Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 2 (6.1.1896)
- Date
- 1896-01-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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XXXVII. Jahrgang. M 8. Der Israelit. Ein Genlrat-Hrgan für das orthodoxe Iudenthum. Begründet vsn Dr. Lehmann in Mainz. Montag, den 6 Januar 5656 (1H96). Leitender Artikel. Die MMer-Fme in Galizle». (Fortsetzung und Schluß aus Nr. l.) Krakau, im Dezember. Man wäre vielleicht versucht, zu meinen, daß alle diese Gedenken nur einen akademischen Charakter haben und Dinge betrefft», die in der Praxis kaum jemals zu einem Confl.ct zwischen Rabbiner und Gemeinde Vorstand führen könnten. Dem ist aber nicht so. Man darf hierbei nicht aus den alten, ja nicht einmal aus den jüngst veraangenen Z iten auf die nächste Zukunst schließen. Polen warJahr- Hunderte lang der Sitz jüdischer Gelehrsamkeit und unentwegter Frömmigkeit. Die klangvollsten und berühmtesten Namen rabbtnischm Schriftthums gehörten den Männern, welche die Rabbinersttze der Groß städte, wie Lemberg, Wilna, Krakau, Lublin schmückten. Dabei brachte die eigenartige Verfassung der jüdischen Gemeinschaft in der polnischen Republik mit sich, daß das „Kohal" oder die Rlpräsentanz der jüdischen Gemeinden eine sehr ausgedehnte Compctenz hatte. Die Gemeindevorsteher besaßen viel Macht, die Rabbiner eine ungeheure Autorität. Die Gemeinderepräsentanz ernannte die Rabbinen, und obwohl sie dieselben nicht direkt ihres Amtes entheben konnte, so besaß dieselbe wohl Mittel genug, um einem Rabbiner das Leben so sauer zu machen, daß er von selbst auf das Amt verzichtete. Wir hören in jenen Züten auch vielfach von Meß- Helligkeiten zwischen Gemeindevorständen und Rabbinern, allein dieselben betrafen niemals Dinge, welche an das ureigenste Gebiet des Rabbineramtes gehörten. Hier war das p rva die maßgebende Stelle, in den Hauptgrundsätzen waren wohl immer die Rabbiner und die Gemeindevorsteher einig, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde. Die min und deren genaue Kenntniß waren wett verbreitet, in jeder Gemeinde gab es eine große Anzahl von Männern, dre mit o'poim o’v aufs Gründlichste vertraut waren, alle diese sahen in dem Rabbiner ihren L hrer und Meister, sie waren öfters auch seine Schüler; häufig findet man Fälle, wo ein einfacher Privatmann dem Ortsrabbmer an Wisie« ebenbürtig war, ja ihn vielleicht überragte. Unzählige Male finden wir in den alten Chroniken, daß Männer, die früher dwmm d’öjib waren, dies Amt mit dem eines Rabbiners derselben Gemeinde vertauschten und umgekehrt. Wohl gab es damals häufig gelehrte Fehden nicht selten zwischen dem Rabbiner und einem gesetzeskundigen Gemeindevorsteher, in Fällen, wo sie rein theoretisch, über irgend einen Casus in den Ansichten auseinandergingen. Daraus entspann sich öfter eine Debatte, und manche der geistvollsten und bedeutendsten Response» verdankt derlei Vorkommniffen ihre Entstehung. Aber daß dabei in der Hauptsache in den leitenden Grundsätzen kein prinzipieller Unterschied obwaltete, versteht sich von selbst. Da ist es begreiflich, daß volle Harmonie zwischen Gemeindevorstand und Rabbiner herrschen konnte, daß keiner von beiden Herrschergelüste verspürte, den andern zum Schatten herabzudrücken und die Gewalt an sich zu reißen, und so drohte von dieser Seite dem Gedeihen der ni^np keine Gefahr. Doch die Zeiten haben sich gewaltig geändert. Würde ein Rabbiner aus der Zrtt des aiT »i«d oder des »in rw heute aus seinem Grabe erstehen und einen Rundgang durch unsere Gemeindeverwaltungen machen — er würde froh sein in dieser Zeit nicht zu leben. Die Kenntniß der jüdischen Lehre ist gewaltig zurückgegangen, namentlich bei den reichern Klassen; nur unter den minder gutsitutrten Bevölkerungsklassen fristet das Studium der nun noch ein kümmerliches Dasein, und auch diesen Boden macht ihr die harte Roth des Lebens immer mehr streitig. Nur noch in manchen Provinzstädten lebt ein Abglanz des alten Geistes weiter fort. Wenn man genau zusieht, so sind die Rabbinen jetzt die