben möchtest." In Aleksejs Augen blitzte es aus; aber er versetzte: „Wenn Ihr wenigstens einen Pelz hättet, oder doch ein Paar Tuchsttefl. Aber so, in diesem federleichten Pekesche! In Eueren Stiefeln freilich wird sich der Frost nicht lange aufhalten. Durch das eine Loch geht er hinein und durch das andere hinaus. Ha, ha. ha! Aber ich will Euch etwas Stroh unter die Sohlen stopfen." Damit entfernte stch der Knecht und Reb Sekel begann seine Siebensachen zu pack n. Er mußte sich beeilen, wenn er rechtzeitig anlangen wollte. Die neunte Morgenstunde war schon vorüber, und doch hatte es sich kaum aufgehellt. Um vier Uhr Nachmittags war es schon dunkel. Und der Weg war lang, mehr als fünf Meilen; man mußte endlose Felder und Wiesen passtren, auch an einem Wald mußte man eine Strecke lang vorbeikommen. Beim Gedankm an diesen durchlief cs ihn ein bischen kalt. Denn man erzählte sich, daß dort Wölfe hausten, welche besonders im Winter die Gegend auf einige Meilen hinaus unsicher machten. Indessen das thaten sie nur bei Nacht, bet Tag war die Gefahr weniger groß, auch konnte man ab und zu Holzführern begegnen. Aber gegen die Kälte mußte man sich in der That schützen. Reb Sekel betrachtete die Fensterscheiben, auf denen dichte Sträucher von Eisblumen blühten, und zog seine drei alten Westen, eine über die andere, an. Dann wickelte er sich noch einen fadenscheinigen Shawl um die Brust und band ein Wolltuch um den Hals. Mit Aleksejs Stroflechten in den Stiefeln konnte man stch in den Frost hinaswagen. So ausgerüstet, zählte er nochmals die füns Gulden Honorar, die ihm der Hausherr theils in zerknitterten, fettigen Banknoten, theils in schweren Kupfermünzen einqehändigt hatte, durchlief in Gedanken die Aufträge der Wtrthin, und eine Melodie vor stch hinbrummend, küßte er die Mesusah und machte sich auf den Weg. Am Thore standen der Hausherr und seine Ehehälfte. „Guten Sabbat! Bleibt gesund!" empfahl sich Reb Sekel. Der Hausherr brummte „hm, hm!" und seine Frau begann mit ihrer Fistelstimme, die in schreiendem Widerspruch zu ihrem Leibesumfang stand, zu keifen: „Daß Ihr mir nicht vergesset, Sonntags Schlag zwölf zurück zu sein! Die Jungens können doch nicht den ganzen lieben Tag wie die Kälber müßig umhrrspringen. Und daß auch Ihr nicht vergeht die Hefe mltzubrtngen. und Nadeln und Papier und Seife und Oel und Kaffee und alles Andere. Geld habe ich Euch ja mitgegeben." Reb Sekel suchte das Weite. Doch bald er-