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Der Israelit · 1896-01-09 · Heft 3 (9.1.1896) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 3 (9.1.1896)
Date
1896-01-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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MW 52 konnte .... David Pardllbitzer, ich frag' Dich nicht, ob Du mir verzeihen kannst, Du kannst es nicht, Du darfst es nicht, Dil hast nicht das Recht dazu! . . . Rabbi! ich will zu dem Glauben meiner Jugend, in dem ich in Reb Henoch Pardubitzers Hause erzogen wurde, zurückkehren, ich will als Jude sterben und neben nreinen Glaubensbrüdern begraben werden. , . Ich habe gesündigt, ich habe gefrevelt . . . ." und er sprach das Sündenbekenntniß in hebräischer Sprache, bei jedenl Worte sich mit der Faust all die Brllst schlagend .... dann sprach er immer leiser, imnler matter, „Herr und Gott sei kein allzllstrenger Richter gegell mich, stoß nicht den reuigen Sünder von Dir .... Schma Jisroel^) . . . ." Er konnte den Satz nicht zu Ende sprechen, sein Rumpf zilckte zusammen, sein Kopf sank in die Kissen zilrück — ein sündiger Mensch hatte zu lebell aufgehört!" — — Die vier Männer, welche Koppel Tarnower, oder wie er jetzt hieß, Karl Tarnowftröm, letztes Bekenntniß entgegengenommen hatten, schritten gedankeilschwer die Treppe des Gräflich Sternberg'schen Pallaftes herab. Voran ging der Rabbi mit Reb Hillel Utiz, ihm folgte der Primator und David Pardllbitzer. „Rabbi," srug Utitz, „ist dieser Mensch nicht als Bereuender, ist er nicht als Jude gestorben? Werdet Ihr, Rabbi, seinen Wunsch erfüllen, es gestatten, daß er dekeuer Jisroel3) kömmt?" „Vor wessen Seele der Todesengel mit dem flammenden Schwerte schwebt, wer fick von den Schauern der Ewigkeit angeweht fühlt, dessen Reue hat llur geringen Werth .... Mir ist es undenkbar, daß es einen Menschen gäbe, der nicht im letzten Augenblicke seine bösen Thatell bedauerte. So lange unsere altebrwürdige Gemeinde besteht, hat es noch nie Einen in ihrer Mitte gegeben, der Menschenblut vergossen llnd nie Einen, der seinen Rebenmenschen gewaltsam beraubt hatte, der Mann da, an dessen Sterbebette wir eben standen, der von feinem Glauben Abgefallene, hat gemordet, geraubt gestohlen. Ich will gegen Niemanden, am allerwenigsten gegeil einen Todteil, der nicht für sich selbst sprechen kann und Niemanden hat, der sein Recht vertreten möchte, hart sein. Ich will ihn auf unserem Bes hacliajim bestatten lassen; aber sein Grab soll abseits von den andern liegen. Wir haben nicht das stecht seine entseelte Hülle, jenen edlen Männern, die ihr volles Leben lang, um Gottes, um ihres Glaubens willen, ohne Murren, ohne Wimperzucken das Härteste erduldet, edler Männer, die nicht eine Sekunde ihres Lebeils, ihres Schöpfers vergaßen, an die Seite zu setzen." Während dessen sprach David Pardllbitzer zum Primator: „Ich bin von dem, wasich soeben erfahre,bis in den Urgrund meiner Seele erschüttert und wie 2) Höre JSrael, der Ewige unser Gott ist ein einzigeiniger Gott! 3) Ans dem jüdischen Friedhofe bestattet werde. betäubt; ich glaube zu träumen, ein Sturm der ver schiedenartigsten Gefühle wogt in mir: bitterer Schmerz darüber, daß mein Vater in der Blüthe seines Lebens, im schönsten Mannesalter, von ruchloser Haild ermordet wurde, — ein Gefühl tiefsten Abscheus gegen ben Mann, der meiner armen Mutter ilnd mir die böchsten Lebensgüter, ihr den geliebten Gatten, mir beit zärtlichen Vater geraubt, unser Lebensglück zerstört, meiner Mutter Herz gebrochen, dadurch nlir auch diese geraubt — ein Gefühl des tiesstell Abscheus gegen den Mann, der durch seine ruchlose That, das Andenken nleines Vaters befleckt, mein ganzes bisheriges Leben scheinbar unheilbar vergiftete und ailch den Lebensreft meines edlen Großvaters, Löbl Oppenheimer, bis zur Unertragbarkeit verbitterte. Ihr tonnt Euch denken, Herr Primator, wie schmerzlich der Gedanke: ein Abtrünniger, ein Verbrecher, sei der Gatte seiner einzigen Tochter, der Vater seines einzigen Enkels, ihm geworden, lvie bemüht er gewesen, die Schmach, der Sohn meines Vaters zu fein, von mir fern zu halten, wenn er sich entschloß, das einzige Andenkell an sein vielgeliebtes Kind, den einzigen Nachkommen, den er besaß — zu verleugnen, aus seiner Nähe zll verbannen, das Gerücht zu verbreiten, ich wäre meiner Mutter bald im Tode nachgefolgt! . . . Er ließ mich unter fremdem Rainen in Speier erziehen und inich in allem Wissenswerthen unterrichten — aber all' diese bittern Empfindungen besiegend, durchlodert mich das Gefühl endlos großen Glückes, erfahren zll haben, daß mein Vater, wie lneine arule Mutter stets in nimmerendender Liebe, in unzerstörbarem Vertrauen bis zu ihrem letzten Atheinznge behailptete, ein unschilderbar edler Mellsch gewesen, — erfahren zll baden, daß ich das Recht habe, ihn so zu lieben, wie ich ihn geliebt; daß ich nicht mehr schmerzgebellgt meinen Vater zu verläugnen brauche, daß ich mich nun nlit Stolz seinen Sohn nennen darf — daß ich, — Herr und Gott! wie kann ich Dir dafür danken? — nicht das höchste Erdenglück von mir zll stoßen brauche, denn jetzt, Primator, wenn Ihr mich noch zum Schwiegersohn mögt ..." „Ob ich Dich zum Schwiergesohn will!" warf Brandeis mit einem glücklichen Lachen dazwischen. „Dann bin ich überreich für all das Leid, das ich erlitteil, entschädigt und bitte Gott demüthigft um Vergebung, wenn ich in: Uebermaße unertragbarerr Leides, in überquellender Bitterkeit, durch ein Wort, durch einen Gedankell die Ehrfurcht, die das Geschöpf seinem Schöpfer schuldet, verletzt hätte! Nur Eins schmerzt mich, weit tiefer als ich es auszudrücken vermag, daß meine Mutter nicht die Ehrenrettung meilies Vaters erlebte! . . . . Doch ich will nicht murren — das wäre wobt zu schön für diese irdische Welt gewesen! . . ich bin zufrieden, Gott hat wunderbar Alles zum Guten gewendet!" (F. f.)

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