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Der Israelit · 1896-01-09 · Heft 3 (9.1.1896) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 3 (9.1.1896)
Date
1896-01-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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LUV». Jahrgang. Erste Beilage M J\s 3 des „Israelit". Leitender Artikel. An Anttsewttlsmils In Oesterreich iw Myre 1895. Wien, im Dezember. In Oesterreich nahm der Antisemitismus in drm soeben verflossenen Jahre eine bedrohliche Ausdehnung an. Der österreichische Landtag war schon zu Beginn des Jahres der Schauplatz widerwärtiger Ausschreitungen. Es wurden daselbst von der Minorität nicht nur Juden geschmäht und verdächtigt, sondern auch die Rachsucht gegen Christen, die dem antisemitischen Terrorismus Widerstand leisteten, befriedigt und der gute Ruf gemeinnütziger Anstalten, die zur Förderung humanitärer und wiffenschaftlicher Zwecke dienen, in frevelhafter Weise angetastet. Der geistliche Rector der Wiener Universität konnte nicht umhin, zur Abwehr der theils durch Unwissenheit, theils durch Böswilligkeit verursachten Angriffe auf akademische Lehrer seine Stimme zu erheben, allein die parlamentarischen und journalistischen Wortführer des Antisemitismus fielen über ihn so her, wie neulich wieder über den Rctor der Wiener technischen Hochschule, welcher fich unterfing, die studirende Jugend vor Racendünkel und confesstoneller Engherzigkeit zu warnen. Den scandalösen Auftritten im Landtage folgten bald Gemeindewahlen in Wien, deren Ergebntß ein Triumph der antisemitischen Hetze war. In Folge dessen entschloß fich die liberale Partei des Wiener Gemeinderathes. obwohl sie noch über eine kleine Mehrheit verfügte, von der Leitung der Communalgeschäfte fich zurückzuziehen. Der Antisemitenhäuptling avancirte sofort zum Bicebürgermetster und erhielt dann sogar die nöthige Stimmenanzahl, um zum Stadtoberhaupte vorrücken zu können, hatte aber nicht den Muth, bei einer solchen Zusammensetzung der Gemeindevertretung an die Spitze der Verwaltung zu treten, und führte die Auflösung des Gemeinderathes herbei. Nach einem heftigen, den ganzen Sommer hindurch währenden Wahlkampfe schloffen die Neuwahlen mit einem entschiedenen Stege der antisemitischen Streiter, deren Anführer nunmehr gern bereit war. die goldene Bürgermeisterkette als Belohnung für seine Agttationskunst dankend anzunehmen. Doch hatten fich inzwischen die innern Zustände stark geändert. Das Coalittonsministerium, auf welches auch die Gönner der Wiener antisemitischen Bewegung einen mächtigen Einfluß übten, war zurückgetreten, und nach einer Interimsregierung, die der opferwillige Statthalter von Niederösterreich leitete, wurde ein definitives Cabinet ernannt. Der Chef desselben, Graf Badent, erklärte von vornherein, er wolle führen, nicht aber sich führen lassen. Er benahm fich auch demgemäß, als der Antisemitenführer zum Bürgermeister gewählt wurde, und ließ fich von seiner Ansicht, daß das öffentliche Interesse es erheische, dieser Wahl die kaiserliche Bestätigung zu versagen, durch nichts abbringen. Der Antisemttenführer wurde als Bürgermeister nicht bestätigt, und der Gemeinderath, der ihn hierauf demonstrativ wiederwählte, aufgelöst. Diese Vorgänge bewirkten eine Spaltung im parlamentarisch rn Club der Conservativen; aus demselben schied eine Anzahl intimer Freunde der Wiener Antisemiten und errichtete eine selbständige Gruppe, welche von der Leitung des Centrums in Berlin, offenbar aus Unkenntniß der Personen und der Dinge, mit einer Sympathiekundgebung begrüßt wurde. Der Streit um den Wiener Bürgermeister- Posten ries ferner eine Reihe unerquicklicher Scandale im Abgeordnetenhaus hervor. Auch außerhalb des Parlamentes kam es zu Scandalscenen, namentlich dadurch, daß der antisemitische Generalstab zu seinen als Drohung gegen die Regierung veranstalteten Manövern auch weibliche Htlfsttuppen dtrigirte. Allerlei Spectakel und Exceffe, die Einstellung der Gemeindeautonomie, die wirtschaftliche Schädigung vieler Bewohner der Stadt durch lärmende Boycotte und eine in aller Stille vor fich gehende ernste Gegenaction, endlich die zunehmende sittliche Verrohung, welche aus den gerichtlichen Protokollen oft genug zu ersehen ist — das find die Früchte, wie das „Freie Blatt", dem wir diese Zeilen entnehmen, bemerkt welche die antisemitische Bewegung in Wien zur Reife gebracht hat. Nicht so turbulent wie in der Metropole, aber in seinen Wirkungen nicht minder verderblich grasfirt der Antisemitismus in den österreichischen Provinzen. In Oberösterreich wagen es rechtskundige Mitglieder der obersten autonomen Verwaltung, das Staatsgrundgesetz zu Ungunsten jüdischer Aerzte zu corrlgiren. Die Gemeindevertretung von Graz hält sich für berechtigt, die Freizügigkeit im Bereiche der steierischen Landeshauptstadt „mißliebigen Zuzüglingen" zu vergällen, wobei ste allerdings nicht so radtcal vorgeht wie die Bürgerschaft des galiztschen Städtchens Sahbusch. In einem mährischen Curorte werden jüdische Patienten verhöhnt, beschimpft und selbst thätlich mißhandelt. Auch in den deutschen Bezirken Böhmens treibt, wie die Landtags-

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