Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 36 (6.5.1895)
- Date
- 1895-05-06
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448559-2448594--40701-2489625- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
690 £. spazieren, als sie hinter sich fortwährend die R»fe „Jude, Jude" hören; sie drehen sich um, und bemerken eine Horde Kinder. Erst droht die eine Dame ihnen mit dem Finger und geht schließlich, alS dieselben immer zudringlicher werden, auf den größten Kraben zu, um ihm eine Ohrfeige zu geben. Der Vater des Kindes kommt hinzu, es entsteht ein furchtbarer Lärm, der damit endet, daß er die Dame auf dem Amtsgericht in T. verklagt. Dieselbe verliert auch diesen Prozeß und wird in die Koste» und 45 Mark verurthetlt. DaS Urtheil lautete: Sie wird verurtheilt, weil sie erst eine Weile, nachdem der Knabe gerufen, stch umgekehrt hatte, um ihn zu strafen. Hätte sie stch sogleich umgedreht, so wäre sie freigesprochen worden, da daun die Ohrfeige durch das Schimpfwort ausgewogen wäre. Sie beruhigte stch bet diesem Erkenntniß nicht und ging, jetzt einen erfahrenen Rechtsanwalt zur Seite, an das Kreisgericht in Meseritz. Hier wurde ste freigesprochen, da die Aussage einer Zeugin, die gesehen haben wollte, daß ste erst noch bis zur nächste» Straßenecke gegangen war, ehe ste stch umgedreht hatte, als nicht kompetent angesehen wurde, da ste sich bei ihrer zweiten Vernehmung tu Widersprüche verwickelte. Die Kosten, die der Vater des Kindes zu tragen hat, belaufen stch jetzt auf 400 Mark, die hinreichend dazu geeignet find, ihn für seine antisemitischen Agitationen in dem Städtchen zu strafen. Oesterr.-Ungar. Monarchie. Budapest. Die Repräsentanz der Pester isr. ReligionSgemetnde hielt am 7. v. M. ihre Generalversammlung unter dem Präsidium Sigmund Kohner 's ab. Sie nahm die vorgelegten Rechnungsberichte zur Keuntntß und beschloß auf Antrag des Vorstandes, von dem Gebahrungs Ueberschüffe 20.000 fl. für de» Baufond des neuen Tempels, 10.000 fl. für den Baufond der neuen Schule und 6871 fl. für de» Foud deS Brüdy'fchen Kinderspitals zu reservire». Sodann wurde das 1895er Budget fcst- -estellt. ES wurden prälimintrt als liturgische Ausgaben 55 372 fl., als Unterrichtsausgaben 73 604 fl., für Stipendien 2026 fl., für Wohlthätigkeitszwecke 167.713 fl. Den gesammten Ausgaben von 365.154 fl. stehen 358.424 fl. an Einnahmen gegenüber; das Deficit von 6830 fl. glaubt der Vorstand im ordentlichen Rahmen der Gebahruug decken zu können. Es wurde beschlossen, eine Elementar-Knabenschule zu errichten, deren Erweiterung zu einer Bürgerschule geplant wird. Für diesen Zweck steht bereits ein Stiftungsbetrag von 210.000 fl. zur Verfügung. Auch wurde beschloffeu, de« Bau des Brödy Kinderspitals unverzüglich in Angriff nehmen zu laffen. Für diesen Zweck stehen bisher 202.000 fl. zur Verfügung. Zu einer lebhaften Debatte gab der Antrag des Vorstandes Anlaß, wonach das bisher 400 fl. betragende Maximum der Cultussteuer auf 1000 fl. erhöht werden soll. Nachdem noch Präsident Kohner auf die wachsenden Bedürfnisse der Cultusgemeinde hingewiesen und den Antrag empfohlen hatte, beschloß die überwiegende Majorität in diesem Sinne. vermischtes. Frankfurt a. M., 29. März. Unsere Gemeinde hat das Verdienst, mit der Errichtung eines jüdischen Mädchenstifts vorangegangen zu sein. — Am 17. November 1894 hat das Stift den siebzigsten Geburtstag seiner Ehrenprästdentin Frau Charlotte Speyer festlich begangen, welche die Mittel zur Begründung deS Planes geboten hat. Sie übergab dem Vereine das zu diesem Behufe angekaufte HauS und überwies alS Geschenk noch außerdem 30,000 Mark. — Die Zahl der Zöglinge betrug am Schluffe des Berichtsjahres 22. Von den Zöglingen bilden sich drei auf dem Hoch'schen Konservatorium für Klavierunterricht aus, eine besucht das Lehrerinnenseminar der Elisabethenschule, drei sind Komptoiristinnen, vier Verkäuferinnen, vier sind in Konfektionsgeschäften thätig, eine ist Putzmacherin, drei sind Schülerinnen des Frauenbildungsvereins, eine von diesen letzteren bildet sich zur Kinderpflegerln, die andern beiden zu Buchhalterinnen aus. Eine ist in der Lehre, um den Verkauf zu erlernen, eine ist Leiterin eines KonfektionSatelierS, eine ist Schülerin des Philanthropins. Zumeist werden die Zöglinge unentgeltlich ausgenommen. In Folge deS stetigen Rückganges der festen Jahresbeiträge mußte leider in der letzten Zeit hiervon Abstand genommen werden und entgeht dadurch einer Anzahl Mädchen die Möglichkeit, sich für einen selbstständigen, ehrenhaften Lebenserwerb heranzubilden. Im Berichtsjahre ergaben die festen Mitgliederbeiträge 3390 Mark, die Pflegegelder 6421 Mark, Geschenke 2380 Mark und die Zinsen 3581 Mark. Die Ausgaben betrugen an Verwaltungskosten 2210 Mark, an HauShaltungSkosten 13,400 Mark. Der Ueberschuß von 162 M. wurde dem Reservefonds überwiesen. — An Stelle des verstorbenen Vorsitzenden Adolf Teblee wurde Herr Julius Plotke gewählt. In Deutfch-Kreutz starb am 18. v. M. nach mehrwöchentlichem Krankenlager im Alter von 75 Jahren, Herr Gustav Schiff der vermöge seines überaus regen Wohlthätigkeitsstnnes, der werkthätigen Förderung humanitärer Bestrebungen in großem Ansehen, in ven weiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung bekannt war. Bei seiner am folgenden Tage Nachmittags stattgehabten m? manifestirte stch die Theilnahme für den gerechten und frommen Dahingeschiedenen, deffen Haus in wahrem Sinne ein ITH nnn^ nins genannt wurde, in wahrhaft imposanter Weise. Außer dem Deutsch-Kreutzer Oberrabbiner Herrn D. Friedmann, der unter Weinen und Schluchzen einen winzigen Theil der edlen Thaten des Verstorbenen auSeinandersetzte, hielten noch ergreifende dhödh der angesehene Schwiegersohn des Dahkngegangenen Herr JuliuSRosenbaum, der auch Vorsteher der dortigen Gemeinde ist und der Oedenö. orthodoxe Rabbiner, Herr M. Grünwald. M. Schachner. Aus Düffeldorf wird uns berichtigend mitgetheilt, daß Herr Zivi nicht der ersteCantor, also nichtOberkantor sei und daß er in religiöser Beziehung nicht der orthodoxen Richtung angehöre.