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Der Israelit · 1895-06-05 · Heft 44-45 (5.6.1895) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
36 (1895)
Issue
Heft 44-45 (5.6.1895)
Date
1895-06-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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809 Anstellungen hat der Oberrabbiner drei Kandidaten vorzuschlagen, von denen Kohol^) einen wählt." „Wäre Euch, Herr Primator, Reb Mosche Eisenstadt, der Chasan') in der Zigeunersynagoge recht?" „Jeder, den Ihr hierfür geeignet haltet," erwiederte Brandeis schon etwas ungeduldig, „doch wenn Ihr durchaus nichts auf eigene Verantwortung unternehmen wollt, wendet Euch an den Ras um Rath, ich bin überzeugt, ihm wird Reb Mosche Eisenstadt vollkommen recht sein." Der Primator griff nun nach einem Aktenbündel, das auf dem Tische lag und Wedeles verabschiedete sich. Er stieß in der Thüre mit Rabbi Jakow Apotheker/) welcher Vorsteher des Spitals und der Pinkassynagoge war, zusammen. Dieser war ein sehr reicher, ungewöhnlich wohlthätiger Mann und der Primator erwies ihm die Ehre, ihm einige Schritte entgegen zu gehen, ihnl eigenhändig einen Stuhl an den Tisch, an dem er saß, zu rücken und srug: „Was verschafft mir die seltene Ehre Eueres Besuches?" „Die Zahl der Kranken in unseren: Spitale vermehrt sich in erschreckender Weise. Es ist dies begreiflich. Die Schweden rücken langsam von allen Seiten der Haupstadt näher und wo sie aus ihrem Wege eine Judengemeinde finden, wird diese gebrandschatzt, geplündert." „Die Schweden brandschatzen und plündern ohne Unterschied der Confession und Rationalität," warf der Primator dazwischen. „In vielen Fällen werden unsere armen Glaubensgenossen, um von ihnen das Geständnis; 511 erpressen, wo sie ihre vermeintlichen Schätze verborgen haben, in grausamster Weise gefoltert. Diese haben ein teufliches Mittet, den sogenannten Schwedentrank, erfunden. Sie flößen den Personen, von denen sie ein Geständnis; erzwingen wollen, nlittelst eines Trichters, stinkende Mistjauche ein. Die bedauernswerthen Menschen haben weit mehr als Todesangst allsgestanden; sie langen in den meisten Fällen aller Mittel entblößt, ausgehungert, mangelhaft bekleidet und in furchtbarster Aufregung hier an. Es ist nicht zu wundern, wenn viele derselben iu unserem Spitale Heilung suchen. Es stellt sich die Rothwendigkeit heraus, zwölf 2) Das Gemeindeamt. s) Vorbeter, Kantor. 4j Diese hochachtbare alte Familie, welche sich schon seit einer langen Reihe von Jahren Jeitteles nennt und in ihrer Mitte große Gelehrte, Aerzte und Philantropen zählt, erfreut sich seit undenklichen Zeiten des kaüerlichen Privilegiums — damals die einzigen Juden in den ösürreischeil Erblanden und Deutschland — eine Apotheke führen zu dürfen. Das Diplom, wodurch dasselbe von Kaiser Karl VI. neuerlich bestätigt wurde, befindet sich noch in den Händen deS Familien-SeniorS Di. Josef Jeitteles. neue Betten und deren Einrichtung anzuschaffen. Seid Ihr damit einverstanden, Herr Primator?" „Wir besitzen ja vollständig Vertrauen zu Euch und Eilern Mitvorstehern, und wenn die Einnahmen des Spitals hierzu ausreichen und mail nicht nöthig hat, das Stammkapital allzugreifen, so könnt Ihr ja, ohne Kohol zil frageil, was Ihr für nöthig findet, anschaffen." „Das ist es eben," meinte der Apotheker bekümmert, „wir haben Heuer schon soviel gebraucht, daß wenll wir ulls auch diese Ausgabe gestatten, wir mit unseren Einkünfteil nichl auskommen und das widerspräche beit Bestimmungell des Stistsbriefes und den Absichten des edlen Gründers. Allerdings habe ich mich in Anbetracht der traurigeil Verhältnisse," fuhr der Apotheker zögernd fort und senkte beit Blick zu Boden, als wenn er etwas ihn höchst Beschämendes zu gestehen hätte, „entschlossen vier Betten und deren Einrichtung auf meine Kosten beizustellen, so daß eigelltlich nur noch acht anzuschaffen sind. Ich weiß, daß dies nur eine geringe Gabe ist, aber ich liefere alle Arzeneien unentgeltlich und wenn die armen Leute, llachdem sie wochenlang llichts erwerben konnten, aus dem Spitale geheilt entlaßen werden 1111b zu Hause eine hungernde und frierende Familie vorfinden, die sich in Schulden gestürzt hat, sind sie noch weit mehr zu bedauern als zu zu jener Zeit, wo sie in dasselbe ausgenommen wurden, und da pflege ich jedem dieser armen Leute ein kleines Sümmchen zu Bestreitung der nothwendigsten Auslagen zu übergeben." „Ihr seid ein edler Mensch Reb Jakow," rief Brandeis dem Apotheker die Hand drückend, „und ich wäre glücklich, wenn unsere Gemeinde nur zehn solche Männer wie Ihr besäße." „Was spracht Ihr da?" ries der Apotheker, ich .... ich ...." Der Primater unterbrach ihn. „Als Roschhakoholö) darf ich wohl nicht hinter Euch zurückbleiben. Schafft noch vier weitere Betten und deren Einrichtungen an und schickt mir die Rechnung zur Zahlung." Reb Jakow Rokeack/) wie er gewöhnlich im Ghetto genannt wurde, wurde purpurrotb vor Freude. „Ah! das ist ein großartiges Geschenk, eine Kleinigkeit, vier Betten uub deren Einrichtung, was das kostet?" „Ihr seid ein höchst ungerechter und partheiischer Mann," meinte Brandeis, und als Reb Jakow erschrocken aufblickte, fuhr er lächelnd fort: „Wenn Ihr vier Betten spendet, so bezeichnet Jhrs als eine kleine Gabe, thu' ichs, dann nennt Jhrs eine großartige!" 6) Gemeindehaupt, Vorsteher. 6) Apotheker.

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