Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 50 (24.6.1895)
- Date
- 1895-06-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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909 „Herr Primat or," erwiederte der Schadchen ehrerbietig, „Ihr seid, wie in Allem, auch als Gatte ein ckoeliick." 9) Brand eis schien das Kompliment zu überhören und verließ das Zimmer, nur bald daraus mit seiner Gattin zurückzukehren. Malke o) Brandeis war eine hochgewachsene, stattliche Frau, der man ihre achtunddreißig Jahre nicht ansah und die trotz der entstellenden Tracht jener Zeit noch immer als eine große Schönbeit erschien. Sie war die Urenkelin des bohen Rabbi Löw, die Tochter eines sebr reichen Mannes und die würdige Gattin ihres Gemahls. Sie trug zu Ebren des Sabbats auch im Hanse kostbare Gewänder und herrlichen Schmuck. Ihre reiche Haube"), die sie über die Unterhaube trug, war von den feinsten Brüssler Spitzen und mit kostbarem: Edelsteinen besetzt, in den Ohrläppchen trug sie lange Brillantgebänge, an ihrem Halse über das hochgeschlossene, bis an das Kinn reichende taubengraue Kleid von schwerster Seide hing eine Schnur erbsengroßer Perlen. Sie erlviederte den ehrfurchtsvollen Gruß Miebas, der sich bei ihrem Erscheinen von seinem Sitze erhob, mit einem freundlichen Kopfnicken. „Bevor Jbr uns den Namen des jungen Menschen, deit Ihr im Sinne habt, nennt, möchte ich denn doch vorerst folgendes bemerken", meinte der Primator. „Es ist die Art der Schadchonim, daß wenn sie glauben, daß zwei junge Leute für einander passen, sie zuerst bei jener Seite ansragen, ob mail ans ihren Gedanken einzugehen beabsichtige, wo sie — trotzdem beide Tb eite, wenn ihr Plan Aussicht ans Erfolg haben soll, obngestibr gleichwertbig fein müsseil — denn doch das Recht höherer Ansprüche voraussetzen. Das ist im Allgemeinen recht vernünftig; allein mir selbst würde ein solcher Borgang nicht passen. Wir, meine liebe Frau iind ich wir dürfen nicht die Ersten sein, bei denen Ihr anfragt. Wir müssen überhaupt überzeugt sein, daß der andere Tbeil vollkommen zilfriedeil ist, so das; die Entscheidiliig nur in unseren Händen liegt und wenn wir nach reiflichem Erwägen zilstimiilen, die Angelegenheit mit Gottes Hilfe sofort zit guten: Ende geführt wird." „Herr Primator," erwiederte Micha mit einem bescheidenen Lächeln, „daß es ans der Welt irgend einen jungen Menschen gäbe, der sich tticht überglücklich schätzen würde, das schönste, liebenswürdigste tllgendhafteste Mädchen, wenn dieses überdies Euere Tochter ist, als Hausfrau beimznführen, werdet Ihr als weltberühmter Chochom12) ganz gewiß nicht glauben; und was die Eltern dieses jungen Mannes Unicum - 10) Ein Frauenname, der, wie viele andere jüdische Frauennamen, eine Bedeutung hat: „Königin", analog dem Namen Regina. — n) Goldhaube, i'M Weiser, kluger Mann. betrifft, — glaubt mirs beemnusi scheli13) — wäre ihnen auf Erden nichts erwünschter als diese Verbindung." Der Primator nickte befriedigt mit dem Kopfe und fuhr fort: „Daß über den Geldpunkt, über die Nedan14) kein Wort gesprochen werden darf, ist so selbstverständlich, daß ich dies wobl gar nicht zu erwähnen brauche. Da wir — Gott erhalte es uns glücklich — nur ein einzig Kind besitzen, wäre dies ja auch völlig zwecklos. Wir geben unserer Tochter eine weit größere Mitgift als je ein Jude seinem Kinde gegeben uitb aclier meo sclionim15) füllt ihr, alles was wir besitzen, zu. Doch ist sie nach unserem Testamente verpflichtet das Maßer4) ihres Elternerbes milden Stiftungen zuzuwenden. Es ist dies eine sehr große Sunune, es giebt nicht viele Menschen, die ein so großes Vermögen besitzen als dieser Zehnt beträgt, allein je größer der Zehnt ist, um desto größer ist — das könnt Ihr wohl berechnen — das Uebrigbleibende; man kann von dessen Ertrage wie ein König leben. — Und noch Eins! Ist der junge Mann, den Jbr vorznschlagen beabsichtigt, ein Prager?" itnd als Micha dies durch ein ehrerbietiges Reigen des Kopfes bejahte, sprach Brandeis weiter: „Dann kann es n n r ein Einziger sein, der mir gefiele, wärs ein Anderer als der, bcu ich meine, wäre jedes Wort, das Jbr noch weiter sprächet, ein verlorenes." „Er ist es!" erwiederte Micha zuversichtlich, „Jbr, Herr Primator meint, und ich spreche von Wolf, dem ältesten Sohne Reb Jakob Epsteins. Er ist ein junger, schöner Mann, fromm, gelehrt, nicht nur eilt großer Talmildkenner, sondern auch wohl bewandert in allen profanen Wissenschaften. Sein Vater ist nicht nur reich, sondern auch hochangesehen llicht nur bei unseren Glaubensgenossen, sondern auch beim höchsten Adel, nnb sogar beim Kaiser und dessen Rathgebern beliebt. Seinen Einfluß auf hoher und höchster Stelle hat er, wie Jbr, Herr Primator wißt, gar oft als Stadton") bewährt und in Zeiten härtester Bedrängnis;, viel Leid nnb Unglück von unfern Glaubensgenossen abgewendet. Ja es geht die Rede, das; des Kaisers Majestät geneigt sei, ihn nur seiner Verdienste um das Erzhaus willen, wie Batsevi von Treuenfeld in den Adclstand zu erheben. Wenn Jakob Epstein auch nicht voll zu Euch, Herr Prirnator, hinanreicht, so ist er lvenigstens berechtigter als irgend eilt Zweiter Euer MechtttoiUJ zu werden." „Ihr geht in Euerer Schmeichelei 31t weit, Reb 13) Bei meiner Treue. — 14) Mitgift. ") Nach hundert Jahren, eine euphemistischeUmschreibung für: nach unserem Tode. — ltJ) Den Zehnt. D Fürsprecher. iS) So bezeichnet man den Vater des Schwiegersohnes -der der Schwiegertochter.