Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 9 (30.1.1896)
- Date
- 1896-01-30
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448618--41178-2490124- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXXVII. Jahrgang. M 9. Der Israelit. Ein Eentrak-Hrgan für das orthodore IudentHum. Begründet von Dt. Lehmann in Mainz. Donnerstag, den SO. Januar SOS« (1800). 8^ wirret Mnvlr abonnirt man bei allen Postanstalten für die Monate Februar & März auf den „Israelit". Dieser Preis tritt aber nur ein bei Abonnements, welche rechtzeitig am Post-ZeitungSschalter deS Wohnortes des Bestellers oder bei dem betreffenden Landbriefträger ausgegeben werden. Die Expedition des „Israelit". Leitender Artikel. Itodj einmal die KmiWruhe. ——-■—*-™ X?emb erg, km Januar. ES ist gerade ein Jahr vorüber, seitdem der staunenden „Welt" triumphirend verkündet wurde, daß das Parlament von Wien, insbesondere aber der Club der tapferen Polen voll ist von Sanftmuth und religiöser Toleranz. Da hatte man nämlich ein Gesetz geschaffen, welches die Arbeit am Sonntag verbot, unter Androhung strenger Strafen verbot, nur einzelnen Gewerbearten wurde ausnahmsweise für einige Stunden die Arbeit an diesem Tage gestattet. Und stehe da! Man erinnerte stch, daß in einem Kronlande von den 17 Kronländern Oesterreichs über 800,000 Juden leben, welche diese von Oesterreichs Volksboten mit Aufgebot ihrer ganzen Hirn- und Lungenkraft zu Tage geförderte Weisheit, von der Notwendigkeit eines wöchentlichen Ruhetages, längst schon, noch vor ein paar Jahrtausenden wußten und so streng beobachteten, wie es keiner der erkorenen Gesetzgeber von Wien zu träumen wagte. Nur begehen sie den kleinen Fehler, nicht am Sonntag, sondern einen Tag zuvor zu ruhen. Und man war in der That so gnädig, diesen paar Steuerzahlern und „gleichberechtigten Bürgern" zu gestatten, nicht etwa am Sonntag den ganzen Tag über ihrem Gewerbe nachzugehen — das wäre ein Gebot der Vernunft und der Gerechtigkeit, zwei Damen, welchen der Zutritt zu den Hallen der Gesetzcsfabrik in Wien nicht gestattet ist — aber, man erlaubte den jüdischen Ladenbesitzern, an jenen Stunden, die am Sonntag der Arbeit freigegeben find — von 8 bis 10 Bor- und von 3 bis 6 Nachmittags — ihre Handlungen offen zu halten! Mit den Handwerkern und Arbeitern war man noch gnädiger, indem man ihnen erlaubte — höret und staunet! — den ganzen Tag hindurch zu arbeiten, aber nicht öffentlich und ohne Geräusch! Aus dem advokattschen Kauderwälsch ins Gemeinverständliche übersetzt, heißt dies, wer ein Dachdecker, ein Setldreher, ein Maurer, ein Anstreicher oder dergl. ist, der darf nach wie vor nicht arbeiten, da diese Arbeiten ihrer Natur nach nicht unter dem Ausschluß der Orffeutlichkeit vor stch gehen können; ebenso blieb das Arbeiten am Sonntag untersagt den Eisen-, Kessel- und Blechschmieden, den Schloffern, den Schustern und allen anderen Handwerkern, die beim Ausüben ihres Berufs ein Geräusch verursachen, ja, es ist schon vorgekommen, daß man einem Schneider das Arbeiten verboten hat, weil die christlichen Nachbarn sich beschwerte», das Saufen einer Nähmaschine störe sie beim — Kartenspiel. Gänzlich unbehelligt blieben nur die — Couponsschneider, Geldverleiher und ähnliche „Gewerbetreibende", die sich weder an die Orffentlichkeit drängen noch das Geräusch lieben. Beim Botiren dieses, man sicht von Toleranz triefenden Gesetzes, ließen ein paar polnische Abgeordnete eine Fluth Reden vom Stapel, in denen sie ihre große, von jeher rühmlichst bekannte Toleranz und Nächstenliebe betheuerten und sich gegenseitig dankten, dann dankten sie noch dem jüdischen Abgeordneten Byk, dann dankten sie dem Minister und dann dankten sie noch dem Berichterstatter, dann dankte der Abgeordnete Byk ihnen, dann dankte er noch dem Minister und dem Berichterstatter, dann dankten die Juden dem Polenclub und speciell seinen toleranten Mitgliedern. Schließlich dankte man noch ganz besonders dem Abgeord-