Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 6 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448615--41134-2490077- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
---- -- 128 bei seinen Vorträgen zu erscheinen ohne alle Achronim*), mit dem nöthigen Eifer vorstudirt zu haben, entschloß sie sich in anbetracht seiner anderen guten Eigenschaften, über diese allerdings bedauerliche Schwäche umsomehr hinwegzusehen, als diese kaum ihrem ehelichen Glücke abträglich werden konnte und hatte dieses nie zu bereuen gehabt. Gras Rudolf Colloredo wurde zum Feldmarschall ernannt und starb 1657 im Alter von zweiundsiebenzig Jahren als Gouverneur von Böhmen. Etwa zehn Jahre nach Abschluß des Ostlabrücker Friedens betrat ein alter, schlecht gekleideter Bettler das Prager Ghetto. Man war an derartige Gäste wohl dort gewöhnt, aber dieser siel durch sein eigenthümliches Aussehen jedermann aus. Er war ungewöhnlich groß, erschien aber dadurch noch größer als er in der That war, weil er von erschreckender Hagerkeit, förmlich zum Skelett abgemagert war. Sein Gesicht hatte die Farbe einer Leiche und unter starken, huschigen, aneinander gewachsenen Brauen quollen zwei Augen in unnatürlicher Größe hervor, daß die kleinen Kinder bei seinem Anblicke erschreckt davon liefen. Dabei vermochte er sich nur, auf einen starken Knotenftock gestützt, langsam in kleinen Schritten sortzubewegen und mußte überdies von Zeit zu Zeit stehen bleiben und sich ausruhen. Er lenkte seine Schritte zu denl Hause des Oberrabbiners und keuchte mühsam die Treppe empor. Im Vorzimmer befanden sich viele Personen, die an den Oberrabbiner die verschiedensten Anliegen hatten. Sie wurden ohne Berücksichtigung des Standes, nach der Zeit ihres Anlangens in das Sprechzimmer des Rabbi eingelassen. Auch nach der Ankunft des Fremden waren Audienzwerber erschienen und als ihn die Reihe traf, frug der Schammes, „wen soll ich dem Rabbi melden?" worauf der Fremde mit müder, heiserer Stimme erwiederte: „Einen Baal- TschuwoJ) — aber laßt alle andern vor mir eintreten, ich bin der allerletzte der Menschen!" Der Diener hielt den Mann für einen Verrückten und ließ alle andern vor ihm in das Sprechzimmer des Rabbi gelangen. Endlich waren alle andern schon beim Rabbi gewesen, allein es schlug von der Thurmuhr des jüdischen Rathhauses Mittag, um welche Zeit die Sprechstunde endete und der Diener sprach: „Heute ist es schon zu spät, Ihr müßt morgen wiederkommen." „Morgen wäre es für mich zu spät, sagt dem Rabbi, ein Baal Tschuwo, der sein Ende herannahen suhlt, wollte ihn sprechen .... Er wird meine Bitte, mich anzuhören, nicht verweigern." 1) Rabbinische Werke der Neuzeit. 2) Einen Büßenden, einen reuigen Sünder. | Der Diener verschwand für einen Augenblick in's nächste Zimmer, als er herauskam sprach er: „Ihr könnt eintreten!" Rabbi Simon Spiro war in den letzten Jahren grau geworden, aber seine herkulische Gestalt war noch ungebeugt und die durchdringenden Blicke seiner schwarzen, feurigen Augen schienen in den Herzen der ihrn Gegenüberstehenden wie in einem aufgeschlagenen Buche lesen zu können, und der Greis erzitterte unter diesem Blicke. „Wer seid Ihr, was wollt Ihr? „Ich bin ein Baal Tschnwo." „Das ließt Ihr mir schon sagen .... Was verlangt Ihr von mir?" „Rabbi, ich habe eine Frage und eine Bitte au Euch zu richten!" „Laßt beide hören." „Ist es wahr, daß Jom hakippurim^) die begangenen Bünden sühnt?" Eine leichte Zornesröthe überflog die edlen Züge des Rabbi. „Zur Beantwortung dieser Frage hättet Ihr Euch nicht an den Prager Oberrabbiner zu wenden brauchen, die kann Euch ein jedes Chederkind4), wenn es einen ordentlichen Melamed gehabt hat, richtig beantworten .... Der Versöhnungstag sühnt nur jene Vergehen, die gegen Gott den allgütigen Weltenlenker verübt, wodurch aber kein Mitmensch geschädigt wurde; — was der Mensch gegen Menschen verbrochen, das nuiß er zuerst gut machen unb die Verzeihung des Geschädigten oder Gekränkten erlangen." „Dann steht meine Rechnung schlecht!" rief der Fremde tief ausstöhnend, daß sein ganzer hagerer Körper erzitterte, „ich habe gestohlen, geraubt, ich habe Menschenblut vergossen!" Der Rabbi blickte betroffen auf. „Das habe ich so lange ich lebe, außer von Euch, nur noch von eine m Juden gehört .... Nun kenn' ich Euch auch! .... Ihr seid der Vater des Abtrünnigen Juden, des schwedischen Obersten, der nach der Belagerung von Prag durch die Schweden, hier gestorben, Ihr seid der Mann, der sich vor etwa sieben und zwanzig Jahren hier unter dem Namen Abraham Funkenstein als Ger ausgab." „Der Rabbi hat mich vor sieben und zwanzig Jahren gesehen und wieder erkannt?" frug der Fremde erschreckt. „Nein! ich habe Euch damals nicht gesehen und konnte Euch daher auch nicht erkennen. Ich erkennn Euch nur aus dem Bekenntniß Eures Sohnes, nur daran; weil ich nicht glaube, daß außer Euch und Eurem Sohne je ein Bekenner des einig-einzigen Gottes, Menscheriblut vergossen hat! .... Doch Ihr wollt auch eine Bitte "vortragen, laßt diese hören." _ (Schluß folgt.) 8) Der VersöhnnngStag; 4) Schulkind; 5) Lehrer.