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Der Israelit · 1895-06-24 · Heft 50 (24.6.1895) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 50 (24.6.1895)
Date
1895-06-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
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XXXVI. Jahrgang. Beilage zu M 50 des „Israelit". Leitender Artikel. Die §li»dral>b!»kw>>tzl in Hessen. Vortrag, gehalten bei der am 18. Mai in Reinhcim stattgehabten Gemeinde-Vertreterversammlung von Lehrer M. Spier, Groß-Zimmern. Meine Herren! Wenn ich in der Eigenschaft als Lehrer, also als Nichtvorstand, das einleitende Wort zu dieser Versammlung ergreife, wenn ich mir gestatte — von verschiedenen Seiten dazu gebeten, — Ihnen über die Frage, die uns heute beschäftigen wird, ein ausführliches Referat zu geben, dann bitte ich Sie gütigst dieses nicht als ein Vordrängen, eine Anmaßung oder gar eine Einmischung in Ihre interne Gemeinde-Angelegenheit betrachten zu wollen, sondern als ein Zeichen meiner regsten Antheilnahme an allem, was das religiöse Judenthum betrifft, als ein Ausdruck dessen, daß ich gerne bereit bin, meine schwachen Kräfte und Fähigkeiten in den Dienst der jüdischen Interessen im Allgemeinen und der unseres engeren Vaterlandes im Besonderen zu stellen. Ich habe mich daher auch gerne denjenigen Männern angeschlossen, die da eine glückliche und friedliche Lösung der Rabbinerfrage erstreben. Nachdem ich dieses oorauszuschicken für nö'thig gefunden habe, heiße ich Sic, meine Herren, herzlich willkommen, im Namen derer, die Sie, gemeinschaftlich mit mir eingeladen haben. Ich begrüße Sie, mit den altjüdischen Grüßen: ’i ton ini und oyby D^tr; denn Sie sind ja hierhergckommen, um in einer göttlichen, heiligen und religiösen Ausgabe zu berathen, also "1 otsa, und wahrlich wenn Sie sich bei Ihren Berathungen, Besprechungen und Erwägungen von diesem Gedanken leiten lassen, dann wird auch der Versammlung das nicht fehlen, ohne welches ein befriedigendes Resultat nicht erzielt werden kann — Friede. Sie werden eine Einigung herbeisührcn, selbst wenn Ihre Meinungen noch so sehr divergiren sollten. Daher nyby di^ip! Und nun meine Herren, lassen Sie mich die Angelegenheit einer objectiven Besprechung unterziehen. Vor einigen Wochen ging Ihnen seitens der Großhzl. Kreisämter die Frage zur baldigen Beantwortung zu: Wollen Sie sich einem der orthodoxen oder liberalen Richtung angehö'rigen Rabbiner anschließend Diese Frage hat, und das ist vorläufig das Gute daran, eine Erregung und Bewegung unter der Landbevölkerung hcrvorgerufen. Denn, gestehen wir uns nur, es hat in letzter Zeit, ich will nicht sagen, Unreligiösität, aber etwas was unter Umständen eben so schlimm und noch schlimmer ist: Gleichgiltigkeit, Lässigkeit und Sich-gehcn lassen in religiösen Dingen Platz gegriffen, daß der Anstoß seitens der Regierung, der die Juden des Landes aus ihrem Schlummer herauserweckt und zur Thätigkeit ermahnt, von Jedem, der es ernst mit dem Judenthum meint, freudig begrüßt werden muß. — Wie kommt es aber, frage ich, meine Herren, daß die Regierung eine so scharfe Grenze zieht, zwischen „orthodox" und „liberal"? Es ist Ihnen allen bekannt, meine Herren, daß schon bei Lebzeiten des sel. Dr. Landsberger die Grenze sich schon dadurch von selbst gezogen hat, daß ein großer Theil der Landbevölkerung sich nicht der Führung des Landrabbiners auschloß, sondern ihre religiösen Institutionen unter die Ueberwachung des Rabbiners der israel. Religionsgesellschaft in Darmstadt, des Herrn Dr. Marx, stellte. Wir sehen also, daß die religiöse Anschauung des Rabbiners der Hauptgemeinde, auf den hiemit durchaus kein Schatten geworfen werden soll, mit der der Landbevölkerung in Widerspruch stand, ein Umstand, der einem gedeihlichen Wirken hindernd entgegenstehcn mußte. Die Regierung wurde damals vielleicht auf diese Verhältnisse schon aufmerksam, oder aufmerksam gemacht, und jetzt nach einigen Jahren sieht sich die Regierung veranlaßt einen Schritt zu thun, der allen religiösen Anschauungen Rechnung trägt, ein neuer Beweis, wie tolerant und fürsorgend unsere Großherzogl. Hess. Regierung für ihr? jüdische Bevölkerung ist. — Nun kommt der Vorstand der Darmftädter Hauptgemeinde und wendet sich an seine Landcollegen mit einer „Gegenschrift", in welcher er zugiebt, daß das Rabbinat, weil es zu viel Gemeinden umfasse getheilt werden muß, aber sich verwahrt gegen 2 „Judenthümer", „orthodox" und „liberal." Gewiß, m. H., auch wir wollen keine sich befeindenden, 2 Judenthümer, gewiß erkennen auch wir an, daß es blos ein wahres Judenthum giebt, gewiß wollen auch wir Frieden, aber, nt. H., davon laßt sich nichts wcgdemonstrieren: Die 2 religiösen Richtungen sind nun einmal da und waren schon Decennien da, ehe der Vorstand der Darmftädter Hauptgemeinde dagegen Verwahrung einzulegen für nöthig gesunden. Aber, m. H., wer ist Schuld an dieser Scheidung? Das orthodoxe Judenthum doch nicht, das fest hält an den Satzungen der Lehre, wie wir sie vor Jahrtausenden aui Sinai empfangen, der Jude doch nicht, der treu und innig zur alten Fahne halt, doch nicht der Jude, der die unverfälschte und „unverbesserliche" Thora in ihrem ganzen Umfange aufrecht erhält? Erst als jene Männer erstanden sind, die sich berufen fühlten zu „reformiren", hat es diese Trennung gegeben. Da der „neue" „verbessernde" Jude, von dem alten Juden und dem alten Judenthum nichts mehr wissen wollte, mußte sich naturgemäß eine Scheidung vollziehen. — Wir geben gerne zu, in Menschenliebe, in den Pflichten der Humanität mit den Reformjuden, wie mit jedem edlen Menschen, welcher Religion er auch angehören mag, gemeinsam wirken zu können, nicht so in Bethätigung so vieler Pflichten, die wir speciell als Juden zu erfüllen haben, nicht in dem, was die Beobachtung göttlicher Religionsvorschriften, was die Erfüllung der ganzen Thora — der schriftlichen und mündlichen Lehre, — ohne Abzug oder Zusatz betrifft. Zwar rechnen die Darmstädter Vorstände der Hauptgemeinde alle diejenigen zu den guten Juden, die an den einzig

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