Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 3 (9.1.1896)
- Date
- 1896-01-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448608-2448612--41051-2489991- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
fände, wenn es glaubt, bald ausgeschlagen zu haben, ohne sein heißgeliebtes Kind, sein Höchstes auf Erden, vor drohenden Gefahren geborgen und geschützt zu wiffen? Glaubst Du es wirklich? — So laß" mich meine Pflicht erfüllen und Dir meine Wünsche klarlegen; denn ein solches aufregendes Schweigen ist viel verderblicher, viel tödtlicher!" „Wie?" — stammelte Susanns erschreckt — — „Unser Elchonon, unser herziger Knabe in Gefahr?" „Ja, meine liebe Susann«, in der größten." Elchonon, der bisher keinen Blick von dem Gesichte seiner Mutter abgewendet und auf ihr Gesprach mit Susann« gelauscht hatte, obgleich er den Sinn ihrer Worte nicht ganz zu begreifen vermochte, trat näher, als er seinen Namen nennen hörte. Er ergriff die Hand seiner Mutter und streichelte sie. „Mamachen, Elchonon will wiffen, wo er ist?" frug er mit einschmeichelnder Stimme. — „Wo ist die Gefahr? — Was ist die Gefahr?" Die naive Frage des Kindt' zauberte ein Lächeln auf das blaffe Gesicht der Mutter. „Wie? Du hier, mein liebes Kind?" frug die Kranke erstaunt. — „Ich vermuthete Du spieltest irgendwo im Garten. — Jetzt soll Dich aber Jean zu Doctor Blum hinführen!" — „Elchonon will bet Mamachen bleiben! Elchonon will nicht zum Onkel Doctor; er hat Furcht vor dem Onkel Doctor!" erklärte der Knabe bestimmt. „Aber Du spielst doch gerne mit des Doctor's Lucien", — wandte Susann« ein, die sich unterdeß von ihrem Schrecken erholt hatte und der Mittheilung gespannt entgegensah. — „Sei also nicht eigensinnig, Elchonon! Jean wird Dich zum Lucien hinüberbringen!" Damit erhob sie sich, trat an den Glockenzug und läutete. Ein alter Diener in reicher Livree trat leise in das Zimmer. „Jean!" — sagte Susann« — „führen Sie Elchonon zu Doctor Blum! Aber bitte, geben Sie auf den Knaben acht, daß ihm Nichts geschieht; denn wie Sie wiffen, ist Lucien ein wilder Knabe, der den Elchonon zu den kühnsten, verwegensten Spielen verleitet. Es wird daher gut sein, wenn beide nicht ohne Aufsicht bleiben." — „Zu Befehl, Mamsell Susanna!" — erwiederte Jean in strammer Haltung und während er einen mitleidigen Blick zur der Kranken herübergleiten ließ, ergriff er Elchonon's Hand und führte ihn aus dem Zimmer. 3. Capitel. Gefährliche Zärtlichkeit. Eine Weile lag Judith mit geschloffenen Augenlidern; ihre Brust hob und senkte sich keuchend.! Sie schien die Anwesenheit Susanna's, in welcher sie durch ihre hingeworfene Bemerkung eine neugierige Bewegung und ängstliche Spannung heraufbeschworen hatte, ganz vergeffen zu haben. Vergebens räusperte sich und hustete die Alte einige Mal, sie schien sie weder zu bemerken, noch an die Mtttheilung denken zu wollen; denn regungslos und starr blieben ihre Züge, kein Muskel zuckte darin; nur in der kranken Brust ächzte und röchelte es. Plötzlich aber trat ein energischer Zug auf die blaffen Lippen; sie schlug ihre Augen auf. „Das Reden fällt mir schwer, sehr schwer, liebe Susanna!" — Hub Judith mit gebrochener Stimme an. — „Ich will m'ch daher kurz Waffen und darauf verzichten, Dir die Motive zu erklären, die mich dazu drängen von Dir, treue Seele, einen Dienst zu verlangen, der Dir befremdend Vorkommen dürfte. Du weißt, daß wenige Jahre nach meiner Vermählung unglückliche Eretgmffe in den Vermögensverhältnissen meines Gatten — Friede mit ihm — eingetreten waren. Die Geschäftshäuser, mit welchen wir in Verbindung standen, falltrten und rissen uns mit tn's Unglück. Das Wenige, das uns noch aus dem Schiffbruch unseres Vermögens zu retten gelang, genügte blos, um unser» redlichen, ehrlichen Namen unserem Kinde unbefleckt zu erhalten. So blieben wir plötzlich ganz mittellos und dem Elend preisgegeben. Mein Gälte wurde durch Kummer und Sorgen krank und jene trübe Zeit legte in seine Brust den Keim zu seinem frühen Tod. Um uns vor dem schlimmsten zu schützen, entschloß er sich endlich nach langem Kampfe das Anerbieten der Komtesse de la Pelouse anzunehmen und Verwalter des Schlosses und des Gutes zu werden. Wir waren, Dank unserer religiösen Erziehung im elterlichen Hause und unserer Ueberzeugungstreue von der Heiligkeit und Wahrheit des Judenthums, stark genug, um auf die Verlockungen und Verheißungen der Comtesse nicht einzugehen. Anders verhält es sich, wenn mein armes Kind schütz- und schirmlos zurückbleibt. Es kann das Wahre vom Falschen, das Gute vom Bösen noch nicht unterscheiden; sein Geist ist noch nicht nach dem Lichte der Erkenntniß gelenkt worden .... Es ist daher nothwendig, daß, wenn Gottes Rathschluß mich bald von dem Erdenleben abberufen sollte, Du mit meinem herzigen Elchonon, noch bevor meine irdische Hülle der Erde übergeben wird, diesen Ort verläffest, und Dich zu meinem Oheim Ephraim Reichenbach nach N .... in der Provinz Posen begiebst. Dort allein ist er vor Nachstellungen und Gefahren geborgen." Susanna, die der Erzählung Judith's mit abwechselndem Gefühle, mir hohem Interesse, Span-