Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1896)
- Date
- 1896-01-06
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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33 Triebe von Sohnesliebe folgend, meinen Vater retten? Wollte ich Pardubitzer beschützen? Wollte ich Alles gleichzeitig? Das wußte ich wahrhaftig damals nicht und weiß es heute noch weniger! Als mich Pardubitzer, das schußbereite Pistol in der Hand, am Wagenschlage erblickte, ward er purpnrroth, er gerieth in maßlose Wuth, ein convulsivisches Zittern durchflog seinen Körper und er schrie: „Verräther, Mörder. Räuber, undankbarer Schurke, Schandfleck der Menschheit, ich thu' ein gottgefälliges Werk, wenn ich die Welt von einem solchen Scheusal befreie!" er zielte nun nach meiner Stirn .... hätte ich eine Sekunde gezögert, ich wäre ein todter Mann gewesen . ... da .... da .... " des Obersten Stimme ward fast unhörbar, „erwachte die Lust anl Leben in mir, — wilde Wuth gegen ihn, den ich ja schützen wollte und .... ich schoß ihm die Kugel in's Herz .... er sank ohne einen Laut anszuftoßen, sofort tobt in den Wagen zurück. „Mein armer, edler, verkannter, ruchlos ermordeter Vater!" schrie David Pardubitzer aus — dann aber trat eine tiefe Stille im Gemache ein; eine unschilderbare Rührung hatte sich Aller bemächtigt; endlich sprach der Primator, während der Rabbi segnend seine Hände aus Pardubitzers Haupt legte und Utitz ihm erschüttert die Rechte drückte: „Dein Vater war einer der edelsten Menschen, der je gelebt; er wird im Jenseits den Lohn für seine guten Thaten genießen, den Gott der Herr für seine treuesten Diener bewahrt; der Makel, der durch ein unseliges Verhängnis; ans seinem Ramen ruhte, verschwindet vor den; Hauche der reinen göttlichen Wahrheit, die sich zuweilen durch Gottes Fügung auch durch den Mund Unwürdiger offenbart, die, wenn zuweilen auch spät, doch immer ans Tageslicht dringt — sein Name steht wieder in vollem Glanze, in vollster Herrlichkeit da, dein Vater, der mein Freund gewesen, war ein Kodosch1), er starb als Schliacli Mizwoli2), der edle Mensch, der sein Vermögen wohl den gierigen Räubern preisgeben mochte, wollte für unglückliche Glaubewöbrüder anvertrautes Gut mit seinen; Leben schützen." „Was geschah, nachdem Ihr Euren Freund und Wohlthäter ermordet hattet?" wandte sich der Rabbi an den Obersten. „Mich erfaßte furchtbares Grauen, ich hätte um jeden, auch un; den höchsten Preis der Welt, meine That ungeschehen gemacht, — hätte ich's vermocht, ich Hütte meine Seele vernichtet, um sie der Strafe des gerechten Richters zu entziehen, aber ich war ja nur ein armer, ohnmächtiger, verzweifelnder Mensch! 1) Wönlich Heiliger, speziell werden jene so genannt, welche a's GsalibenLmänrrer oder im Dienste einer guten Sache ihr Leben opserten. 2) Bote einer gottgefälligen Sendung. .... Dir drei Räuber hatten sich sofort des JuwelenkofferS und der Baarschaft bemächtigt und trugen den Railb in die Forsthütte, wo die Theilung bei dem Scheine einer Diebslaterne vorgenommen wllrde. „Das Geld gehört denr da," sprach mein Vater, „er hat sich's ehrlich verdient,";;nd 311 meiner Verwunderung erhob keiner der anderen die geringste Einwendung. Ich schailderte zusammen und machte eine abwehrende Bewegilng; aber lnein Vater warf mir den gefüllten Ledergurt zu lind sprach: „Zum Leben wirst Du den Todten, durch Deine Weigerung das Geld zu nehmen, nicht erwecken, und Du brauchst es in dem Momente nothlvendiger als irgend ein Mensch aus Erden, selbst als die bedrängten Mainzer Juden; denen wird von allen Seiten beigesprungen werden, Dir hilft kein Mensch auf der Welt! .... Du mußt weg von hier, weit weg, und gehst einer ungewissen Zukunft entgegen .... und Du hast das Geld durch die Gelvissensbisse, die Dich bedrücken, schwer genug erkauft." Die Schmllckgegenstände wurden rasch getheilt, die Räuber schienen diese ziemlich genau auf ihren Berkausswerth tariren zu können und ich erkanllte, daß mein Vater als ihr Anführer bei ihnen in hohem Ansehen stand, und sie ihn; widerspruchslos Gehorsam leisteten. — 'Nachdem die Theilung beendet ivar, sprach mein Vater — und ich bewunderte seine geistesbeherrschende Ruhe liach dieser aufregenden Scene und den außerordentlichen Scharfblick, mit dem er sofort alle Anorduungen traf, sowohl eine Entdeckung der Bande, als eine Gefährdung meiner Person zil verbitten. Er nahm lnir meine Reisepapiere ab und ließ sie in die Brusttasche des Ermordeten stecke;;, so daß man beim Aussinden der Leiche, jenen für urich halten mußte, mir aber übergab er die Geleitscheine, die David Pardubitzer mit sich geführt, dann befahl er: „Du Goldfuchs, Du suchst sofort den langen Meier ans, den du in; nächsten Dorfe finden wirst und ihr Beide geht als hausirende polnische Juden nach Cham und berichtet dort den; Parnos, mit den; Ausdrucke des größten EntsetztenS, daß ihr bei Euerer Fußwanderung in; nahegelegenen Walde einen eriuordeten Juden aufgefnnden habt, und bittet, daß man sich des Mess wizwoh3) annehme, es aus den; Walde hole und aus dem dortigen Beshachajim bestatte .... Ihr habt doch einen Korb mit Hansiererwaaren bereit! .... Ihr beiden Andern bringt, so lange es Nacht ist, Pferd und Wagen in Sicherheit, werden beide bei unserer Reise gut gebraucben können und diese so rasch als möglich antreten müssen .... vorwärts!" 3) Eine Leiche, die au8 irgend einem Grunde noch nicht zu Grabe gebracht wurde. Die Bestattung einer solchen wird als besonders wichtige religiöse Pflicht, als hervorragend große Gutthat betrachtet. (Fortsetzung folgt.)