Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 39 (16.5.1895)
- Date
- 1895-05-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448597--40769-2489696- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XXX\I, Jahrgang. Ziveite Beilage M M 39 des „Israelit". Zeitungsnachrichten und Korrespondenzen. Deutschland. Berlin, 5. Mai. Die „Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und deS Ackerbaues unter den Juden im Preußischen Staate (gegründet 1813)" eröffnet den Rechenschaftsbericht über das einundachtzigste Jahr ihres Bestehens mit dem Ausdruck freudiger Genugthuung. daß die Ansprüche, welche bisher an die Gesellschaft gestellt wurden, auch im Jahre 1894 wiederum wesentlich gestiegen sind. Am 1. April 1894 waren 106 Lehrlinge in ihrer dauernden Pflege und Unterstützung; davon sind 25 als Gesellen entlassen, 9 ausgeschlossen worden; zu den 72 verbleibenden kamen 13 neu aufgenommene hinzu, so daß am 31. März d. I. die Zahl die Lehrlinge 85 betrug. Ein Theil derselben wurde in dem der Gesellschaft gehörenden „Lehrlingsheim" in Pankow untergebracht; Räumlichkeiten und Mittel gestatten nur die Aufnahme von 15 Zöglingen, aber Dank der hingebungsvollen Bemühungen der Vorstandsmitglieder Herren Joseph Fränkel und Julius Bodenstein ist soeben ein eigenes Grundstück erworben, auf dem ein umfangreiches, die Aufnahme von 50—60 Lehrlingen ermöglichendes Gebäude aufgeführt werden wird. Die Einnahmen der Gesellschaft betrugen im abgelaufenen Jahre 16692,22 Mk. (darunter von 548 Mitgliedern 5632 50 Mk. Jahresbeiträge), die Ausgaben 16598, 30 Mk.; das Vermögen beläuft sich auf 94707 M. Zum Schluß gestatten wir uns, der Verwaltung der Gesellschaft eine Anregung zu unterbreiten, welche zumindest würdig erscheinen dürfte in der Generalversammlung, welche am 9. d. M. in der Aula der Gemeinde-Knabenschule stattfindet, einer ernsthaften Prüfung unterzogen zu werden. Es ist wiederholt von den Leitern der Gesellschaft selbst mit Bedauern betont worden, daß die eine Seite ihrer Thätigkeit, die „Verbreitung des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate" fast völlig vernachlässigt werden mußte. Die Gründe brauchen nicht auseinandergesetzt zu werden: es fehlte die Möglichkeit, jüdische Knaben in landwirthschaftlichen Betrieben unterzubringen, wo eine religiöse Lebensführung und die erforderliche Beaufsichtigung derselben möglich ist. Dieses Htnderniß kann aber jetzt als beseitigt gelten: die vortreffliche „Israelitische Erziehungsanstalt" in Ahlem (bei Hannover), welche bereits in der kurzen Zeit ihres Bestehens sich den Ehrentitel eines Musterinstituts erworben hat, bietet die Möglichkeit, jüdische Knaben unter Wahrung der religionsgesetzlichen Anforderungen, unter Gewädrletstung gewtffenhaftester Erziehung der Garten-Cultur und dem Ackerbau zuzuführen. Wir glauben, die „Gesellschaft zur Verbreitung des Ackerbaues" sollte von der Möglichkeit, dem bisher unter dem Zwange der Verhältnisse unausgeführt gebliebenen Zweige ihrer satzungsgemäßen Thättgkeit gerecht zu werden, Gebrauch machen, indem sie jüdische Knaben in der genannten Anstalt zum Ackerbau erziehen läßt. Gchildberg, im April. In der Jetztzeit, wo die jüdische Schüler so wenig Hebräisch lernen, weil ihnen wenig Zeit für dieses Fach übrig bleibt, dürfte folgende Mittheilung zur Beachtung und Nachahmung dienen. Auf Veranlassung unsres Rabbiners Herrn Dr. M. L. Bamberger ist der Vorstand der israelitischen Elementarschule höhern Orts, um Einrichtung einer Halbtagsschule für den Elementarunterricht vorstellig geworden; dem Anträge wurde stattgegeben und haben die Elementarschüler vom 1. Mai d. I. ab anstatt 2—4 Stunden täglich in der mm Schule Unterricht. M. F. Leipzig, 1. Mai. In der „Kreuzig." finden wir folgende Mittheilung: An dem Antrittskommers des Vereins deutscher Studenten in Leipzig vom 27. April nahmen erfreulicherweise auch mehrere Professoren theil. Geheimrath Heinze erklärte, daß der Antisemitismus, wie ihn die Vereine deutscher Studenten pflegen, wohl zu begrüßen sei, und daß auch in studentischen Kreisen eine reinliche Scheidung der Rassen wünschenswerth wäre. Domherr Geheimrath Fri cke erinnerte an frühere Zeiten, wie er in Leipzig als junger Privatdozent für die deutsche Flotte groschenweife gesammelt habe. Da müsse jetzt ein Gefühl freudigster Dankbarkeit gegenüber dem großen Begründer des Deutschen Reiches, der auch die neue Flotte geschaffen, wach werden. Auch sprach Geheimrath Fricke seine Freude darüber aus, daß er wie Stüner ein Mitbegründer der Vereine deutscher Studenten immer tiefgefühlte Begeisterung für alles Hohe und Edle in dem Verein gefunden habe. Der „Antisemitismus, wie ihn die „Vereine deutscher Studenten" treiben, unterscheidet sich in nichts von dem Antisemitismus der Böckel und Ahlwardt. Herr Böckel war z. B., ehe er aus Hessen hinausbefördert wurde, auf seinen Hetzreisen häufig von einer studentischen Leibgarde begleitet. Vergegenwärtigt man sich dies, so ist die Rede des Herrn Gehetmrath Fricke doppelt interessant in einer Zeit, da die Blätter vom Schlage der „Kreuzig.", des „Reichsboten u. s. w. sich nach Schutzmaßregeln gegen die „gottesleugnerischen Professoren" heiser schreien.