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Der Israelit · 1896-01-06 · Heft 2 (6.1.1896) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
37 (1896)
Issue
Heft 2 (6.1.1896)
Date
1896-01-06
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Verlaus einer Zeit, die ich nicht zu schützen vermochte, die mir aber endlos lang erschien, ivurde in der Ferne das Rollen eines sich näherenden Wagens und Pferdegewieher gehört. — Mein Herz klopfte zum Zerspringen; ich hatte bislang wohl die schlechtesten, verdammenswerthesten Gedanken und Absichten gehabt; aber eine schlechte That hatte ich noch nie verübt. Unwillkürlich griff ich nach dem geladenen Pistol, das ich während der Reise stets bei mir trug, — aber ich wußte nicht, gegen wen ich sie gebrauchen sollte. Alle Anwesenden, auch ich, traten nun an die Maueröffnung. Der Kutscher suhr, wohl des unsicher», schwankenden Mondlichts wegen, langsam und jetzt sogar hart an der Hütte vorüber, und ich konnte, da jetzt der Mond aus den Wolken trat, Pardubitzer, der in einen Mantel gehüllt, allein im Wagen saß, deutlich erkennen. Er sah sehr ernst und gedankenvoll aus, an was oder wen er denken mochte? Ob in banger Sorge um Weib und Kind, die er in der Heimath zurückgelassen? Ob an mich, der ihn in der Stunde der höchsten Gesahr treulos verlassen? Zu meinem Erstaunen hatte sich bisher keiner der vier Männer geregt, allein plötzlich hielt der Wagen, das Pferd stürzte und der Kutscher rief: „Zehntausend Sackerment, wenn ein Stock quer über den Weg gespannt ist, dann ist's ein böses Zeichen, dann sind die maskirten Teufel, die Räuber aus dem Fichtelwalde in der Nähe, Helsen könnt' ich Euch nöt, ich käm' nur mit Euch in's Unglück! b'hüt Euch Gott!" und so sprechend sprang er vom Bock und floh so rasch ihn seine zitternden Füße trugen. Jetzt stürzten die vier Männer, mein Vater voran, die Thüre hinaus. Der Mond beleuchtete die eigenthümliche Scene, es wurde laut gesprochen und die Hütte, in der ich mich jetzt allein befand, war nur einige Schritte von dem Wagen entfernt. Ich konnte alles deutlich sehen und hören. Die vier Männer traten, die Pistole schußfertig in der Rechten, je zwei aus eine Seite des Wagenschlags und mein Vater sprach: „Versucht keinen Widerstand, er wäre vergeblich. Ihr seid allein, wir sind die Ueberzahl und wohl bewaffnet. Gebt uns Euere Juwelen und das Baargeld, das Ihr bei Euch tragt!" „Ich bin nicht allein," sprach Pardubitzer sich rasch erhebend und sein Pistol rasch aus dem Gürtel ziehend, „mit mir ist der allschauende, allmächtige Gott, der mich aus tausend Mörderhänden erretten kann. Das Geld, das ich bei mir trage, ist heilig Gut, gesammelt, um unglückliche Menschen vom Tode zu erretten! Ich ließe mich eher in Stücke reißen, bevor ich es euch ausliefere. Wer es berühren will, dem jage ich eine Kugel durch's Hirn!" „Auch wenn Ihr einen von uns tödten würdet," erwiederte mein Vater mit einer Ruhe, die mich in das höchste Staunen versetzte, „würde Euch dies nichts SS helfen .... jeder von uns, sieht bei unserem traurigen Gewerbe, jeden Augenblick dem Tod entgegen, und eine Kugel durch's Hirn gejagt, ist bei Weitem nicht das Aergfte, was uns geschehen kann. Wir bleiben denn noch iinmer Drei gegen Einen. Bedenkt es ruhig und Ihr werdet mir recht geben müssen," allein, während mein Vater so sprach, hatte sich ihm die vorgebundene Larve vom Gesichte losgelöst. Pardubitzer blickte ihm entsetzt in's Antlitz und schrie: „Mensch! trotzdeul Ihr heute keinen Bart tragt, erkenne ich Euch an Eueren dichten, zusammengewachsenen Augenbrauen, Eueren großen glänzenden Augen und an dem Muttermale unter Euerem rechten Auge. Ihr kamt in Prag unter dem 'Namen Abraham Funkenstein in mein Haus .... Ihr seid Jude und seid Räuber und Mörder!? Ihr habt Gutes in meinem Hause genossen und zum Dank dafür wollt Ihr mich berauben und ermorden?.' Ah! jetzt erkenne ich den Zusammenhang, Koppel Tarnower, den meine Eltern erbarmungsvoll in ihrem Hause ausnahmen, und wie ihr eigen Kind erzogen, der elende Schurke, der schon damals oft mit Euch verkehrte, dieser Auswurf der Menschheit, der meinem Weibe gelobte, über mich wie über seinen Augapfel zu wachen, der hat Euch wohl schon von Prag aus geschrieben und Euch zu Raub imb Mord aufgefordert; der Plan war schlau ausgeheckt; er hat mich nur verlassen, um sich zu Euch zu gesellet!, mich gemeinschaftlich mit Euch zu berauben, zu ermorden. Wo ist er? Herr und Gott, sendest du keinen deiner Blitze vom Hinunel den Frevler zu zerschmettern, der in deinen! Ebenbilde erschaffen, seine Gottähnlichkeit mit Füßen tritt!" Den Moment, der diesen 'Worten folgte, verniag ich nicht zu schildern. Mich selbst erfaßte ein ganz unbeschreibliches Gefühl: -Lcham, Gewissensbisse, Schauer, Schrecken und dabei doch wild auflohender Grimni gegen Pardubitzer, der Gottes Fluch und Blitz auf mich herabbeschwor, und mir ja doch Unrecht that .... Ich hatte ja nicht den Plan entworfen ihn zu berauben, ihn zu ermorden! Ich wollte mir gewaltsam vorspiegeln, daß Pardubitzer tnir schweres Unrecht zufüge, aber ich hatte nicht einmal Zeit, meine Empfindungen auf ihre Echtheit und Richtigkeit zu prüfen, denn die drei Genossen meines Vaters riefen: „Wenn er einen von uns erkannt hat, kann er nicht leben bleiben, er würde uns verrathen." Gleichzeitig zielte Pardubitzer auf meines Vaters Kopf. Nun hielt es mich nicht länger in der Hütte; unwillkürlich mein Pistol aus dem Gürtel reißend, stürzte ich heraus. Meine Gedanken verwirrten sich, ich wußte nicht klar, was ich beabsichtigte, ivollte ich mich vor Pardubitzer vertheidigen, ihm auseinander setzen, daß er mir Unrecht that? Wollte ich einem dunklen

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