Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 49 (20.6.1895)
- Date
- 1895-06-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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XXXVI. Jahrgang. Erste Beilage zu M 49 des „Israelit". Leitender Artikel. Die jüdischen Speisegesehe nach ihren verschiedenen Gesichtspunkten zum ersten Male wissenschaftlich-methodisch geordnet n. kritisch beleuchtet v. Rabb. Dr. Sl. Wiener.*) (Fortsetzung.) 8. Nachdem der Verfasser das Gesetz von tj nrjn mm evlebigt bat, gebt er zu a>na ar7a über; auch in Betreff dieses Verbotes befinde sich die Judenheit in einem schweren Jrrthum, denn Fleisch mit Milch gekocht, sei gar nicht in dem Umfang, wie wir es nehmen, zum Genuß verboten, und vielleicht auch nicht einmal „das Söckchen in der Milch seiner Mutter." Daß das dreimal wiederkehrende Verbot 'iai ton kV einmal das Kochen, dann das Essen, dann die Benützung bedeuten solle, das sei doch ganz unverständlich, den to sei eben to und nicht van und nicht nm Sehr wahr! Aber auch sehr wahr, daß der Herr Rabbiner Wiener nicht die geringste Ahnung von der Jnterpretationsweise des Talmud hat oder haben will. Wer hat denn je den Rabbinen den Unsinn imputiren können, daß sie geglaubt hätten auon, stünde für ton uV, daß jenes geradezu mit „Du sollst nicht essen" zu übersetzen sei. Als Rabbiner hätte Herr Wiener wissen müssen, was Maimonides in seiner Einleitung in die Mischna über diese Art der Erklärung in Bezug auf andere Gksetzesstellen sagt. Die Tradition, daß man eine durch Kochen entstandene Mischung von Fleisch uud Milch weder essen noch benutzen dürfe, stand fest; wie diese Tradition in der Schrift angedeutet, durch welche Worte sie feftgchalten werde, dies zu eruieren, war, wo auch dieses nicht überliefert war, Aufgabe der Forschung. Also nicht daß ton *6 heiße „Du sollst nicht essen", oder „Du sollst es nicht benutzen", sondern die dreifache Art und Weise des Verbotes ato i^a ist in der dreimaligen Wiederholung dieses Verbotes in der Schrift niedergelegt oder angedeutet und zwar deshalb mit dem Ausdruck ton, besagend, daß das Esten und die Benützung schriftgemäß nur dann verboten sei, wenn die Mischung toa *jvi entstanden ist. Wenn nun dem Herrn Vers, diese Art und Weise der Forschung klar gewesen wäre, daß die Rabbiner nicht aus den Worten heraus sich ein Ge- oder Verbot konstruirt, sondern bereits in Uebung stehende, durch Tradition überlieferte Gesetze in dem Worte suchten, so hätte ihn die Thatsache nicht zum „Verzweifeln" gebracht, daß nach langer Diskussion über ato *wa (Chul. 114 d.) „mit einem Mal ganz naiv die Frage aufgeworfen" wurde, woher wir wissen, daß v'2 verboten sei. . *) BreSlau. Schottländer. Damit erledigen sich alle die dem Vers, scheinenden Wunderlichkeiten, die einzeln auszusühren die Mühe nicht lohnt uud keiner besonderen Widerlegung bedürfen. Fruchtbringender wird es sein die Conclusionen des Verf. zu betrachten. „Viel wahrscheinlicher ist, daß hier eine Vorschrift zum Schutze der jungen, zarten'Thiere enthalten, oder daß ein so junges Säugelamm noch nicht opferwürdig ist. Das 2 in ato wäre nicht mit i n, sondern a n zu übersetzen, idk ato ist nicht als Umstand des Ortes auf ton «V, sondern als Beifügung auf '"u zu beziehen: „Das Lämmchen an der Milch seiner Mutter", wenn es noch allzu zart, „noch an der Mutterbrust sich befindet." — Wenn so etwas ein Rabbiner des Talmud gesagt und es Herrn Wiener nicht gepaßt hätte, wie hätte er über Mißhandlung der Sprache geschrieen, wie hätte er die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, wie hätte er sich entsetzt! Und doch ist es nicht zum Entsetzen, es ist zum Lachen, das Deutsch: „Etwas in Milch kochen" sei Umstand des Ortes, das allein genügt sich über diesen Satz nicht zu ärgern. Nun die Exegese: aVna to — an der Milch kochen, d. h. das Junge kochen, so lange es noch saugt. Milch-Mutterbrust; das ist und bleibt lächerlich, auch wenn es Luther so übersetzt, und selbst Menachem ben Saruk als Autorität dafür angezogen wird*). Heißt ato to an der Milch kochen, so sagt auch die Bestimmung, daß das Peßachopfer nicht croa toao to sei, daß es nicht am Wasser gekocht sein dürfe. Aber was thuts? Die Theorie ist gerettet, Fleisch mit Milch zu kochen sei gar nicht verboten, nicht einmal das Junge in der Milch der Mutter; nur so lange es noch saugt, dürfe es nicht gekocht werden, und vielleicht sei auch dies nicht einmal verboten, der Zusammenhang mit ‘inö-iN rnaa weise darauf hin, daß es sich um ein Opferverbot handle. — Doch hat diese reizende Erklärung nicht außerdem einen ganz gewaltigen Haken — heißt es doch hkSti \rDtwi dvd, daß ein unter acht Tagen altes Thier nicht geopfert werden dürfe, daß aber vom achten Tage an die Opferung erlaubt sei (Exodus 22,29.), man braucht aber wahrlich keine landwirthschaftlichen Kenntnisse zu haben, um zu wissen, daß ein Junges nach dem achten Tag noch nicht die Saugpertode hinter sich hat, wo bleibt da nun der Vers, mit seinem Jungen „an der Milch der Mutter"? Doch der Vers, weiß sich auch zu bescheiden und zuzugeben, daß ato in der Milch bedeuten könnte, dann sei aber auch nur das Kochen *) Diese Erklärung findet sich in Menachems Wörterbuch nicht, es ist möglich, daß M. sie irgendwo als die Meinung eines andern anführt.