Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 36 (6.5.1895)
- Date
- 1895-05-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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685 Aenilleto«. Nur eine Tochter. Erzählung von H. Berger. 36.) (Me Rechte Vorbehalten. Mitternacht war lange vorüber und noch immer fesselte der Gegenstand seines Studiums den alten Mann. Da hörte er ein Geräusch hinter sich, er blickte sich um und sah einen, mit einer Axt bewaffneten, geschwärzten Mann hinter sich stehen. Ein leiser Schrei entfuhr seinen bleichen Lippen, als der Fremde mit verstellter Stimme sagte: „Noch einen Laut. Jude und meine Axt zerschmettert Deinen Kopf! Wir können ohne Geschrei mit einander fertig werden." „WaS wollen Sie von mir?" fragte der Greis mit zitternder Stimme. „Nicht viel," entgegnete der Vermummte, indem er näher trat. „Ich brauche Geld und muß bet Dir eine Anleihe machen." „Bei mir?" sagte traurig lächelnd Apolandt. „Da kommen Sie an den Unrechten; ich bin selbst ein armer Mann." „Sonst magst Du wohl wenig haben, aber heute weiß ich, daß Du Geld im Hause hast, und ich rathe Dir zu Deinem Besten es mir unverzüglich auszuliefern." „Das ist wohl nicht Dein Ernst; woher sollte ich Geld haben?" „Schwöre mir bei Deinem Gotte, daß Du kein Geld im Hause hast, und ich gehe, stille wie ich gekommen bin, wieder fort." „Den Schwur vermag ich nicht zu leisten. Was ich an eigenem Gelde im Hause habe, will ich gerne geben; doch was mir anvertraut wurde, fremdes Eigenthum muß ich schützen, wenn es gilt, mit meinem Leben." „Sei doch kein Narr, Jude; zwinge mich nicht zur Gewalt; ich bin in einer verzweifelten Lage und muß Geld haben. Ich schrecke von keiner Gewaltthat zurück. Gib mir das Geld, welches Du von dem Großbauern bekommen hast." „Freiwillig nicht. Ich bin ein alter, gebrechlicher Mann und es macht Dir keine Ehre, mich zu überwältigen. Sage mir Deinen Namen und ich will Nachdenken, ob und wie ich Dir helfen kann. Ich schwöre Dir, zu vergessen, wie Du mich be-. droht hast und —" „Zu spat! Gib das Geld und ich gehe." „Denke an die Sünde, welche Du begehen willst und an die Strafe, die Gott über Dich kommen lassen wird, wenn Du Unrecht thust." In dem Fremden kämpften der gute und der böse Trieb mit einander. In seinen Augen spiegelte sich der Kampf wieder und ^endlich siegte der gute Trieb. Er ließ die erhobene Axt sinken,^wendete sich ab und sagte: „Ich kann nicht; mag es werden wie es will; zum Dieb und Mörder kann ich nicht werden. Lege Dich ruhig ins Bett, Jude und bete auch für mich, daß das Unglück, das über mich hereingebrochen ist, mich nicht gänzlich vernichtet." Nach diesen Worten entfernte sich der Fremde auf demselben Wege, auf dem er gekommen war, während Apolandt mit innigem Gebete für die Rettung dankte, die er ihm aus j großer Gefahr hatte angedeihen lassen. Jetzt war die Sammlung, weiter zu „lernen", dahin. Apolandt klappte den Foliantenz zu, sprach sein Nachtgebet und begab sich zur^Ruhe. Am anderen Morgen fuhr Apolandt frühzeitig zur Stadt, wo er bei einem reichen Glaubensgenossen das Geld hinterlegte. Da er bis zur Abreise noch genügend Zeit hatte, sah er sich auch nach einem Käufer für die Hämmel des Großbauern um; er fand bald einen und verabredete mit ihm, daß sie am nächsten Morgen zusammen zu dem Bauern hinausfahren wollten. Als Apolandt nach Hause kam, fand er einen Brief von seiner Tochter vor, worin diese ihm mittheilte, daß die Familie Pretorius einige Wochen Wohnung bet ihnen nehmen wolle, da sowohl Herr Pretorius wie auch Anny und Willy dringend der Ruhe und Erholung bedurften. Sofort wurden die Zimmer in Stand gesetzt und der Tochter gemeldet, daß man sie und ihre Herrschaft jeden Tag erwarte. Apolandt hatte von jenem nächtlichen Abenteuer Niemand etwas gesagt. Ec hatte jenen Unglücklichen nicht erkannt, und es that ihm leid, daß er nichts für ihn thun konnte. Mit der Zeit entfiel auch dieses Ereignis seinem Gedächtnis und er lebte, wie es gerade ging, einfach und bescheiden dahin. Der Aufenthalt der Familie Pretorius in seinem Hanse gab ihm einen Verdienst, auf den er nicht gehofft und nicht gerechnet hatte, und der ihm bei der schlechten Geschäftslage und dem kargen Verdienst wohl zu statten kam. Der Aufenthalt in der herrlichen Luft und in dem köstlichen Walde that Annh sch r gut; sie blühte auf wie eine Rose und war beliebt bei allen, die sie kannten. Dr. Pretorius und Willy waren unzertrennlich. Sie arbeiteten und lernten zusammen und fanden Ersatz einer an dem andern. Eines Tages, als Anny, Fanny und Willy einen Spaziergang in den nahen Wald machten, gesellte sich ihnen ein Bauer zu, der. ohn<' chazu aufgefordert zu sein, fie auf die Schönheit des