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Der Israelit · 1895-06-27 · Heft 51 (27.6.1895) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 51 (27.6.1895)
Date
1895-06-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXVI, Jahrgang. Erste Beilage ju M 51 des „Israeli?. Leitender Artikel. Die Juden und der Ackerbau. Der vor Kurzem veröffentlichte, von angesehenen Glaubensgenossen in allen Thetlen Deutschlands unterschriebene Aufruf zu Gunsten der israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem lenkt die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf diese bis jetzt in ihrer Eigenart allein stehende Anstalt. Bei der Bedeutung, die sie zu gewinnen scheint, und hoffentlich zum Heile der Gesammtheit gewinnen wird, verdient sie ganz und voll das ihr entgegengebrachte Jntereffe. Wie jede neu auftretende Idee, hat auch dieses Institut stch seinen Weg zu bahnen und muß dasselbe wiederholt zum Gegenstände der Besprechung in der jüdischen Presse gemacht werden, um seine Ziele und Zlv.cke genau darzulegen und zu verbreiten und die hier und dort herrschenden irrtümlichen Ansichten zu widerlegen. — Es ist das die erste größere jüdische Erziehungsanstalt, welche die Heranbildung unserer Jugend zur Bodencultur und zum Handwerk als Grundlage und zum Endzweck der Unterweisung betrachtet und bethättgt. Es hat zwar nicht an Bemühungen ge fehlt, die israelitische Jugend für das Handwerk, ebensowenig wie an Versuchen, die aber niemals über den Versuch hinausgekommen sind, ste für die Bodencultur und für Ackerbau und Gärtnerei zu gewinnen, denn seit dem ersten Austauchen der Emancipatio» wiesen einsichtsvolle, die Zeit und ihre Mahnung verstehende Männer auf diese Pflicht hin und an vielen Orten wurden Vereine gegründet die zum Eingreifen und Erlernen von Handwerken ermunterten, zur Ausbildung jüdischer Lehrlinge beisteuerten und bei der Gründung eines eigenen Gewerbes Unterstützung und Vorschüsse gewährten. Diese Arbeit ist zwar nicht ganz erfolglos geblieben und wir finden viele jüdische Handwerker, die in ihrem Berufe Tüchtiges leisten, aber wir müssen andrerseits beknnen, daß die gehegten Erwartungen sich nicht erfüllt haben und der Handwerkerstand nicht so unter uns vertreten ist, wie es sein sollte und noch viel weniger ist es der Fall, daß Juden sich dem Ackerbau und der Bodencultur zugewandt haben. Es wur keineswegs Scheu vor Arbeit, Trägheit und V. quemlichkett, die sie zurückhielt, denn wir möchten nicht entscheiden, was mühseliger ist, die ganze Woche beschimpft und verhöhnt von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus zu wandern und hausiren, oder eine geregelte, mit Arbeitszeit und Ruhezeit abwechselnde Thätigkeit. Unter den vielen zur Aufklärung dieser auffälligen Erscheinung angeführten Gründen dürfte als einer der wesentlichsten die dem Berufe eines Ackerbauers oder Handwerkers nicht entsprechende Erziehung des Kindes angeführt werden müssen. Die ersten Eindrücke sind bleibend und zu früh wurde deS Kindes Geist und Sinn auf den Handel htngewiesen und unbewußt, vielleicht ungewollt hierfür gewonnen. Soll ein durchhaltiger und nachhaltiger Wandel etntreten, so müßte nicht mit den die Schule verlassenden sondern mit den ste besuchenden Kindern begonnen werden. Nicht durch schöne Reden über den Ackerbau, nicht durch Preisen und Loben der Arbeit von Setten der Lehrer war es möglich, einen Umschwung hervorzubrtngen. — Das blieben Worte, die wirkungslos verhallten — sondern dadurch, daß das Kind schon früh zur Arbeit geführt, daß durch Handarbeit die so vielen anhaftende Ungeschicklichkeit abgestreift wurde und um sie zur Bodencultur zu erziehen, daß ste Freunde des Bodens werden, Lust und Freude an seiner Bearbeitung finden, um ste nie wieder zu verlieren. Daß dies zu erreichen und bereits erreicht ist. ergibt die Schilderung der israelitischen Erziehungsanstalt in Ahlem, die in einem früheren Artikel dieser Zeitung gegeben ist. Wir wollen nur ergänzend auf einen bisher nicht erwähnten, aber unserer Ansicht nach sehr wichtigen Punkt bei der Erziehung in dieser Anstalt hlnwessen. Herr Consul Simon, der Gründer der Anstalt, stellt es durchaus nicht in Abrede, persönlich einer freien An schauung zu huldigen, ist aber der Ansicht, daß die Erziehung des Kindes auf streng religiöser Grundlage ruhen müsse. Sabbat und Feiertage werden daher genau innegehalten, Speisegesetze scharf beobachtet, die Zöglinge regelmäßig zum Beten angehalten, und von den Mitgliedern des Curatortums, unter denen sich abgesehen von dem Landrabbiner Dr. Gronemann zu Hannover, andere sehr religiöse Männer befinden, ist eS gewünscht und den Lehrern zur Pflicht gemacht, die Kinder in strengrrltgiösem Sinne zu leiten und ste zu gewissenhaften Juden, redlichen, fleißigen und genügsamen Menschen zu erziehen. — So sind wir daher wohl berechtigt, sie als eine eigenartige, einzig dastehende zu bezeichnen, aber sie tritt dennoch nicht in die Reihe der wohlthättgen Stiftungen und Anstalten mit dem Anspruch, bestehende lebensfähige zu verdrängen oder in ihrer segensreichen Wirksamkeit brach zu legen. Nichts liegt ihr ferner und deßhalb ist die Auffassung, als wollte sie die wohlthätige Wirksamkeit der verschiedenen jüdischen Handwerkervereine,

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