Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 44-45 (5.6.1895)
- Date
- 1895-06-05
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448601--40860-2489791- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
822 die Aufgabe der Regierung sei, für den gesellschaftlichen Frieden zu sorgen und die durch Klassenhaß hervorgerufenen Störungen zu verhüten. Der Erzbischof hätte sehr leicht die Frage umkehren und den Minister-Präsidenten um Auskunft darüber ersuchen können, was die Regieruug seit einem Jahre verfügt habe, um die Ausschreitungen des Klassenhasses zu bekämpfen? Offenbar unter dem Eindrücke der Wahlen in Wien und zur Unterstützung jener Bestrebungen, die noch immer auf die Vereinbarung eines faulen Compromisses im Gemeinderathe gerichtet find, hat sich der Minister-Präsident entschlossen, in einigen stärkeren Worten die antisemitischen Agitationen zu verurtheilen. Die Regierung bedauert auf das schwerste und das entschiedenste, wenn von geweihter Stätte der bürgerliche Friede gestört wird. Das Ministerium mißbilligt überhaupt aufreizende und gehässige Angriffe gegen „bestimmte, individuell bezeichnte Theile der Gesellschaft." Bedauern, Berurthetlen, Mißbilligen! Ueber diese platonischen Redensarten ist die Situation längst hinausgewachsen. Nicht mit einem Hauche hat der Minister-Präsident angekündigt, daß er positive Maßregeln, über welche jede österreichische Regierung gebietet, gegen diese Friedensstörung anwenden werde. Der Minister-Präsident hatte nur Worte. Die antisemitische Bewegung ist ja doch eine politische Frage geworden, und da entscheiden nur Thaten, welche von der jetzigen Regierung am wenigsten zu erwarten sind, weil sie durch ihr Bündniß mit den Clericalen niemals und unter keiner Bedingung irgend einen ernsten politischen Schritt gegen die Antisemiten unternehmen kann. Worte angesichts der Vorfäll.' bei den Wählen in Wien und Troppau, angesichts der unzähligen Beweise, die sich für die schonende Duldung der Antisemiten anführen lassen! Mit allgemeinen Worten, denen überdies anzumerken ist, daß sie nur auf die Situation im Wiener Gemeinderathe gemünzt sind, wird die Regierung die Antisemiten nicht im geringsten einschüchtern, aber auch bei den Gegnern der Klassenverhetzung keine Befriedigung Hervorrufen. Budapest, 25. Mai. Der Justizausschuß des Abgeordnetenhauses nahm einstimmig den Beschluß des Unterrichtsausschusses an, nach welchem dieser dem vom Magnatevhause angenommenen Wortlaute des Gesetzentwurfes über die Receptton der Juden zustimmt, ebenso stimmte er dem Beschlüsse des Magnatenhauses bezüglich des nicht angenommenen Z 2 des Gesetzentwurfes über die freie Religionsübung (Uebertrttt) zum Judenthum bet. Der Unterrichts- und Justizminister äußerten sich zustimmend. Rußland. Moskau. Dieser Tage geschah es, daß der Lodzer Fabrikant Posnanski, vielfacher Millionär und Vorsitzender des Conseils einer Acttengesellschaft, eine Agentur in Moskau errichtete. Der Polizeichef forderte, daß auf dem Schilde außer der Firma der Gesellschaft noch der jüdische Name des Hauptvertreters der Gesellschaft, Herrn Posnanskt, angebracht werde, damit das christliche Publicum nicht durch falsche Vorspiegelungen irregefiitrt wird und wisse, daß es mit einem Juden zu thun habe. Der juridische Vertreter Herrn Posnanski's erwiederte darauf, daß es ihm sehr leid thue, doch könne er den Wunsch des Herrn Polizeichefs nicht erfüllen, da er sich dadurch eine Gesetzesverletzung zu Schulden kommen lassen würde, was er durchaus nicht zu thun gedenke. Die Firma der Actiengesellschaft sei Allerhöchst bestätigt und dürfe daran kein Punkt geändert werden. Diese sehr resolute (mit einer Beimischung zu schneidiger Ironie) geführte Sprache imponirte dem Chef der Moskauer Polizei, der sonst vor Nichts zurückschreckt und dessen schwere Hand Tausende von Juden nur allzusehr gefühlt. Er erkannte die Gründe, welche der Advocat angeführt hatte, als berechtigt an, verlangte jedoch, daß unter der Allerhöchst bestätigten Firma doch der jüdische Name anzubrtngen sei, damit die christlichen Käufer wissen, daß sie cs nicht mit einem rein arischen, sondern unverfälscht semitischen Unternehmen zu thun hätten und dementsprechend ihre Vorsichtsmaßregeln treffen könnten. Der Rechtsanwalt war jedoch so störrisch, sich nicht mit diesem salomonischen Unheil zu begnügen, sondern appelirte an den Großfürsten-Generalgouverneur. Der Großfürst Sergius, ein Oheim und Schwager des Kaisers, konnte sich unmöglich der Nothwendigkeit entziehen, das Allerhöchst bestätigte Firmenschild anzuerkennen. Der Polizetchef erhielt einen tüchtigen Rüffel und das Gesuch des Herrn Posnanski ward befriedigt. Selbstverständlich, daß Oberst Wlassowski an anderen Juden sein Müthchen kühlen wird, die sich nicht einer solchen hohen Protection erfreuen. Herr Posnanski ist nicht nur ein berühmter Industrieller und vielfacher Millionär, er ist auch ein höchst humaner Mann und jüdischer Patriot. Er hat für Noth und Leiden ein fühlendes Herz und eine offene Hand. Auf eigene Kosten baut er in Lodz ein jüdisches Hospital, das etliche hunderttausend Rubel erfordert, die er freiwillig hergegeben. Gelegentlich der Heirath Kaiser Nicolaus II. hat er 100,000 Rubel zur Gründung einer Schule gespendet, und hat der junge Monarch diese bedeutende Gabe des jüdischen Industriellen dankbar anerkannt. Aus obigem ist zu ersehen, daß in der höchsten Regierungssphäre durchaus kein so wüthender Judenhaß herrscht, als in den niederen Regionen der Beamten-Hierarchie, wo der Bureaukratismus do-