Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 6 (10.1.1896)
- Date
- 1896-01-10
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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m WWWWWWWW 123 RetchthumS. Sie war die letzte des stolzen Grafengeschlechts und in ihrer Person vereinigten sich alle Traditionen des Hauses Pelouse. Wohl gab es noch eine Linie dieses uralten Geschlechts; aber diese hatte auch durch Eingehung einer Mefsaliance, noch mehr durch die Abweichung von den Traditionen dieser Familie, sich vom Erbrecht und der Zusammengehörigkeit mit dem Geschlrchte ausgeschloffen. Sie hatte verschiedene Schicksalsschläge er. fahren. Ihre Mutter, Comteffe Laure, die sie zärtlich liebte, verließ sie, um als Geliebte du Festons, der General unter dem Kaiserreiche war, in das Kampfgewühl zu folgen. Ihr Bräutigam, Marquis Rosemonde, verrieth sie wegen einer Tänzerin. die ihn zu Grunde richtete und ihn an den den Bettelstab brachte. Diese Erfahrungen erfüllten ihre Brust mit bitteren Gefühlen und veranlaßten sie, sich von der Welt zurückzuziehen, nur noch für die Ehre der Familie, wie es sich für die einzige Repräsentantin des vornehmen Namens geziemt, zu leben. So lebte sie in strenger Abgeschiedenheit einmal auf diesem, ein anderes Mal auf jenem Schlosse ihrer Ahnen, umgeben von den Erinnerungen alter Zeit. Auch ihr Geist war auf demselben Punkt stehen geblieben, er war nur bis 1820 vorgeschritten. Der Mensch begann in ihren Augen als vollberechtigtes Glied der Welt erst, wenn er den Adelstitel besaß. Das Bürgerthum verachtete sie, die Mischadeligen, betrachtete sie als die Handlanger der Aristokratie. Bon solchen verosteten Ideen und falschen Vorstellungen umgeben, machte sie eines schönen Tages die schreckliche Wahrnehmung, daß sie stark zu altern anfange, und daß mit ihr der Name Pelouse aussterbe. Was nun beginnen, damit dieser morsche Stamm junges Reis treibt? Da erinnerte sie sich des Comte Edmond Pelouse, der sich von den Traditionen und dem Glauben der Familie losgesagt hatte und deßhalb vom Familien - rathe ausgestoßen wurde. Vielleicht lasten sich seine Nachkommen für den Glauben und die Traditionen der Familie wiedergewiunenP Ach, wie herrlich könnte es sein, und zu welcher Pracht und zu welchem neuen Glanze würde sich da der Name Pelouse entfalten! Mit fieberhafter Hast verfolgte sie nun die Spuren der längst vergessenen Verwandten, so hatte das Leben für sie eine neue Aufgabe erhalten. Das Glück begünstigte sie, denn bald gelang eS ihr, den einzigen Nachkommen des Grafen Edmond, Abraham Pelouse, zur Uebernahme der Verwaltung ihres Gutes Saint Andr4 zu bewegen. Zwar hatten sich ihre Bemühungen, ihn zur Annahme des Grafentitels, als erfolglos erwiesen, sein Blut schien eben zu sehr mst dem jüdischen hartnäckigen Blute vermengt zu sein; aber Elchonou, den sie nach ihrem Vater, Gaston, nannte, sollte ihrem Zwecke dienen. Achtes Kapitel. Der Letzte des Stammes. Die Thür ging auf unb Doktor Blum trat in das Zimmer. Die Comteffe nickte kaum merklich mit dem Kopfe und reichte ihm mit herablaffender Freundlichkeit die Fingerspitzen ihrer aristokratischen Hand zum Kusse. „Was verschafft mir die Ehre Ihres Besuches, meine Gnädige?" frug Doktor Blum, indem er die Auszeichnung, die aristokratische Hand küffen zu dürfen, scheinbar übersah. Sie maß Dr. Blum mit einem hochmüthiaen, beinah verächtlichem Blick und ein unwilliger Zug legte sich um ihre Mundwinkel. Die einfache Anrede des plebeischen Arztes war nicht nach ihrem Geschmacke und ärgerte sie. „Ich wollte Sie zuerst fragen." gab sie zur Antwort, indem sie sich zu einem Lächeln zwang, „was Sie von dem Zustand meiner oisee Comteffe Judith halten, dann ....!" „Comteffe Judith? Ihre Nichte?" rief Dr. Blum erstaunt aus. „Meinen Sie nicht Madame Pelouse, meine Gnädige?" „Wohl meine ich sie, won eher!" erwiederte die Gräfin hastig, empört über die Unterbrechung, deren sich der Plebejer erkühnte. „Aber ich muß mir schon die Anrede gnädige Frau Comteffe für die Mutter des einzigen Erbe« des Grafen Pelouse ausbitten! Jetzt bitte mir mitzutheilen, was Sie von dem Zustande der Comteffe hatten. Ist Hoffnung auf Genesung vorhanden?" „Wie? Judith Comteffe? Elchonon Erbe eines Grafentitels? Sie scheinen zu träumen, Frau Gräfin, oder .... Bitte zeigen Sie mir gefälligst Ihren Puls!" „Sie halten mich doch etwa nicht für wah«. sinnig, man eher?" lächelte die Gräfin amüstrt, „Nein, nein, mon eher! In meinem Kopfe ist eS klar! Meine Nachricht setzte Sie in Erstaunen? Ich begreife es wohl! Ich will Ihnen auch Aufschluß und Beweise über die Richtigkeit meiner Angaben geben." „Ihre Nachricht setzt mich in der That in Erstaunen!" versetzte er, „Bitte wollen Sie . . . .!" „Davon später, men ami!" unterbrach ihn die Gräfin, „wollen Sie mir nicht zuerst sagen, ob Sie Hoffnung auf Genesung haben?" „Der Zustand der Frau Judith ....!" „Der Frau Comteffe wollen Sie sagen!" unterbrach ihn die Gräfin abermals.