Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 37 (9.5.1895)
- Date
- 1895-05-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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701 Priesters bedurfte. Willy sah in einen Abgrund von Laster und Verworfenheit und schauderte, wenn er daran dachte, daß sein Beruf ihm auch einmal einen solchen verworfenen Character zuführen könne. Er Ihkilte seine Wahrnehmung Anry mit und warnte sie vor dem Bauern, indem er sagte: „Verschwende Deine Güte an keinen Unwürdigen." „Und wenn durch mich ein Unwürdiger in einen Würdigen verwandelt würde, so wäre das mein Verdienst," dachte das brave Mädchen, und sie nahm sich vor, dem Triebe ihres Herzens zu folgen. Regen! Wie batte die durstige Erde nach dem erquickenden Naß des Himmels sich gejehnt. Wie verzweifelt waren die Menschen, als der Himmel verschlossen blieb und kein Tropfen zur Erde fiel, um die verschmachtende zu laben. Endlich war er gekommen. Trübe Wolken waren am Horizonte erschienen; sie wurden begrüßt wie Erlöser und Dankeshymnen stiegen zu Gott empor, der endlich sich seiner Geschöpfe erbarmte und ihre Gebete und ihr Flehen erhörte. Der Regen war gekommen. Langsam aber in ausgiebicem Maße floß das Naß vom Himmel herab und tränkte den Wald und die Flur, die Wiese, das Feld und den Hain. Und als der Regen drei, vier, acht Tage anhielt, da erblickte man wieder fröhliche Gesichter auf dem Lande. Noch war nicht alles verloren; noch konnte der Schaden, den die große Dürre verursacht hatte, zum Theile wenigstens ausgeglichen werden. Jetzt brachte die Erde wieder Futter hervor und das Vieh, welch s fast werthlos geworden war, stieg rasch im Preise. Als der Herbst kam, ließ eine vortreffliche Weinernte den Bauern die Qualen des Sommers vergessen, während der Städter an die Gestade des Meeres eilte, um in dessen kühlenden und stärkenden Fluthen Labung und Kraft zu suchen nach der erdrückenden Gluth des Sommers. Auch Dr. Pretorius war mit seinen Kindern nach Ostende gegangen, um die verjüngende Kraft der Meeresfluthen zu genießen. Dort trafen sie mit Herrn von Gilsa zusammen und verlebten vergnügte Stunden. Eines Tages ging Anny mit Willy am Strande spazieren. Sie unterhielten sich von ihrer künftigen Einrichtung, denn noch im Herbst sollte die Hochzeit der Beiden gefeiert werden. Da ging ein Herr und eine Dame an ihnen vorüber, auf die sie zuerst gar nicht achteten. Als sich die Dame aber, nachdem sie vorüber war, nach dem Brautpaare umkehrte,! erblickte Willy dieselbe und er erschrack. Es war Greta von Toussaint am Arme eines Herrn, dessen Gang den Offizier verrielh. Sie lächelte Willy höhnisch zu und machte ihren Begleiter auf ihn aufmerksam. Dieser drehte sich nach Willy um, konnte ihn jedoch nicht mehr erblicken, denn auch Willy und seine Braut batten sich umgedreht und den entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Willy ahnte nichts Gutes. Er hatte Anry nichts von dieser Begegnung gesagt und wußte sich, ohne daß es auffiel, einige Tage im Hause zu halten. Er hoffte, dem Paare dann nicht wieder zu begegnen. Er schalt sich zwar feige, daß er ihnen auswich, aber ihm ahnte Böses und so ertrug er lieber die Selbstvorwürfe, als daß er durch sein Erscheinen vielleicht Veranlassung zu einem Streite gegeben hätte. Aber er konnte nicht immer zu Haufe bleiben, und das erste mal, daß er sich wieder mit seiner Braut auf der Straße sehen lieb, begegneten ihm die, denen er so gerne ausgewichen wäre. Als der Begleiter Greta von Toussaint Willy sah, ging er direkt auf ihn los, trat dicht vor ihn und sagte mit lauter Stimme: „Giftiges Gewürm sollte sich bet Tage in seinen Löchern halten, sonst läuft es Gefahr zertreten zu werden," dann nahm er seinen Handschuh und schlug dem Erstaunten ins Antlitz. Willy, ob dieser Beleidigung empört, schlug mit seiner Faust dem Gegner dermaßen in Antlitz, daß ihm das Blut aus Mund und Nase floß. Es wäre zu einer regelrechten Keilerei gekommen, wenn die Umstehenden nicht dazwischen getreten wären. Willys Gegner wollte sich nicht halten lassen. Mit vor Wuth bebender Stimme rief er: „Das sollst Du mir entgelten, vermaledeiter Jude; Du sollst meine Hundepeitsche fühlen, sobald ich Dich fl he, denn sattsfacttonssähig bist Du ja doch nicht." Da trat ein Herr aus der Menge und sagte, auf Willy deutend: „Ich denke, dieser Herr ist der Beleidigte, denn ich habe gesehen, wie Sie ihn ohne jede Veranlassung insultirten." „Ha, ha, ha!" lachte der Angeredete; „kann man auch einen Juden insultiren? fragen Sie den sauberen Patron doch, ob er sich beleidigt fühlt." Ohne ein Wort zu sagen, zog der Fremde seine Karte, überreichte sie dem Begleiter Gretas und sagte kalt und förmlich: „Sie werden mir für diese Aeußeruna Genugthuung geben, mein Herr. Auch ich bin Jude und zugleich Reserveoffizier im königl. bayerischen Husaren-