Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 37 (1896)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1896)
- Date
- 1896-01-02
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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»XXVII. Jahrgang. Zweite Beilage M M 1 des „Israelit". Zeitnug-nachrichte« «nd Correspondenzen Deutschland. Berlin, im Dez. Der Hofmarschall der Kaiserin, Freiherr v. Mirbach, gab vor Gericht dem Blatte des Herrn Stöcker eine sehr schlechte Censur, als er im Prozesse Dierl und Genossen als Zeuge vernommen wurde. „Ein sehr bösartiges Blatt, welches wir hier haben", sagte er, „das Volk" (Organ Stöcker's) hat die Zusammenkunft mit Herrn Singer in der gehässigsten Weise ausgebeutet." Auf Wunsch des Oberstaatsanwalts macht der Zeuge noch folgende Angaben: „Bei allen evangelischen Kirchenbauten seien nur Evangelische in Anspruch genommen worden, bei der Gedächtnißkirche sei eine Ausnahme gemacht worden, weil sie ein nationales Denkmal vorstellen solle. Von Katholiken und Israeliten seien etwa Mark beigesteuert worden. Von patriotischen Juden war die Bitte an den Verein gerichtet worden, sich an dem nationalen Werk betheiligen zu dürfen. Der Zeuge sei in einer von über 50 Personen besuchten Versammlung der Einzige gewesen, der diesem Anträge widersprochen habe. Trotzdem sei ihm im „Volk" der Vorwurf gemacht worden, daß er bei Juden herumlaufe und für die Kirche bettle. Er habe es nicht für nöthig gehalten, sich dieserhalb zu verantworten, da er das Gefühl habe, daß Derjenige sich besudle, der Schmutz anfasse. Der Oberstaatsanwalt richtete weiter an den Zeugen die Frage: Sind Ihnen nicht auch Anerbietungen zu anderen Kirchenbauten gemacht worden? — Zeuge: Ja, mir sind mehrfach von hochanständigen jüdischen Fabrikanten größere Anerbietungen gemacht worden mit der Begründung, daß die zu erbauende Kirche in ihrem Wohnbezirke liege und dadurch einem Thetle ihrer Angestellten und Arbeiter zu Gute komme. Ich habe aber alle diese Anerbietungen abgelehnt mit Ausnahme bet der Kaiser Wilhelm-Gedächtnißkirche, weil diese ein nationales Werk sein sollte." Ob diese Juden wohl auch für Synagogen so splendid sind und sich herandrängen? — Aus Eüddeutschland Bei meinen vielfachen Geschäftsreisen, kam ich jüngstens in eine Stadt, in deren Synagoge, seit der jetzige Rabbiner dort amttrt, die Orgel verstummt ist. — In einem größeren Kreise meiner jüdischen Bekannten jener Stadt kam nun die Rede auf diese verstummte Orgel und die Orgelfrage überhaupt, wobei es zwischen Anhängern und Gegnern der Orgel in der Synagoge zu tüchtigen Auseinandersetzungen kam. Was mich besonders unangenehm hierbei berührte, war der Umstand, daß unter den Fürsprechern der Orgel sich Leute befanden, von denen ich weiß, daß sie sonst dem religiösen Leben nicht feindlich gegenüberstehen. Von einem der Anwesenden, der mich als Sohn eines Rabbiners kannte, und mir daher ein „Urtheil in der Sache zutraute", um meine Meinung befragt, erklärte ich überzeugungsgemäß, daß eine Synagoge mit einer Orgel aufgehört habe ein «Man rva zu sein. Dabei berief ich mich aus die Gutachten hervorragender Männer der jüdischhalachischen Wissenschaft, wie z. B. R. Moses Sophar, R. Aktba Eger u. m. A. — Mein Partner wollte sich aber damit nicht zufrieden geben, indem er geltend macht, seit jener Zeit hätten sich die orthodoxen Rabbiner auch mit der deutschen Predigt, auch mit „Ornat und Päffchen" abgefunden; dann aber auch sei für die Orthodoxie durch ihre Orgelfeindlichkeit manche gute Rabbinatsstelle unannehmbar geworden, und somit ihrem Einflüsse verloren, so, daß er noch auf Sinnesänderung in dieser Beziehung hoffe! Run war ich so glücklich, diese seine Hoffnung gründlich zerstören zu können: Durch die Güte eines mir befreundeten Rabbiners wurde mir nämlich vor Kurzem Einblick in ein Schriftstück gestattet, welches von dem Docenten- Collegium des orthodoxen Rabbiner-Seminars zu Berlin — also aus der neuesten Zeit — an die sämmtlichen diplomirten Zöglinge des Seminars erging, und in welchen dir Orgel in der Synagoge in unzweideutigster Weise als durchaus unzulässig und unannehmbar bezeichnet ist. In dieser Kundgebung (njow nym) wird daraus htngewiesen. wie die Orgel in der Synagoge auch weiterem religiösen Verfall Thor und Thür öffnen, u. s. w. Vor jeder Candidatur in einer solchen Orgel-Synagoge wird nachdrücklichst gewarnt, zum Verlassen einer Gemeinde, in welcher ungeachtet erhobenen Widerspruch des Rabbiners eine Orgel eingeführt wurde, wird dringend aufgefordert, und für den Fall der Nichtbeachtung dieser Mahnung, ein ausdrücklicher Widerruf, ein Außerkraftsetzen der ertheilten rabbintschen Autorasition ausgesprochen. — Der Beweis aus „unserer Zeit" verfehlte seinen Eindruck nicht, und die vordem in unserem Kreise herrschende Dissonanz in der Orgelfrage verwandelte sich schnell zu einer harmonischen Verurtheilung der Orgel. — Oe st er r.- Ungar. Monarchie. Wien. (Auch ein Jugenderzieher.) Das empörende Schauspiel, die Frauen zur antisemitischen Hetze heranzuziehen, wurde jüngst des