Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 47 (12.6.1895)
- Date
- 1895-06-12
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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849 verweilen werde müssen, muß ich denn doch die Mittel suchen, mich hier zu erhalten. Ich bin ein begnüglicher und auch an Entbehrungen gewohnter Mensch und will mich der härtesten Arbeit unterziehen. — Mich kennt hier Niemand, darum entschuldigt nleine Kühnheit, wenn ich Euch, Herr Primator, ergebenst bitte mir diesbezüglich einen Rath zu ertheilen." „Ihr scheint nach Euern Angaben ein vielseitig verwendbarer Mensch zu sein und Ihr habt mir durch die Rettung des Sefer Thoro eine günstige Meinung für Euch eingeflößt, allein Ihr seid mir doch völlig unbekannt. Könnt Ihr Euch durch glaubwürdige Zeugnisse darüber ausweisen, daß Ihr, wie Ihr behauptet, im Stande seid als Vorbeter, Thoravorleser, Lehrer oder, gar als Rabbiner zu fungiren?" „Zeugnisse kann ich jetzt nicht vorweisen," erwicderte Speier. „Ich besitze wohl solche von bedeutenden Rabbinern, aber ich habe sie bei meiner plötzlichen Flucht von Leipa dort zurücklassen müssen und kann nicht hoffen, sie jetzt wieder zu erlangen, und bei der unterbrochenen Verbindung mit Süd-Deutschland eben so wenig Duplikate von dort zu erhalten. Allein die Zeugnisse wären ja zu ersetzen. Ich bin, wenn es verlangt wird, bereit als Vorbeter und Thoravorleser einen Probevortrag zu halten. Mich auf meine Fähigkeit als Rabbiner zu prüfen" futir Speier ernst lächelnd fort, „dürfte wohl hier keine Veranlassung vorliegen. Bei meinem Alter, — ich zähle erst fünfundzwanzig Jahre — und bei meinem ledigen Standes) könnte ich, auch wenn ich weit mehr wüßte, als dies in der Thal der Fall ist, doch nur in einerkleinen Gemeinde, die an ihr geistliches Oberhaupt nur geringe 2lnsprüche stellen kann, diese Würde annehmen' allein ich bin auch gerne bereit, in einer der vielen kleinen Betstubeu hier, einen talmudischen oder agadischen Vortrag abzuhalten, und nlich einer strengen Prüfung in Talmud und PoskirnH zu unterziehen." Rach kurzem Bedenken crwiederte der Prinrator in herzlichem Tone: „Jch fürchte, Ihr werdet in der gegenwärtigen ungünstigen Zeit, wo Handel und Wandel stocken und wir schon seit Wochen hier in Prag von Landleuten überschwemmt sind, die gezwungen sind gierig nach Stetten zu stlchen, keine Eurem Wissen und Euern Fähigkeiten entsprechende finden. Ihr seid, wie ich zu erkennen glaube, nicht derjenige der ohne dringende Roth- Wendigkeit ein Darlehen, noch weniger ein Geschenk annimmt; id) Witt Euch daher vorläufig nicht mit einem derartigen Angebote lästig fallen. Doch bitte ich Euch, wenn Ihr in die Lage gerathcn solltet, eine 2lnleihe machen 3) Nach den rabbinischen Bestimmungen sollen nur Männer in reiserem Lebensalter und auch kein unverheirather, zum Rabbiner ordinirt werden. 4) Codices religiös gesetzliche Entscheidungen. zu müssen. Euch nur an mich zu wenden. Ich borge Euch eine mäßige Summe gerne, es fällt mir Gott sei Dank, nicht schwer und ich bin überzeugt, daß Ihr ein ehrlicher Mann seid, der seine Schulden, sobald es ihm möglich wird, pünktlich zahlt. Ihr braucht daher in keinem Falle um Eure Zukunft besorgt zu sein." „Ich danke Euch viel tausend mal für Eure Gute, Herr Primator" sprach Speier tief bewegt und führte dessen Hand ehrfurchtsvoll an seine Lippen. Im Vorzimmer blieb David Speier in Gedanken versunken stehen. Er hatte heute schon einen weiten Weg zu rückgelegt und fühlte dringend das Bedürfniß sich auszuruhen. Auch die Sorge, wo er sich rasch eine Wohnung verschaffen würde, beschäftigte ihn in peinlichster Weise. „Wißt Ihr vielleicht jemanden, der mir ein, wenn auch noch so kleines Zimmer vermiethen würde?" wandte er sich an den Gaffenmeschores, der die Wartenden in das Kabinet des Primators einließ. „Es läge mir auch nichts daran, wenn ichs mit einem Chawer theilen müßte." Der Gaffenmeschores fühlte vor dem jungen Manne, der, wenn auch dürftig gekleidet, doch eine so lange Unterredung mit dem Primator gehabt, Respect und rief vergnügt: „Ich kann Euch ein prächtiges Quartier empfehlen. In der Klanssynagoge, die ich besuche, hat der Oberschammes * 6) Reb Feisch Katz heute früh erzählt, daß vorigen Donnerstag ein Zimmer, das er an zwei mährische Bachurim, Brüder, vermiethct hatte frei geuwrden ist. Deren Vater, ein reicher Kaufmann aus Triesch, hat sie abgeholt und nach Hause genommen, weil er fürchtet die Schweden könnten-nach Prag konlnien. Gleich tags darauf, Erew Schabbos7) hat sich eilt bairischer Vachur als Miether bei ihm gemeldet. Er hat ibu unter der Bedingung aufgenonnncn, daß wenn sich noch ein zweiter Quartiersbachur meldet, er mit ihm das Zimmer theilen muß.Reb Feisch Katz wohnt gerade der Klaussynagoge gegenüber im Eckhause, int zweiten Stock." Speier, der zuerst erfreut schien, sich von einer peinlichen Sorge befreit zu sehen, zuckte nun leicht zusammen, seine Miene verdüsterte sich und er sprach zögernd: „Lieber 2Rann, wißt Ihr vielleicht noch von einem andern Zimmer?" Der Meschorcs blickte verwundert aus, was konnte der Fremde gegen eine Wohnung, die er gar nicht kannte, einzuwenden haben? Sollte er zu stolz sein bei einem Schammes zit wohnen? Das schien bei seiner dürftigen Kleidung um so unwahrschein- 8) Genoffen. 6) Obersynagogendiener. 7) Rüsttag des Sabbats, Freitag.