Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 3 (9.1.1896)
- Date
- 1896-01-09
- Page
- – (sequence 24)
- Language
- German
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64 Pfl'cht zurückzuführen und so lange das Blendwerk besteht, d. h. solange sie die Sachlage nicht glauben, und dafür will ich schon Sorge tragen, werden sie in ihrer Pflicht dem Vater gegenüber v rharren. Dann soll auch für Sie, mein scbönes Kind aus diesem Blendwerk ein ewiges Glück entstehen!" „Für mich, Herr Gutmann?" versetzte Erna ungläubig. „Ja für Sie, mein schönes Kind!" „Hast Du eine neue Poffe im Anschlag?" warf Reifmann lächelnd ein. „Hör' mal, alter Knabe, Du scheinst Spaß an Possenspielen gefunden zu haben. Wirst mir doch keine Concurrenz machen wollen? Gib es auf. Du hast kein Geschick dazu. Doch um das Glück der lieben Erna zu begründen, bedarf es keines neuen Blendwerkes, das gestern von uns meisterhaft aufgeführte Spiel erwies sich auch noch wirksam genug, um dieses zu erzielen. Rarhet Ihr noch immer nicht, wovon ich rede? Höre mal, Reifmann, Du magst Bescheid in talmudrschen Discuffronen wrflen, aber w Vötffct Du gar keinen Bescheid. Also höret. Noch gestern Abend kam Ephraim Weiß in mein Bureau, also der Vater des ehemaligen Verlobten unserer lieben Erna und klagte mir, daß sein Sohn, seit die Verlobung mit Ihnen, liebste Erna, aufgehoben wurde, wie ein Scharten einhergehe und ein Blld des Jammers und des Elends darstelle. Er sei deswegen zur Nachgiebigkeit entschlossen. Nur möchte ich bei Dir Reifmann bewirken, daß Du der Erna eine reiche Ausstattung und noch reichere Mttgüt gewährst. Willst Du es thun, Reifmann?" „Bist Du närrisch, Gutmann. Du weißt ja, daß mein Reichthum nur Blendwerk ist." „Das durfte ich ihm nicht sagen. .... Weiß glaubte, daß es Deinem nach Millionen zählenden Vermögen wenig Abbruch thun würde, wenn Du Erna eine Mitglft von 50 Mille einräumen würdest. Ich machte ihn jedoch darauf aufmerksam, daß Du ein ebenso geiziger wie mißtrauischer Mann seiest. Es würde hierin bei Dir Nlchts auszuführen fein. Du bist durch böse Erfahrungen klug geworden und hast den Entschluß gefaßt, während Deines Lebens Nichts für Deine Kinder thun zu wollen. Jedoch sei es kein Unterschied, ob sein Sohn Erna's Vermögen verwalte, oder ihr Großvater. Beim alten Geizhals ist dieses am sichersten!" „Mensch, Du ruinirst meinen guten Ruf!" rief Reifmann ärgerlich aus. „Den habe ich nicht nöthig mehr zu ruiniren. Die ganze Stadt hält Dich für ebenso enorm reich, wie auch geizig. *) Dingm von dieser Welt. „Das ist aber Dein Werk, Gutmann!" „Nein, das Werk des Blendwerkes. Liegt Dir so an dem Urtheil der Welt, Chamaur? Wenn! Du noch weniger wärest als gerzig, würde die j Welt sich doch vor Deinen Dir angcütchteten Geld-! sack bücken. Doch zurück zu unserer Erna. Ange-! stchts des Leidens seines Sohnes und seiner Sehni sucht nach der blendenden Erna, hat sich Weiß i entschlossen, die Wahl seim.s Sohnes gu zuhetßen; und bat mich, bei Ihnen, liebe Erna, Verzeihung! für seine Schwäche zu erwirken!" Eine Blutwrlle stieg langsam in Erna's Gesicht und färbte es purpurroth. „Darf ich dem alten Weiß Ihre Verzeihung überbringen?" „Ich habe ihm noch nie was nachgetragen. Er ist leider ebenfalls durch des Geldes Blend j werk irregeführt. „Aber durch unser Blendwerk wieder auf den rechten Weg gebracht", jubelte Gutmann, „die Braut und der Bräutigam, die das Blendwerk zufammengeführt hat, sollen leben." — — — — Erna's Bräutigam wurde in das Geheimmtz des Blendwerks eingeweiht. Erna ist jetzt eine glückliche Frau und ihr Großi vater wohnt in ihrem Hause, von ihr mit zärtlicher, echt kindlicher Liebe gepflegt. Seine anderen Kinder indeß warteten noch auf reiche Erbschaft. Ob sie sich nicht täuschten? Doch nein! Eines Tages saß Reifmann mit betrübtem Gesichte und zerknirscht-m Gemüthe in einer Zeitung blätternd. „Warum so betrübt, liebes Großväterchen?" frug Erna sanft. „Ach liebste Erna," jammerte der Alte, „das Blendwerk lastet schwer auf meinem Gewissen! Ich meine unter der Wucht dieser Täuschung erdrückt zu werden. Jeder Beweis der Liebe meiner Kmder kommt mir wie ein Diebstahl vor, da ich doch diese nur einer Täuschung zu verdanken habe. Ich verwünsche den Tug, an welchem ich mich von Gutmann überreden ließ, die Ausführung dieses Blendwerks gestattet zu haben. Es war keine edle That, sondern Mangel an Verträum auf Gottes Weisheit und Gerechtigkeit. Die einzige Geuugthuung, die ich dabei empfinde, ist, daß ich unschuldig an der Sache bin, da ich mich ja, wenn auch leider vergebens, bemüh: habe, den wahren Sachverhalt meinen Kindern klarzustcllen und daß durch diese Täuschung Dein Glück begründet wurde. Ich persönlich habe keine Freude daran .... mein Gewissen peinigt mich zu sehr ....!" (Schluß in der zweiten Beilage.) Verantwortliche Redaction: Oscar Lehmann in Mainz. — Expedition des „Israelit", Schottftraße Nr. 3, Mainz. Druck und Verlag der Joh. Wirth'schen Hofbuchdruckerei-Actirn-Gesellschaft in Mainz.