Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1895)
- Date
- 1895-06-12
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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"MW»«WWWWW»M ^.. . " ' ' ' ' i i XXXU Jahrgang. Iwrite Leilage zu M 47 des „Israelit". Literarischer Wericht. Die drei Belfer. Culturbilder aus Galizien vonMarckFirkowicz. Wien, Moriz PerleS. Ehe wir auf den Inhalt dieser Erzählung eingehen, müssen wir vorausschicken, daß uns deren Lcctüre im Innersten erschüttert und zu Thränen gerührt hat. Ja, wir schämen uns nicht, das Buch hat uns wirkliche Thränen erpreßt und unser Gefühlsleben aufgerüttelt. Der Beifasser hat uns bet unserer schwachen Seite, bei der Liebe für unser engeres Heimathland, für Galizien gepackt und diese Saite gab zitternde Töne von sich. Culturbilder aus Galizien! Ja, wenn man am Donauquat gemüthltch flanirt, zwischen den Lippen eine Virginier, auf dem Kopfe einen glänzenden Chlinder, indeß die untergehende Sonne den majestätischen Fluß und die Marmorpaläste vergoldet, dann erscheint einem diese Erzählung aus Galizien so weltentlegen, wie eine Geschichte aus Tausend und Einer Nacht, obwohl die „Drei Belfer" keine romantischen Abenteuer erleben. Ist doch dieses Land mit 7 Stunden Schnellzug zu erreichen, somit ist es doch mitten in der Civilisation gelegen, wenn unS also der Verfasser solche Geschichten aus dem Bärenlande aufbindet, dann haben wir nur ein Phantasiegebtlde vor uns! Ja, wir gäben was dafür, wenn dem so wäre. Leider aber sind die „Drei Belfer" eine Episode aus dem wirklichen, alltäglichen Leben Galiziens, ein wahres Lebensbild und weil sich die Sache so verhält, weil wir am Donaustrande lustwandeln, die wehmüthigen Heimathsleute zu vernehmen schienen, deßhalb haben uns die „Drei Belser" mit ihrer Tragikomik mächtig gepackt. Und doch ist das Ganze nicht auf Effekt berechnet! Ruhig, gleichmäßig fließt die schöne Sprache dahin, der Stil ist vornehm und ernst, nicht affektirt und weil alles so natürlich zugeht, weil alles kunstvoll, aber nicht gekünstelt ist, können wir uns dem wehmüthigen Zauber des Bildes nicht entziehen und das umso weniger, als wirleider aus eigener Erfahrung wiffen, daß wir kein Trug-, sondern ein treues Spiegelbild vor uns haben. Um so zu schildern, das heißt die Wahrheit zu kopiren und dabet unser Interesse so zu fesseln, wie es der Verfasser versteht, muß man eine wirklich dichterische Gestaltungsgabe besitzen. Und doch, obwohl der Autor unser Landsmann sein muß, stoßen wir zum ersten Male auf seinen Namen, was uns umso mehr befremdet, als die „Drei Belfer" schwerlich sein Erstlingswerk sein dürfte, denn als solches wäre es, zu sehr formvollendet. Was daS Sujet der Erzählung fei? Nun eben, „Drei Belfer." S*e wissen vielleicht nicht, was dies bedeutet? Wohl Ihnen, Belfer stammt von Behelfer und bedeutet so v el wie Gehilfe in unserem Falle, Schulgehilfe. Sie müssen aber die erste Hälfte des zusammengesetzten Wortes streichen und die Schule durch ein Cheder ersetzen. Sie wiffen vielleicht gar nicht, was ein polnisches Cheder ist? Nun, dann find Sie beneidensweith und können Gott danken, eine menschenwürdige Erziehung genoffen zu haben. Die „Drei Belfer" sind ein Symbol der kleinstädtischen jüd. Jugend Galiziens, die Erzählung beginnt in einer Klaus zu Tarnopol und schließt dort nach dreißig Jahren. Es ist dem Verfasser keineswegs darum zu thun, die Orthodoxen zu bekämpfen. Er spricht als warmfühlender Jude, bekämpft nur den obskuren Zelotismus, der so viel zum materiellen und geistigen Elende der jüd. Massen in Galizien beiträgt und sehnt Arbeit und Bildung für seine galiz. Glaubensgenoffen herbei. Er führt uns strenggläubige Jaden im Kaftan vor, die unsere volle Sympathie im ersten Momente erobern und zeigt uns sogenannte Moderne, Aufgeklärte, die für nichts, als für ihren Magen und Tasche Sinn haben. Der Verfasser läßt einen westeuropäischen Juden beim Durchwandern eines galtzischen Ghettos, zu einem aufstrebenden jüdischen Jünglinge, zu einem der ehemaligen „Drei Belfer" folgendes sprechen: „Siebst Du, mein Freund, das eben ist das große Unglück unserer Glaubensgenossen zumal in den östlichen, von Cultur und Bildung nur oberflächlich berührten Ländern, daß die Emporgekommenen, deren Du hier nicht wenige finden wirst, sich um ihre zurückgebliebenen Brüder nicht im geringsten kümmern, sie vielmehr in herzlosem Gleichmuth im Sumpfe stecken lassen; dafür aber In slavischer Vordringlichkcit, um die Gunst der Groben buhlen, die sie aber niemals, eben wegen dieser slavischen Gesinnung, erringen. Bleibe also Deinem Vorsatze treu. Wir können auch nicht einen einzigen Mitarbeiter missen, denn in der That: Die Ernte ist groß und nur Wenige sind der Arbeiter." Die „Drei Belfer" sehen sich verschiedener Umstände halber gezwungen, in ihrem 14. Jahre ihre Heimath zu verlassen, um in der Fremde ein Fortkommen zu finden. Sie beschließen nach dreißig Jahren, natürlich wenn sie am Leben sein werden, an ihrer Jugendstätte, in der Klaus zu Tarnopol zusammenzutreffen, um einander die Erlebnisse mitzutheilen, und schweren Herzens gehen die Jünglinge auseinander, um getrennt Fahrten auzutreten.