Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 36 (1895)
- Issue
- Heft 34 (29.4.1895)
- Date
- 1895-04-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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654 ' . Italien (n) Rom, 31. März. Die jüd. Gemeinde in Neapel, die ihre Existenz zumeist der Munificenz des Hauses Rothschild, besonders aber des Baron Willy Ro thsch tl d in Frankfurt a. M. verdankt, beging heute den 25. Jahrestag ihres Bestehens, aus welchem Anlaffe in der Synagoge eine Festfeier stattgefunden hat. Rabbiner Sanino hat eine Gedenkrede gehalten und zugleich einen Mische« berach für die Wohlthäier der Gemeinde vortragen. In der Synagoge wurde folgendes Epigraph in italienischer Sprache angebracht: „In dem für das Volk des Herrn unglücklichen Jahre 1745, wurden die Söhne Israels aus dem Königreiche beider Sicilien verbannt. Als aber die Freiheit aufging, da erschienen sie wieder nach einer Abwesenheit von dreiundzwanzlg Lustren. Sie gründeten hier am 1. Januar 1862 unter der Regierung Victor Emanuel's ihre Gemeinde. Die uralte fromme Gemeinde von Rom, die seit dem Tage der Verbannung die ihrer Obhut anvertrauten heil. Thorarollen und Gesetzbücher treu aufbewahrte, gab sie uns am selben Tage mit brüderlicher Liebe und unter großen Feierlichkeiten wieder zurück. Dieses möge uns für ewig im Gedächtniß bleiben. Dem unvergeßlichen Ruhme aller jener Männer, die in diesem erhabenen, dem Gotte Israels geweihten Hause, zur Andacht zusammenkamen, und ihrem Andenken weihten wir diese Gedenktafel, damit sie uns erinnere an deren Namen, welche lauten: I. Rouff, V. Lattes, G. Ambrou, G. Tagliacozzo; diese legten auch den Grundstein zu diesem Gotteshause. Das Werk wurde dann vollendet und dauerhaft gemacht durch die Hilfe von Baron Adolf Rothschild, S. Gandersheim, Baronesse Charlotte Ltonel v. Rothschild, Baron Wilhelm von Rothschild, Frau A. Helbert, H. Marcus, C. Hirsche!, A. Sonnimo, E. Oppenheim, S. Mayer, C. Taylor, E. Heinemann, E. Baruch, S. Balobra, Tagliacozzo, Montefiore, Braun, Weil, Rösel und Colombo." Egypten. (v) Alexandrien, 20. März. In Abessynten sind jetzt zwei russische Gesandtschaften, darunter eine, der auch mehrere orthodoxe Geistliche angehören, eiugettoffen, deren Hauptzweck es ist, eine Annäherung zwischen der abefsyntsch-koptifchen und der russisch-griechischen Kirche herbeizuführen. Dieselben wollen auch, wie sie nun verlauten laffen, die Falaschas in der Provinz Samen besuchen, um deren religiöse Schriften und Gebetbücher kennen zu ler- und zugleich ein wenig christliche Propaganda unter denselben zu betreiben. Da der König vonAbeffynien, NeguS Memelek, ein großer Freund der Raffen ist, so steht zu befürchten, daß er der russischen Geistlichkeit dabei behilflich sein werde, um die Falascha's für daS Christenthum zn gewinnen. Da ich eben von Memelik spreche, so muß ich zugleich erwähnen, daß derselbe jetzt in Parts Briefmarken hat drucken laffen (Abeffynten erhält nämlich jetzt einige Postrouten) auf denen sich auch das abeffynische Reichswappen, ein gekrönter Löwe, der in der vordem rechten Pratze ein Schwert hält, befindet. Unter dem Löwen steht di: Inschrift: „Es siegt der Löwe aus dem Stamme Juda." Während man in Europa die Juden verfolgt, ist der Herrscher Abessyniens stolz darauf, daß er sich ein Sohn des Stammes Juda nennen darf. > Vermischtes. *4- München, 9. März. Bor dem Schöffengericht am kgl. Amtsgericht München I. kam heute wieder einmal eine Privatbeleidigungsklage der bekannten Firma Herm. Tietz hier, vertreten durch Rechtsanwalt Wimmer, gegen den Verleger des antisemitischen Volksblattes Weng, zur Verhandlung; ES handelte sich um einen Artikel, in dem der schon öfter erhobene Vorwurf erneuert war, Tietz zahle seinen Ladnerinnen Löhne von 25 M. u. dgl. und verweise sie zur Verbefferung ihrer pekuniären Lage auf unsittlichen Nebenerwerb, ein Vorwurf, deffen Richtigkeit auch heute zwei Zeuginnen bestätigten. Die überwiegende Mehrzahl der Zeugen jedoch, früher und jetzt bei Tietz beschäftigte Personen, traten dem zu Gunsten des Klägers aufs Entschiedenste entgegen, der Lohn einer Ladnerin betrage nie unter 40 Mk. und bekäme manche 90 und 100 M. monatlich, Löhne, die denen in den anderen Geschäften gleicher Branche gezahlten nicht nachstünden, sie vielmehr überträfen, auch von unsittlichen Zumwhungen sei keine Rede, es würde im Gegentheil jede Ladnerin, von der in dieser Beziehung etwas Nachteiliges bekannt werde, sofort entlassen; bei der Anstellung werde ihnen vor allem ein anständiges Benehmen zur Pflicht gemacht. Im Laufe der Verhandlung erhob der Beklagte Weng u. a. auch die neue Anschuldigung, Herm. Tietz habe in der Dachauerstraße mit einer seiner Ladnerinnen zusammengewohnt, ein Punkt, der ihm eine neue Klage auf den Hals laden wird. DaS Gericht maß den Entlastungszeugen keinen Glauben bei und erachtete den vom Beklagten versuchten Wahrheitsbeweis für mißlungen. Das Urtheil lautet für Weng auf eine Gesängnitzstrase von drei Monaten und Tragung sämmtlicher Kosten. Aus eine Freiheitsstrafe und zwar in so beträchtlicher Höhe wurde erkannt, nachdem der Beklagte in Sachen Tietz schon zu den höchsten zulässigen Geldstrafen verurtheilt ist, gleichwohl aber seine immer den nämlichen Punkt berührenden Angriffe gegen Tietz nicht eingestellt hat. PrzemySl. Rabbinatscandidat Gedalje Schmelkes wurde mit großer Majorität vom Przemysler Eultusrath zum R.abbinatSverweser ernannt. Der neugewählte Rabbinatsverweser G. SchmelkeS, ist ein Neffe des berühmten OberrabbinerS in Lemberg. Briefkasten der Redaetion. Herr M. Wolfromm in Cronheim. Die Talmud- Tl-oraschu'e der Aschkenasim-Gemeinde in Jerusalem ist unterstützungsbedürftig. Spenden können durch den „Israelit" oder die Pekidim und Amarkalim in Amsterdam geschickt werden.