Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1896)
- Date
- 1896-01-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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27 die Augen hielt, um diese vor den brennenden Sonnenstrahlen zu schützen, und seinen Blick wie suchend durch den Park gleiten ließ. Jetzt schien er das Gesuchte entdeckt zu haben; denn mit ungeduldigem Achselzucken ließ er die Hand fallen, hob sie wieder und streichelte seinen Langen schwarzen Bart, der fein blasses, geistreiches Gesicht umrahmte. Ein tiefer Seufzer rang fick aus seiner Brust empor; dann fuhr er mit der Hand über seine Stirn, als wolle er von dort etwas verscheuchen, ging von der Terrasse herunter und begab sich in den Park. In der Nähe der großen Fontaine im Parke, dessen bogenartige Wafferstrahlen in der Sonne gar eigenthümlich blitzen und flimmern, erblicken wir jetzt einen Knaben von ungefähr fünf Jahren, der einen buntfarbigen Schmetterling verfolgt und ihn von einer Blume zur anderen treibt. Es war. ein schönes, liebreizendes Kind. Aus seinen rosig angehauchten Zügen strahlten zwei heitere, tiefblaue Augen von seltener Schödheit und Klarheit. Blondgelocktes Haar fiel wie ein Goldmeer auf seinen alabasterweißen Nacken. „Flattere nur — flattere nur weiter! Elchonon wird dich schon kriegen!" rief der rosige Kindermund und zwei Reihen milchweißer Zähne kamen zum Vorschein. Plötzlich hielt der Knabe erschreckt inne und eine ängstliche Bewegung ging durch seine Züge. Unweit von ihm stand der Mann, den wir vorhin auf der Terrasse gesehen. Sein ernstes, schwarzes Auge glitt prüfend über das vom Spiele erhitzte Gesichtchen des Knaben; er sann eine Weile nach, dann schritt er auf ihn zu und ergriff seine Hand. „Was soll Elchonon, Onkel Doktor?" frug der Knabe und sah mit ängstlicher Scheu zu ihm empor. Die Frage blieb unbeachtet.... schweigend zog der Angeredete ihn mit sich fort und führte ihn in ein Gemach, in welchem eine Kranke mit bleichem, abgezehrten Gesichte, die Augenlteder geschlossen, auf einem Bette lag und schwer athmete. „Du bleibst bet Deiner Mama, bis Susanna aus der Apothecke zurück ist! — Hörst Du, Elchonon?" Er klemmte sein Pince-nez in die Nase, als wollte er dadurch seinem Befehle einen größeren Nachdruck verleihen, beugte sich noch einmal über die Kranke, schüttelte bedenklich sein Haupt; dann streichelte er mit demselben Ernste die Wange des Knaben und verließ mit leisem Schritte das Zimmer. Eine eigenthümliche Unruhe bemächtigte sich des Knaben. Auf seinem Gesichte wechselten Röthe und Bläffe jähe mit einander ab und ein schmerzlicher Zug Legte sich um feine Mundwinkel. Er schlich sich leise an das Bett, ergriff die mattherabhängende Hand der Kranken und beleckte sie mit leidenschaftlichen, glühenden Küssen. Da öffneten sich die Augenlider der Kranken und das große, in Fiebergluth strahlende Auge blickte suchend umher, und als es den Knaben bemerkte, drang ein zärtlicher, liebevoller Blick zu ihm herüber. Sie fuhr liebkosend mit der Hand über seine klare Stirn. „Mein Elchonon, mein lieber Knabe," murmelte sie mit schwacher, bewegter Stimme. „Ich will ja brav sein, liebes Mamachen," kam es fast unbewußt über die Lippen des Kindes und die Beklommenheit seines Herzens löste sich in einen Strom von Thränen auf. „Elchonon wird nicht mehr in den Garten gehen und hübsch bei Mamachen bleiben und das SchmL Gebet laut und schön hersagen. Aber Mamachen muß Elchonon lieb haben und nicht mehr auf ihn bös sein!" Ein schwaches Lächeln umspielte einige Augenblicke die blaffen Lippen der Mutter, und ein freudiger Schein verklärte ihre abgezehrten Züge, in welchen die Krankheit die Spuren ihrer einstigen Schönheit zu verwüsten sich vergeblich angestrengt hatte. Sie machte eine Bewegung, als wolle sie sich erheben und Elchonon an ihr Herz drücken; aber mit leisem Schmerzensaufruf sank ihr Haupt auf's Lager zurück. „Ach Mamachen, liebes Mamachen!" schrie der Knabe vor Angst auf. „War Elchonon bös? O, er wird es ganz gewiß niemals mehr sein! Er hat ja seine Mama so lieb, ach so lieb!" Ein wehmüthiger, verzweiflungsvoller Blick drang noch einmal durch die halbgeschloffenen Wimpern zum Knaben, und ein Aechzen aus der kranken Mutterbrust war die Antwort auf die zärtliche Anrede des Kindes. Da wurde die Thür behutsam geöffnet und eine Gestalt huschte leise in's Zimmer; dieser sprang der aufgeregte Knabe entgegen und schlang seine Aermchen um sie. „Susanna, goldige Susanna!" schluchzte der Knabe. „Warum redet Mamachen gar nicht? Warum schloß sie ihre lieben Augen? Will sie den Elchonon nicht sehen?" Susanna war ein altes Mädchen, mit gutmüthigem, runzlichem Gesichte. Sie war so ein Familienerbstück, wie wir es in vielen Familien treffen. Schon bei dem Großvater des Knaben war sie in Dienst getreten und sah die Kinder ihrer Herrschaft heranwachsen und das elterliche Haus verlaffen. Als jedoch das jüngste Kind, die Judith, die sie großgezogen hatte und für die sie die Zärrlichkeit einer Mutter empfand, ihrem Gatten in sein Haus folgen sollte, da wollte ihr schier ihr treues