Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 6 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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i MV>, XXXV». Jahrgang. Beilage ju M 6 des »Israelit". Leitender Artikel. Ti» Klick In dis Wen der Jude» iw MMellltrr. Hamburg, 18. Januar. Im „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" sprach gestern Abend Herr Rabbiner Dr. Frank-Köln über das Thema „Ein Blick in das „Schul- und Familienleben der Juden im Mittelalter". Redner bemerkte einleitend, daß der, wer das Räthsel der Fortexiftenz des jüdischen Volksstammes während der traurigen Zeit des Mittelalters, in welcher sich Hohe und Niedrige, geistliche wie weltliche Würdenträger zur Verfolgung der Juden verbanden, lösen will, vor allen Dingen einen Blick in das innere Leben der Juden im Mittelalter werfen muß. Wenn ein Volk in seinem geistigen und sittlichen Kern, trotz aller Kämpfe und Stürme von außen, fortbestehen soll, so muß vor allen Dingen dem Volke ein Ideal vor Augen stehen, an welches es sich, ungeachtet aller Leiden und Unterdrückungen aufrichtet. Ein solches Ideal war den Juden im Mittelalter das Studium der Gotteslehre. Das Familtenhaus und das Lehr- und Gotteshaus, das waren die Stätten, an welchen das jüdische Volk im Mittelalter sich von den Verfolgungen seiner Feinde erholte. Betrachten wir einmal näher die Lebensweise der Juden im Mittelalter. Nach altbtblischem Herkommen betrachten die Juden den Kinderreichtum der Ehe als einen besonderen Segen Gottes. Daher knüpfen sich sehr viele Gebräuche an die Kindererziehung an. Der Knabe wurde, wie dies auch heute noch vielfach der Brauch ist, nach vollendetem ersten Lebensjahre, das heißt am ersten Sabbat nach vollendetem ersten Lebensjahre, vom Vater feierlichst in die Synagoge getragen. Man hat diese Ceremonie, welche im Mittelalter eine große Rolle spielte, mit dem Namen „Schultragen" belegt, ein Name, welcher sich wohl aus dem Umstande erklären läßt, daß im Mittelalter die Synagoge zugleich Schul- und Lehrhaus war. Nach beendigter Thoravorlesung wurde das Kind vom Vater aus dem Vorhof der Synagoge in diese getragen. Hier wurde dann um die zusammengerollte Thora vom Vater ein aus der Hand des Kindes genommener Linnenstreifen gewickelt. Dieser Leinenstreifen, Wimpel genannt, enthielt den Namen und Geburtstag des Kindes und bildete gleichsam das Ctvklstanvsregtster der jüdischen Gemeinden im Mittelalter. Auch sonst wurde das Kind bereits früh in das religiöse Leben etngeführt. Der regelmäßige Schulbesuch begann bereits mit dem vollendeten fünften Lebensjahre. An dem Wochenfeste, welches auf dieses folgte, wurde das Kind vom Vater entweder in das Lehrbaus, oder zu einem einzelnen Lehrer gebracht. Der Unterricht begann damit, daß man dem Schüler eine Holztafel oder Pergamenttolle vorlegte. Diese war mit Honig bestrichen und auf derselben befand sich das jüdische Alphabet in der Weise, daß je vier Buchstaben ein Wort bildeten. Man wollte hiermit dem Lernenden den Unterricht versüßen. Demselben Zweck diente ein aus Mehl und Honig bereiteter Kuchen, auf dem sich der Bibelvers Ezechiel 33 befand: „Und er sprach zu mir: Menschensohn, Deinen Leib Me mit dieser Rolle, die ich Dir gebe. Und ich aß sie, und sie war in meinem Munde wie Honig so süß." Demselben Zweck diente auch ein mit Versen aus dem 111. Psalm beschriebenes gekochtes Et. Die Inschriften am Kuchen und Et wurden verschiedene Male mit dem Schüler durchgenommen, und alsdann wurde beides unter die Schüler des Lehrhauses vertheilt. Auch die Mädchen wurden bereits frühe von der religiösen Mutter mit in das Gotteshaus genommen, wenngleich man den Hauptwerth auf die häusliche Erziehung derselben legte. Auf dem Borderblatt eines uns erhaltenen Gebetbuches aus dem 14. Jahrhundert, wo sich die Geburtstage und Jahre der Kinder verzeichnet finden, steht bet den Knaben verzeichnet: Gott möge geben, daß ich sie zum Thorastudium und guten Thaten erziehe, und bei dem Geburtstag der Töchter wird bemerkt: „Gott gebe, daß ich sie zum Nähen, Spinnen, Stricken und guten Thaten erziehe." I« der That finden wir auch im Mittelalter jüdische Näherinnen und Schneiderinnen, welche sich auch in der nichtjüdischen Bevölkerung einer großen Kundschaft erfreuten, und auch ein weiblicher jüdischer Banquier wird in den Urkunden erwähnt. Wie überall im Mittelalter, so herrschte auch bei den Juden in damaliger Zeit große Lebenslust, welche zuweilen überschäumte. Es ist das auch von christlichen Schriftstellern anerkannte Verdienst, der Rabbinen zu einer Zeit, in welcher alle Bande der Zucht nnd Sittlichkeit gelockert zu sein schienen, strenge Maßregeln gegenüber der Ausgelassenheit getroffen zu haben; insbesondere war der Verkehr der Geschlechter genau geregelt. Auch der Tanz und das Spiel, welche gar oft zu Ueberschreitungen der gezogenen Schranke führten.