Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 38 (13.5.1895)
- Date
- 1895-05-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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721 Herrilleto«. Alur eine Tochter. Erzählung von H. Berger. 38.) (Alle Rechte Vorbehalten. Die Zeit, die man für den Aufenthalt im Seebad bestimmt hatte, war rasch vorüber und als die Familie Pretortus nach Hause reiste, fiel manchem der Abschied von den lieben Menschen recht schwer und man versprach gegenseitig, durch regen Briefwechsel die neue Bekanntschaft zu pflegen. Anny war froh, als sie wieder zu Hause in ihre altgewohnten Thätigkeit sich eingelebt hatte. Sie hatte viel für sich selbst zu thun, denn ihre Hochzeit sollte noch im Verlauf des Winters stattfinden. Das Bureau des Dr. Pretortus war wohl das Beste in der ganzen Stadt geworden und Willy war ein gesuchter Vertheidiger, der nicht alle Mandate annehmen konnte, die man ihm anbot. Auch in der jüdischen Gemeinde war er angesehen und beliebt, so daß man ihm ein Ehrenamt nach dem andern anbot. Anny war eine glückliche Braut; das sah man ihr an. Sie wußte aber auch von ihrem Glücke andern mitzutheilen und es darf uns deß halb nicht wundern, daß ihr Hochzeitstag, trotzdem die Hochzeit gar nicht so groß gefeiert wurde, ein Festtag für fämmtliche Armen der Stadt war. Dr. Pretortus lebte jetzt bei seinen Kindern, wie diese früher bet ihm gelebt hatten und fand sein Glück in dem Glück seiner Kinder. * * Zehn Jahre sind verflossen. Dr. Pretorius hat sich von dem Geschäfte zurückgezogen und lebt nur noch seinen Kindern, seinen Enkeln und dem Studium der Gotteslehre. Seine Wohnung ist zu einem Beth-Hamtdrasch geworden, in dem sich allabendlich ein and. rer Verein versammelt, um dem Studium der heiligen Thora obzultegen. Willy ist ein tüchtiger Jurist, aber auch ein ausgezeichneter Talmudist und ein Lehrer, wie er selten wird. Seine Söhne — er hat deren zwei — scheinen in die Fußtapfen des Vaters treten zu wollen, denn Arthur, der ältere, hat mit seinem neunten Jahre schon angefangen, den Talmud zu studiren und zeigt eine phänomenale Fassungsgabe und Oscar, der jüngere, ein Kind von sechs Jahren, hat schon begonnen, im Pentateuch zu übersetzen. Anny ist die alte geblieben. Die Zeit scheint spurlos an ihr vorüberzugehen, denn sie steht gerade noch so aus, wie sie als Mädchen ausgesehen hat und wer es nicht weiß, der hält sie schwerlich für die Mutter der beiden Knaben, die ihr so sehr ähnlich sehen und mit denen fie alltäglich um dieselbe Zeit einen Spaziergang macht. Die beiden Knaben lieben und verehren ihre Mutter abgöttisch und neiden einander jeden Dienst, den sie ihr leisten können. Heute haben sie etwas ganz besonders mit der Mutter vor; es gilt die Geburtstagsfeier des Großvaters, und die aufgeregten Mienen der Knaben zeigen, wie sehr ihnen diese Feier am Herzen liegt. „Du weißt", sagt jetzt die Mutter zu Arthur, ,.datz sich der Großvater jede außergewöhnliche Ehrung verbeten hat und daß ihm ein herzlich gemeinter Glückwünsch lieber ist als eine Aufführung." „Ja, Mütterchen", entgegnete der Knabe „dieses mal ist es ober etwas Anderes. Ich will Dir meine Sünde nur gleich eingeftehen. Ich selbst habe ein kleines Theaterstück verfaßt, welches Oscar, ich und noch zwei Knaben zu Ehren Großvaters an seinem Geburtsage aufführen wollen» und Du sollst es mit uns einüben. Wir leeren unsere Sparkassen und schenken dem lieben Großvater das neue Sepher, von dem er unlängst gesprochen und von dem neuen Sepher handelt das Theaterstück." „Es ist sehr schön", fiel Oscar ein, „denn es kommt auch ein Engel darin vor." „Dann muß es sicher schön sein", versetzte die Mutter lächelnd. Man bog eben um die Ecke einer Straße, als sie einen Menschenauflauf gewahr wurden. Anny blieb mit ihren Knaben einen Augenblick stehen, um die Menge vorbeizulaffen, als auf einmal ein junges Weib den sie festhaltenden Männern entsprang, auf Anny losstürzte und ihre Knie umfassend, rief: „Retten Sie mich! Ich habe, weil mein Kind krank ist und hungert, gestohlen und muß, wenn die Polizei mich faßt, in das Gefängniß. Bitte, Sie haben selbst Kinder, haben Sie Erbarmen mit einer armen Mutter." Annv griff, ohne die Bettlerin anzusehen, in die Tasche, zog ein Geldstück heraus, um es der Bettlerin zu geben. Da trafen sich ihre Augen und ein jähes Erschrecken ging über Anvys Züge. Vor ihr stand Greta von Toussaint als Diebin verfolgt. Auch die Bettlerin hatte sie erkannt und ein Zucken ging über ihr Gesicht, als sie sagte: „Aus Liebe zu meinem Kinde nehme ich diese Gabe von Ihnen, der Sie mir alles genommen haben." Da waren schon auch die Verfolger der Bestohlenen da und wollten sie festnehmen und der Polizei überliefern. Als der Kaufmann Amiy erkannte, zog - er ehrerbietig seinen Hut und wollte sich entschuldigen. Doch Anny kam ihm zuvor. Sie sagte: